Geheimdokumente zu Nato-Manöver So nah kam die Welt 1983 einem Atomkrieg

Es war nur ein Nato-Manöver, doch die Sowjetunion fürchtete einen nuklearen Erstschlag - und traf ihrerseits Vorbereitungen: 1983 stand die Welt womöglich kurz vor einem Atomkrieg. Jetzt aufgetauchte britische Dokumente zeigen, wie sehr die Krise den Kalten Krieg veränderte.
Margaret Thatcher bei einem Truppenbesuch in Deutschland (1986): Sowjetische Überreaktion verhindern

Margaret Thatcher bei einem Truppenbesuch in Deutschland (1986): Sowjetische Überreaktion verhindern

Foto: Jockel Fink / AP

London - Im kollektiven Gedächtnis steht die Kuba-Krise symbolisch für die jahrzehntelange Angst vor einem Atomkrieg. Mittlerweile ist allerdings bekannt, dass der 27. Oktober 1962 vermutlich nicht der heikelste Tag war. Damals forderten am "schwarzen Samstag" US-Generäle einen Luftangriff auf Kuba und eine Invasion binnen 48 Stunden.

Doch am 9. November 1983 scheint die Gefahr eines Atomkriegs noch größer gewesen zu sein. In der ersten Novemberwoche führte das nordatlantische Verteidigungsbündnis Nato damals sein Manöver "Able Archer" durch, zu Deutsch etwa "fähiger Bogenschütze". Dabei simulierten die Westmächte - vor allem Großbritannien und die USA, auch die Bundesrepublik war beteiligt - so realistisch wie nie zuvor einen Atomkrieg. Dabei unterschätzten die Verbündeten offensichtlich die Furcht der Sowjetunion vor einem atomaren Erstschlag des Westens. Teile der Führung in Moskau werteten das Manöver als getarnte Vorbereitung für einen Atomkrieg und versetzten ihrerseits Truppen des Warschauer Pakts in Alarmbereitschaft.

"Wendepunkt der modernen Geschichte"

Dass das Manöver die Sowjets nervös machte, ist schon länger Gegenstand von Historiker-Debatten. Wie einschneidend aber die Ereignisse dieser Novembertage die Sicht vor allem der britischen Regierung auf den Kalten Krieg verändert haben, belegen jetzt freigegebene Dokumente, über die der "Guardian" berichtet . Demnach belegen die Kabinettsnotizen und Vorlagen für die Regierung, wie das realistische Manöver die Sowjetunion glauben ließ, dass ein Atomangriff tatsächlich möglich schien. Als die britischen Geheimdienste ihre Regierung wiederum über die Moskauer Reaktion informierten, sei Premierministerin Margaret Thatcher bemüht gewesen, einen solchen Fehler für die Zukunft zu verhindern.

Erschrocken darüber, welche Reaktionen das Nato-Manöver ausgelöst hatte, hätten Großbritannien und die USA ihr Verhältnis zur Sowjetunion überdacht und an besseren Beziehungen zur Moskauer Führung gearbeitet. An die Öffentlichkeit gebracht hat die Papiere der Direktor des britischen Nuclear Information Service (NIS), Peter Burt: "Diese Unterlagen dokumentieren einen Wendepunkt der modernen Geschichte - den Moment, in dem die alarmierte Thatcher-Regierung realisierte, dass der Kalte Krieg zu einem Ende gebracht werden musste und damit begann, ihre amerikanischen Verbündeten davon zu überzeugen", wird Burt im "Guardian" zitiert.

Manöver passte zu den vermuteten Nato-Angriffsplänen

Die sowjetische Führung war von "Able Archer" irritiert, weil ihre Geheimdienstinformationen über das Manöver gut zum vermuteten Ablauf eines tatsächlichen atomaren Angriffs der Nato auf den Warschauer Pakt passten. Die Moskauer Militärs rechneten damit, dass die Nato solche Vorbereitungen durch ein Manöver tarnen würde und etwa eine Woche zwischen dem Beginn der Vorbereitungen und dem Angriff vergehen würde. Beides traf auf die Novemberübung zu. Zudem hatten die Geheimdienste ungewöhnlich viel verschlüsselte Kommunikation zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten registriert, ihnen war auch nicht entgangen, dass in das Nato-Manöver Regierungschefs wie Großbritanniens Thatcher und auch Helmut Kohl in der Bundesrepublik einbezogen waren.

Die Ausgangslage für das Nato-Manöver war denkbar heikel. Sowohl die USA als auch Russland hatten sich nach dem Nato-Doppelbeschluss 1979 mit einem bevorstehenden Erstschlag der jeweils anderen Seite beschäftigt. Die USA planten unter Präsident Ronald Reagan ihr als "Star Wars" verspottetes Raketenabwehrprogramm "Strategic Defense Initiative". Im September 1983 schoss die Sowjetunion eine koreanische Boeing 747 mit 269 Menschen an Bord ab, vermutlich in der Annahme, es handele sich um ein US-Spionageflugzeug. Einen Monat vor "Able Archer" bewahrte nur die Besonnenheit des sowjetischen Oberst Stanislaw Petrow die Welt vor einem Atomkrieg, nachdem die sowjetische Frühwarnzentrale den Start amerikanischer Raketen gemeldet hatte. Und wenige Tage vor dem Nato-Manöver marschierten die USA in Grenada ein.

Die Sowjets nahmen das Nato-Manöver so ernst, dass sie laut "Guardian" ein Dutzend in der DDR und Polen stationierte Flugzeuge mit Atomsprengköpfen bestücken ließen, Atom-U-Boote sich im Polarmeer unter der Eisdecke vor der westlichen Aufklärung verbargen und mit Atombomben ausgestattete Raketenstützpunkte in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt wurden. Währenddessen nahmen die Nato-Kommandeure laut "Guardian" die russischen Reaktionen nicht ernst.

Sowjetische Reaktion wirkte nicht wie eine Übung

Allerdings war Thatcher offenbar anschließend davon so aufgeschreckt, dass sie ihre Mitarbeiter laut "Guardian" nach Wegen suchen lies, künftig eine "sowjetische Überreaktion" zu verhindern. Gleichzeitig sollten demnach so schnell wie möglich die US-Amerikaner auf die Gefahr eines kriegsauslösenden Missverständnisses aufmerksam gemacht werden. Aus diesen Überlegungen ist nach geheimen Unterlagen des britischen Außen- und Verteidigungsministeriums der britische Vorschlag hervorgegangen, dass die Nato künftig die Sowjetunion routinemäßig über bevorstehende Nato-Manöver mit nuklearen Planspielen informieren sollte.

dba
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