Deutscher in Kamerun In Haft - wegen Fotos auf der Kamera

Der Deutsche Wilfried S. ist während einer Urlaubsreise in Kamerun verhaftet worden. Seit sechs Monaten hält ihn die Justiz fest - seine WhatsApp-Chats waren den Behörden nicht genehm.

Wilfried S., seit einem halben Jahr in Kamerun inhaftiert

Wilfried S., seit einem halben Jahr in Kamerun inhaftiert


Im zentralafrikanischen Kamerun ist ein deutscher Staatsbürger seit sechs Monaten inhaftiert, und das offenbar aus politischen Gründen.

Die kamerunische Justiz wirft Wilfried S., Diplomingenieur aus Erlangen, vor, er wolle den Staat Kamerun destabilisieren und eine Rebellion anzetteln. Das geht aus verschiedenen Unterlagen zu seinem Fall hervor.

Das Paar aus Franken war Anfang des Jahres mit seinen elf Monate und drei Jahre alten Kindern in Kamerun auf Verwandtenbesuch. "Wir wollten, dass die Familie die Kinder kennenlernt."

Polizist in der Innenstadt von Jaunde, Kamerun
Marco Longari/ AFP

Polizist in der Innenstadt von Jaunde, Kamerun

Doch dann wurde ihr Mann am Ende einer Urlaubsreise kurz vor dem geplanten Rückflug am 18. Februar festgenommen. In der Innenstadt von Jaunde hätten ihn Polizisten angehalten, als er Fotos von einem Postamt und einem Gerichtgebäude machte, in dem gerade gegen einen Oppositionellen verhandelt wurde, sagte die Ehefrau dem SPIEGEL.

Auf der Speicherkarte seiner Digitalkamera fanden die Beamten Bilder, die der Ingenieur auf Demonstrationen gegen die kamerunische Regierung in Deutschland aufgenommen hatte. Außerdem werfen ihm die Ermittler vor, S. habe sich an regierungskritischen WhatsApp-Gruppen beteiligt.

Nach seiner siebten Wiederwahl startete Biya eine Verhaftungswelle

In Kamerun kann das schon ausreichen, um hinter Gittern zu landen: Seit 36 Jahren regiert Staatschef Paul Biya das Land. Dessen siebte Wiederwahl im Herbst 2018 wurde von Betrugsvorwürfen begleitet.

Staatschef seit 1983: Paul Biya mit Gattin Chantal
AP

Staatschef seit 1983: Paul Biya mit Gattin Chantal

Im Januar 2019 wurde Maurice Kamto, Oppositionskandidat und selbst erklärter Wahlsieger von der Partei MRC, verhaftet. Es war der Auftakt für mehrere Verhaftungswellen nach den Wahlen, bei denen Hunderte Oppositionelle festgesetzt wurden. Und zu denen zählen die Ermittler in Jaunde offenbar auch den Deutschen S.

Seine Frau sagt, ihr Mann sympathisiere zwar mit den Ideen mancher Oppositioneller, in der Zeit in Kamerun habe er sich aber nicht politisch betätigt. Für sie und ihre Kinder sei die Trennung von ihrem Vater traumatisch. Vor allem der dreijährige Sohn frage kurz vor seinem vierten Geburtstag immer wieder nach Papa.

S. kam seiner Ehefrau zufolge ursprünglich als Student nach Deutschland. Er arbeitet inzwischen für ein großes Unternehmen in Mittelfranken. Die Frau sagt, das Auswärtige Amt habe ihr versichert, der Fall ihres Mannes habe in Berlin hohe Priorität. Leider habe das aber bisher nichts gebracht.

Ende Juli war S. für zehn Tage unauffindbar

Der Familienvater harrt nun im Kondengui-Zentralgefängnis von Jaunde aus. Er hat Zugang zu einem Anwalt. Allerdings unterstellten ihm die kamerunischen Behörden zunächst, er habe einen kamerunischen Ausweis dabei gehabt, damit sei Deutschland für S. nicht zuständig. Unmöglich, sagt Frau S. Denn mit der deutschen Staatsbürgerschaft habe ihr Mann nach dortigem Recht automatisch die kamerunische verloren.

S. wird seit dem ersten Tag seiner Haft konsularisch durch die deutsche Botschaft in Kamerun betreut. Bis ein konsularischer Mitarbeiter S. aber das erste Mal besuchen durfte, vergingen laut seiner Ehefrau fünf Monate.

Wie das Auswärtige Amt in Berlin dem SPIEGEL mitteilt, ist der Fall dort "bekannt". Die Inhaftierung von S. sei außerdem "Thema in den Gesprächen zwischen beiden Regierungen" gewesen. Auf die mehrmalige Nachfrage des SPIEGEL an die Botschaft Kameruns, was S. genau vorgeworfen werde, reagierte die Vertretung des zentralafrikanischen Landes nicht.

Die Ehefrau des Inhaftierten findet unterdessen Hilfe bei Verwandten. Ende Juli habe sie sogar um das Leben ihres Mannes gefürchtet. Während einer Revolte im Zentralgefängnis von Jaunde am 22. Juli war ihr Mann schwer am Kopf verletzt worden. Anschließend konnten Verwandte ihn in der Anstalt nicht mehr finden. Er sei verlegt worden, hieß es nur. S. hatte Angst, ihr Mann könnte womöglich tot sein.

Erst zehn Tage später konnten ihr deutsche Konsularbeamte bestätigen, dass der Vater ihrer Kinder nach den Aufständen in der Haftanstalt zwar verletzt, aber am Leben war.


Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, Kamerun sei ein westafrikanisches Land. Geografisch ist das Land vielmehr Zentralafrika zugeordnet, wir haben die Stellen angepasst.

red



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