Zum Tod von Norodom Sihanouk Der traurige Champagner-König

Norodom Sihanouk steuerte sein Heimatland Kambodscha durch die Höhen und Tiefen der Weltpolitik. Nun ist der schillernde Monarch kurz vor seinem 90. Geburtstag gestorben. Er war Patriot, Playboy und Politprofi, Freund von Mao wie Pol Pot - vor allem aber: ihr Opfer.

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Von Erich Follath


So viele Gegensätze wie Norodom Sihanouk hat wohl kein Politiker der Neuzeit in sich vereint: Er war ein von Luxus verwöhnter Monarch, der mit kommunistischen Massenmördern erstaunlich gut konnte, pries Mao Zedongs Bauernrevolution, bewunderte Pol Pot für dessen Durchsetzungsfähigkeit, diskutierte gerne mit Kim Il Sung, in dessen Gästehaus bei Pjöngjang er viele Monate seines Exils verbrachte. Er war ein Träumer und ein Tatmensch, konnte sich tagelang in seine Filmstudios verkriechen und Liebeslieder komponieren, gleichzeitig jonglierte er als gewiefter, frankophiler und Frankreichs weltweites Machtstreben hassender Kämpfer sein Land durch die Wirren Indochinas. Einer, der mit allen Mitteln für die Unabhängigkeit der Heimat kämpfte: Norodom Sihanouk, "Preahmahaviraksat", wie sein offizieller Titel lautete, "König und Vater aller Kambodschaner".

Ein Playboy, ja, auch das - 14 Kinder mit fünf Ehefrauen hat er gezeugt und jede Menge Konkubinen unterhalten. Vor allem aber: ein Patriot. Ein egomanischer Philantrop, der sich seines Ranges als erster, gottgekrönter Mann im Staate sehr bewusst war und seine Interessen wie die seines Volkes immer souverän gleichgesetzt hat. Eine Art Quecksilber-Thermometer dieser gesegneten und geschundenen Nation, mit Ausschlägen von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt.

"Ich bin vielleicht kein guter Politiker, aber unter den schlechten noch der beste. Bin ich nicht der einzig vorzeigbare Kambodschaner?", sagte er bei dem denkwürdigen, einen ganzen Nachmittag dauernden Gespräch, das ich mit ihm führen konnte, und ob er das eher selbstironisch oder einfach nur selbstbewusst meinte, war nicht ganz klar.

Er hatte mich nach Peking gebeten, im März 1981, wo er sich zwischenzeitlich ein Auslandsdomizil eingerichtet hatte. Die Chinesen hofierten ihn, sie wollten den König damals überreden, sich mit den verbliebenen Kämpfern der Roten Khmer zu einer großen Koalition zusammenzuschließen und seine Heimat wieder von den Vietnamesen zurückzuerobern. Sihanouk residierte in einer prächtigen Villa mit Lüstern, Fauteuils und schweren Brokatvorhängen. Kaum größer als 1,60 Meter und mit einer hohen Fistelstimme ausgestattet, war er an diesem Tag in einer merkwürdigen Stimmung, halb aufgekratzt, halb sentimental. Zwischen Champagner, Foie Gras und importierten Pralinen zog er eine ausführliche Lebensbilanz und ließ sich dabei kaum von Fragen stören.

Aus dem Monarchen wurde ein "bürgerlicher Präsident"

Er erzählte von den Jugendtagen im Palast von Phnom Penh unter der Aufsicht der französischen Kolonialmacht, seinen Hobbys als Prinz: Kino, Musik, Theater; von seiner Einsamkeit und seiner Freundschaft zu einem Admiral aus Paris, der ihn förderte. Kaum volljährig hob man Sihanouk, den die fremden Herrscher für einen unbedarften Schöngeist hielten, auf den Thron. Reale Macht war damit kaum verbunden. Doch Sihanouk bewies politisches Gespür und probierte erstmals erfolgreich, wie man Großmächte gegeneinander ausspielt - Franzosen gegen Japaner. Beide hielten ihn für "ihren Mann", Sihanouk konnte so 1949 für sein Kambodscha die Autonomie und dann 1953 die völlige Unabhängigkeit erreichen. Aus dem Monarchen wurde vorübergehend ein "bürgerlicher Präsident". Noch mehrmals in seinem Leben wechselte er zwischen den Rollen des Königs und des gewählten Regierungschefs. Rücksichten auf Opposition von links wie rechts waren ihm aber immer fremd. Der Mann, der immer so sanft wirkte, griff stets durch, mit aller Härte.

"Majestät, wie konnten Sie zulassen, dass Ihre Gegner gefoltert und oft auch hingerichtet wurden?"

"Aber ich bitte Sie, Monsieur", antwortete Sihanouk. "Ich bin doch zivilisiert, so etwas hätte ich nie gebilligt, in meinem Denken und Fühlen war ich immer ein Demokrat. Vielleicht waren da einige meiner übereifrigen Anhänger am Werk..."

Und dann sagte Sihanouk, der von sich gern als Sihanouk sprach, dass Sihanouk immer ein Prophet war. Dass er kommende Katastrophen vorausgeahnt habe, ohne sie freilich verhindern zu können. Die menschenverachtenden Flächenbombardements der Amerikaner etwa, die ihn Mitte der sechziger Jahre - wohl nicht ganz zu Unrecht - beschuldigten, die Vietkong zu unterstützen. Den Aufstieg der Roten Khmer, die sich gegen den konservativen Monarchen und seine vermeintlichen Unterstützer im Westen zusammenrotteten. Schließlich auch den wahrscheinlich von der CIA mitgeplanten Putsch des rechtsgerichteten Generals Lon Nol, der im März 1970 nach der Macht griff, während Sihanouk gerade auf einer Abmagerungskur an der Côte d'Azur weilte.

Gemeinsame Fotos mit Pol Pot

Der Prinz ersuchte bei Mao um Unterstützung, freundete sich mit den Roten Khmer an, zu deren Stellungen im kambodschanischen Untergrund ihn die Pekinger Machthaber ausflogen. Sihanouk erzählte mir, wie sie mitten im Busch frisches Baguette für ihn besorgten und wie er in den geheimnisvollen Tempeln von Angkor gemeinsame Fotos mit Pol Pot machte. Alles sei sehr harmonisch gewesen, sagte er, und doch: "Ich habe schon damals geahnt, wenn die Roten Khmer mich nicht mehr brauchen, werden sie mich ausspucken wie einen Kirschkern."

Da hatte er sich wohl etwas eingeredet - weder den Werdegang noch die Bilanz der Pol-Pot-Regierung hätte sich irgendjemand ausmalen können.

In ihrem Wahn, einen neuen Menschen zu schaffen, vertrieben die Roten Khmer schon am Tag ihrer Machtübernahme im April 1975 alle Stadtbewohner aufs Land, zwangen sie zur Landarbeit, zerstörten Banken und Bibliotheken. Offiziell machten sie den König zum Staatsoberhaupt, doch sie behandelten ihn wie ihren Gefangenen und hielten ihn unter Hausarrest. Dem wahnsinnigen Wüten der Steinzeitkommunisten fielen mehr als 1,7 Millionen Menschen zum Opfer, fast jeder vierte Landesbewohner. Und auch Sihanouks Familie entging dem großen Morden nicht: Fünf Kinder und mindestens 14 seiner Enkel überlebten das Gewaltregime nicht.

Als vietnamesische Invasionstruppen nach über dreieinhalbjähriger Roter-Khmer-Regierung den Horror beendeten und die Macht übernahmen, wurde Sihanouk mit einer chinesischen Militärmaschine nach Peking ausgeflogen. Wenig später trat er vor der Uno-Generalversammlung in New York an der Seite der Massenmörder auf - und erreichte, mit den Stimmen Washingtons und Bonns, dass auch weiterhin er gemeinsam mit den Roten Khmer vor der Weltgemeinschaft für Kambodscha sprechen durfte, nicht "die Besatzer". "Ich werde den Massenmördern nie verzeihen, was sie meiner Familie und meinem Volk angetan haben", sagte er zum Abschluss unseres Gesprächs 1981. "Aber ich wusste immer: In der Politik muss man Realist sein."

Sihanouk blieb es, im Guten wie im Schlechten. Er gründete kurze Zeit nach meinem Besuch in Peking eine "Vereinigte Nationale Front für ein unabhängiges, neutrales und friedliches Kambodscha" und arbeitete aktiv für die Aussöhnung zwischen allen Fronten. Im November 1991 kehrte er im Triumphzug nach Phnom Penh zurück. Nach den unter Uno-Aufsicht geführten Wahlen wurde er 1993 wieder zum König und Staatsoberhaupt Kambodschas, das die Staatsform einer konstitutionellen Monarchie übernahm. Sihanouk zog sich dann bald, von Krankheit gezeichnet, aus der aktuellen Politik zurück. Doch die Fäden zog er weiter, der gläubige Buddhist verzichtete auf Rache und bat sein Volk, Gleiches zu tun. Er begnadigte einige der führenden Mitglieder der Roten Khmer und spaltete so die Bewegung. 2004 dankte Sihanouk ab.

Diktatorenbekämpfer oder Tyrannenfreund?

Es gelang ihm, seinen Sohn Norodom Sihamoni als Nachfolger zu inthronisieren, doch der erreichte nie auch nur annähernd die Popularität des Vaters. Sihanouk zog sich immer häufiger zur Kur nach Peking oder Pjöngjang zurück. Er wirkte noch als Regisseur ("Schatten über Angkor") und Song-Schreiber, trällerte auf seiner Website Liebeslieder.

Nun ist er am Sonntag in Peking gestorben, friedlich entschlafen in seinem Bett - nicht unbedingt ein vorgezeichnetes Ende seiner royalen Rollercoaster-Karriere, einer politischen Berg- und Talfahrt, deren Stationen man sich noch einmal im Zeitraffer vergegenwärtigen muss: mit 18 König, mit 31 Exilant, mit 32 Premier, mit 38 Staatsoberhaupt, mit 54 Gefangener, mit 69 Asylant, mit 71 wieder König.

Diktatorenbekämpfer oder Tyrannenfreund - was wird als sein Vermächtnis übrig bleiben, seine Fehltritte, seine falschen Kompromisse, seine Rettungsversuche, seine überlebenswichtigen Zugeständnisse?

Die Kambodschaner, so scheint es, haben ihrem Vater-König alles verziehen. Wann immer und wo immer er sich in den letzten Jahren bei "seinen" Khmer meldete, schlugen ihm Sympathien und Hochachtung entgegen. Die Landsleute tolerierten auch seine abwehrende Haltung gegenüber dem Rote-Khmer-Tribunal der Vereinten Nationen, das 2006 in Phnom Penh seine Arbeit aufgenommen hat. Sihanouk wies empört die Bitte zurück, doch selbst vor dem Gericht auszusagen.

Er war immer mit sich im Reinen - und sah doch die Tragödie, die ihn umgab. Deshalb wollte er lieber keine Autobiografie schreiben - "das käme in meinem Fall nur Shakespeare zu", sagte er mir damals in Peking.

Unter den gegebenen Umständen glaubte Norodom Sihanouk immer, das Bestmögliche getan zu haben. Für sich, für seine Familie, sein Volk.



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r.wawer 15.10.2012
1. Ungerechter Fuchs
Einen ungerechten und unnützen Fuchs braucht man nicht ehren. An seiner Stelle wäre wahrscheinlich ein anderer zwar nicht für sich, aber so doch für das Volk, das er vermeintlich oder wirklich repräsentiert, besser gewesen. Was für eine Verschwendung von Verantwortung.
ulli7 15.10.2012
2. Norodom Sihanouk hatte auf ganzer Linie versagt
Die erste Zeile sollte berichtigt werden: "Norodom Sihanouk steuerte sein Heimatland Kambodscha durch die Höhen und Tiefen der Weltpolitik." Das trifft überhaupt nicht zu. Der frühere König Sihanouk hätte die grausige Regierungszeit von Pol Pot und der Roten Khmer vermutlich verhindern können und möglicherweise auch die letzten 27 Jahre Gewaltherrschaft des jetzigen Regierungschefs Hun Sen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/kambodscha-gewaltherrscher-hun-sen-regiert-mit-autoritaerer-haerte-a-859470.html Die Bevölkerung von Kambodscha ist offenbar genauso unpolitisch und unaufgeklärt wie die von Thailand, die ebenfalls ihren langjährigen König verehrt, der genauso wenig für sein Land getan hat. Der Unterschied zwischen König Sihanouk und König Bhumibol besteht darin, dass sich Sihanouk nicht bereichern konnte, während Bhumibol mit einem geschätzten Vermögen von 36 Milliarden US-Dollar (FORBES) einer der reichsten Monarchen der Welt ist und mit intensiver Gehirnwäsche der Bevölkerung von klein auf einen Personenkult um seine Person installiert hat. Im Nordosten von Thailand leben deutlich über eine Million ethnischer Khmer mit thailändischer Staatsangehörigkeit, die sich in der Familie in ihrer Muttersprache Khmer unterhalten, jedoch in der Schule nur Thai lernen müssen. Durch Jahrzehnte lange Beeinflussung durch die thailändischen Medien verachten die ethnischen Khmer in Thailand ihre eigene Bevölkerungsgruppe in Kambodscha und würden bei einem erneuten Grenzkonflikt gegen ihr eigenes Volk der Khmer in Kambodscha in den Krieg ziehen.
max113 20.10.2012
3. Koh Tral
... Koh Tral gehört zu Kambodscha. Koh Tral (bekannt unter dem Name: Phu Quoc) ist nicht im Besitz den Kambodschanern und deshalb wollen Sie bald wieder zurück. Die Menschen lieben die Insel Koh Tral aus tiefstem Herzen.
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