Kambodscha Jackpot Pol Pot

Wie macht man Millionen mit einem Massenmörder? Ehemalige Rote Khmer entwickeln bizarre Pläne: Während die Anführer des Völkermords endlich in Phnom Penh vor einem Tribunal stehen, wollen die Ex-"Leutnants" mit dem Vermächtnis von "Bruder Nr. 1" Geld verdienen.
Von Erich Follath

So ein Ende möchte man keinem wünschen: Saloth Sar ist in seinen letzten Tagen von allen Vertrauten verlassen worden, sie machten ihm auf einem Dorfplatz öffentlich den Prozess, verurteilten ihn zu lebenslänglich. Saloth Sar erlitt einige Monate später in Haft einen Herzinfarkt und starb im Schlaf auf einer primitiven Pritsche. Saloth Sar wurde hastig verbrannt, keine Trauerrede, kein religiöses Zeremoniell, keine Tränen von Angehörigen - und in das Feuer warfen seine Ex-Genossen alles, was sie nicht mehr brauchen konnten und was die Flammen am Lodern erhielt: kerosingetränkte Autoreifen, alte Decken, Müll.

So schied am 17. April 1998 der Mann aus dem Leben, der als Schicksalsgott seine Nation tyrannisiert hatte, gemeinsam mit Hitler und Stalin der schlimmste Massenmörder des letzten Jahrhunderts. Saloth Sar alias Pol Pot alias "Bruder Nr. 1" war verantwortlich für den Tod fast jedes vierten Kambodschaners, etwa zwei Millionen Menschen raffte sein grausames Menschenexperiment in dreieinhalb Regierungsjahren von 1975 bis 1979 dahin. Ein Völkermord, bis heute unbegreiflich in seiner Brutalität und in seinen Ausmaßen. "Nun ist Pol Pot weniger wert als ein Haufen Kuhscheiße", rief ihm Ta Mok verächtlich am Tag der Verbrennung nach, sein letzter Rote-Khmer-Nachfolger, und kickte mit den Stiefeln in die Asche. "Allenfalls noch als Kuhdünger zu gebrauchen."

Auf diese Demütigung vor fast genau einem Jahrzehnt folgt in diesen Tagen etwas, das der Möchtegern-Revolutionär und Steinzeitkommunist wahrscheinlich als noch viel demütigender empfinden würde: seine Vermarktung. Frühere Khmer-Rouge-Leutnants wollen jetzt Geld scheffeln mit dem Mann, der einst in Phnom Penh die Nationalbank niederreißen, alle Scheine verbrennen, jedes Zahlungsmittel abschaffen ließ.

Kambodschas wilder Westen

Pol Pot als Jackpot? Millionen machen mit einem Massenmörder, mit dessen Überresten und furchtbarem Erbe: Geht das? Und was sind das für Typen, die solche Pläne aushecken, während der Rest der kambodschanischen Nation doch gerade gebannt auf das internationale Tribunal schaut, auf den Prozess, der nun endlich in Phnom Penh den überlebenden fünf Hauptverantwortlichen gemacht werden soll?

Ortstermin Pailin, Kambodschas wilder Westen. Dschungel, Wälder, Wasserfälle; Heimat von Rubinen, Tropenhölzern – und politischen Radikalen. In dem schwer zugänglichen Ort nahe der thailändischen Grenze haben sich einst die Roten Khmer verschanzt, als die vietnamesischen Truppen sie aus der Hauptstadt vertrieben. Pailin war ihr vorletztes Hauptquartier und Ieng Sary, früherer Außenminister Pol Pots, ließ sich 1996, als er mit der Regierung in Phnom Penh ein Abkommen schloss und die Waffen niederlegte, den Deal teuer bezahlen: Er durfte die Region mitsamt ihren Schätzen weiter verwalten, als eine Art staatlich sanktioniertes Lehen.

Erst vor kurzem hat Ieng Sary seine Pailin-Villa verlassen, er wurde verhaftet und wartet nun, im hastig hochgezogenen Luxusgefängnis von Phnom Penh, auf sein Gerichtsverfahren; sein Freund Nuon Chea, früherer "Bruder Nr. 2" des Horror-Regimes, wurde im Dezember per Helikopter aus Pailin ausgeflogen, wo er bisher mit seiner Frau gemütlich und ungestört seinen Lebensabend mit Lesen auf dem Schaukelstuhl seiner Veranda verbracht hatte.

Sein Misstrauen und sein Blutrausch zerstörten ihn

Pailin, wo sich die nicht ganz so prominenten Ex-Khmer-Rouge längst wieder Waffen besorgt haben und in den Restaurants und Karaoke-Bars patrouillieren, ist ein aufstrebender Ort. Knapp 30.000 Menschen leben jetzt hier. Das liegt am Schmuggel der Edelsteine, an der illegalen Abholzung. Vor allem aber an den neuen Casinos dicht an der Grenze; neben reichen Khmer aus der Hauptstadt kommen vor allem Thais zum Roulett und Blackjack, in ihrem Land ist das Glücksspiel verboten.

"Diamond Crown" und "Caesar International" heißen die goldblinkenden Casinos mit angeschlossenen Hotels und Discos, wo schöne Mädchen auf die Gewinner warten. Las Vegas meets Pailin. Wem gehören die Hotels? "Der Familie Ieng", sagt der Mann an der Rezeption. Und die Spielhöllen? "Den Iengs natürlich, wie alles hier in Pailin", sagt der Croupier. "Die Leute übertreiben", sagt Ieng Vuth mit einem milden Lächeln und kann seine Finger nicht ruhig halten, als müssten sie immer Scheine zählen, auch wenn da gerade gar keine sind. Er ist der älteste Sohn des Ex-Außenministers.

Und der Massenmörder bestellt seine Felder

Da erfordert wohl schon die Bluts-Solidarität, dass er Sätze sagt wie: "Das Volk hat die Roten Khmer zumindest am Anfang als Befreier empfunden." Geschäftstüchtige Freunde der Familie haben begonnen, Pol-Pot-Erinnerungstouren anzubieten; wer 25 Dollar anlegen will, darf die Villen der einstigen Spitzen-Genossen besuchen, sich die alten Schießstände der Roten Khmer anschauen und auch selbst mal mit den alten Kalaschnikows herumballern.

Ortswechsel: Anlong Veng, Kambodschas verlassener Norden. Ein trostloses Kaff mit einigen Bretterbuden und staubigen Lehmstraßen. Anlong Veng, 10.000 Einwohner, war das letzte Hauptquartier der Roten Khmer. Hier haben einige Kämpfer bis April 1998 ausgeharrt, Pol Pot lange Zeit in einem Haus auf den Klippen, oberhalb des Ortes in den Bergen, mit Sicht auf die thailändischen Ebenen.

Das grenzenlose Misstrauen und sein Blutrausch haben den "Bruder Nr. 1" letztlich zerstört - selbst den Stellvertreter Son Sen, lange Zeit sein absoluter Liebling, hielt er am Schluss für einen Verräter und ließ ihn hinrichten. Nicht nur ihn, sondern sicherheitshalber seinen ganzen Clan, 13 Menschen, Kleinkinder und Greise darunter. Seine Schergen folgten den Befehlen Pol Pots blind; aber nicht mehr die Spitzen-Genossen. Ta Mok, der "Einbeinige", ließ Pol Pot dann vor das Dorfgericht stellen, wohl kaum, weil er humanistische Anwandlungen hatte, sondern weil er selbst den Tod fürchtete - wenn es Son Sen treffen konnte, war keiner mehr sicher.

Kühe grasen, wo Pol Pot verbrannt wurde

"Zwei Dollar will ich künftig pro Tourist für eine Rote-Khmer-Tour verlangen, finden Sie das angemessen?", fragt Nhem En, der heutige Vizegouverneur von Anlong Veng. Er muss zugeben, dass es noch keinen einzigen Touristen gibt in der öden Grenzstadt. "Aber das wird kommen", sagt er mit einem breiten Grinsen. "Wenn wir endlich das Einzige vermarkten, was wir hier zu bieten haben: unsere Khmer-Rouge-Vergangenheit."

Und er führt uns zu Ta Moks alter Villa mit ihren befestigten Mauern und den Wandgemälden, die er für sein Heim in Auftrag gegeben hat: die Tempel von Angkor im kitschigen Licht des Sonnenuntergangs. Weiter zum Verbrennungsplatz Pol Pots. Auf einem Hügel liegt er, am Rande des Weilers. Kühe grasen, Kinder spielen Fangen, ein Wellblechdach steht über schwarzer Erde, die Stätte ist abgegrenzt durch in den Boden gerammte alte Milchflaschen. Ungeziefer kriecht zwischen Plastikbechern.

En erzählt aus seinem Leben. Mit zehn wurde er von den Roten Khmer rekrutiert, als Trommler für die Musikgruppe der Guerillas, die damals, Anfang der Siebziger, noch im Untergrund kämpften. Die Streifzüge: ein einziges Abenteuer. Die Chefs sind beeindruckt von dem anstelligen Knaben, schicken ihn mehrfach zu Fotografen-Lehrgängen nach China. Er ist noch keine 19, als sie ihn nach dem Einmarsch in Phnom Penh zum Chef des Fotografenteams von Tuol Sleng ernennen. In dem Foltergefängnis macht er die "mug shots", nimmt den Neueingelieferten die Augenbinde ab, rückt alles für die Porträts zurecht. Beantwortet keine Fragen. Bleibt bis heute "stolz auf die professionelle Arbeit", die das Entwickeln der Filme und die Archivierung der Bilder einschließen. Obwohl er weiß, dass bald nach dem Fotografieren die Folterungen einsetzen werden, dann der Abtransport.

Menschenknochen im Vorgarten

Nur sieben von mehr als 14.000 Häftlingen haben Tuol Sleng überlebt. Nhem En aber hat seine Abzüge gerettet, seltene Porträts von Pol Pot, den er bei Reisen ablichtete, auch die alten Kameras; und außerdem noch seine Khmer-Rouge-Uniform, das Partei-Zertifikat. Dies alles will er nun in einem "Versöhnungsmuseum" ausstellen, 60.000 Dollar hofft er für die Erinnerungsstätte an Sponsoren-Geldern zu sammeln. "Ich bringe den wirtschaftlichen Fortschritt nach Anlong Veng", sagt der Anpassungskünstler. Nach dem Fall der Roten Khmer hatte er zunächst ein Parlamentsmandat für die Oppositionspartei, wechselte er dann in Regierungslager - dort sind die Pfründe.

Noch eine Sehenswürdigkeit: Das Grab des Son Sen. Es ist nicht viel zu sehen im Vorgarten der Bäuerin am Ende des Ortes. Über schwarzer Erde wächst ein Aprikosenbaum. Frau Thirith, eine kleine Harke in der Hand, erzählt emotionslos von dem schrecklichen Tag. Wir wenden uns ab zum Gehen. Da schaufelt Thirith ein bisschen Erde zur Seite und befördert, kaum einen Zentimeter unter dem Boden, etwas ans Tageslicht. Ein kleiner Knochen. "Fünf Dollar", sagt sie. Herr En lacht: "Sehr preiswert, ein echtes Souvenir aus unserer Vergangenheit." Uns bleibt nur ein Kopfschütteln; Nhem En hält das für eine Verhandlungstaktik. "Ich handele das herunter, oder warten Sie, ich übernehme das", sagt der Ex-Khmer-Rouge und greift nach dem Gebein. Zeit ihn wegzuziehen, der Frau die menschlichen Überreste zurückzugeben. Zur hoffentlich endgültigen Bestattung.

Das war unser zweitschlimmste Erlebnis in Kambodscha - das schlimmste war ein Besuch bei einem der Massenmörder. Bei Him Huy, der im Foltergefängnis Tuol Sleng als Kommandant der Wachmannschaften arbeitete, Hunderte auf den Killing Fields totschlug, aber nach Meinung der nationalen und internationalen Richter nicht das Kriterium eines "Haupttäters" erfüllt - und deshalb dieser Tage in Ruhe sein Bauernhaus bei Prek Sdei ausbaut und seine Felder bestellt.


Lesen Sie von Erich Follath in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL auch eine ausführliche Reportage über Kambodscha: "Die Zeugen der Killing Fields."