Boko Haram, Bürgerkrieg, Flüchtlinge in Kamerun "Das kann leicht explodieren"

In Kamerun bekriegt sich die Zentralregierung mit Separatisten der englischsprachigen Minderheit. Das Land könnte von drei Krisen zugleich zerrissen werden, warnt der britische Ex-Außenminister David Miliband im Interview.

Kamerunische Sicherheitskräfte in der Provinz Südwest, Oktober 2018
AFP

Kamerunische Sicherheitskräfte in der Provinz Südwest, Oktober 2018

Ein Interview von


Seit mittlerweile drei Jahren bekriegen sich im Westen Kameruns englischsprachige Separatisten und Truppen von Präsident Paul Biya - und die Weltgemeinschaft interessiert sich kaum dafür.

Mindestens 1600 Menschen sind gestorben, andere Quellen sprechen von 1850 Toten. Beinahe alle Schulen sind geschlossen, sogar Krankenwagen und Krankenhäuser werden attackiert. Bei den Opfern handelt es sich um Rebellen und angebliche Unterstützer, die ohne Verfahren erschossen werden. Es trifft aber auch Lehrer, Polizisten und andere, die Separatisten für Repräsentanten der verhassten Zentralregierung in Jaunde halten.

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Begonnen hat alles mit harmlosen Protesten gegen die französischsprachige Regierung, weil diese die Rechte der anglophonen Minderheit immer weiter einschränkte.Inzwischen sammelt die englischsprachige Diaspora weltweit Geld, eine Art Kriegssteuer, für den Kampf der Rebellengruppen.

David Miliband, Leiter der US-Hilfsorganisation IRC, bei seinem Besuch in Kamerun
Andreas Brenner

David Miliband, Leiter der US-Hilfsorganisation IRC, bei seinem Besuch in Kamerun

Im Interview spricht David Miliband, 54, früherer britischer Außenminister und Präsident der Hilfsorganisation International Rescue Committee (IRC), über die Gefahr für die Stabilität des Landes - und warnt vor einem Übergreifen des Konflikts auf Nachbarländer.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in den Westen und Norden Kameruns gereist, was waren ihre Eindrücke?

Miliband: Kamerun erlebt nicht eine oder zwei, es erlebt drei Krisen zugleich. Es gibt 500.000 Vertriebene im Norden, geflohen vor Boko Haram. Im Westen, im Konflikt zwischen Frankophonen und Anglophonen, starben mehr als 1600 Menschen, drei Jahre schon sind fast alle Schule geschlossen. Die Separatisten haben die Ausgangssperren von den Montagen auch auf die Dienstage ausgeweitet. Und Kamerun beherbergt 250.000 Flüchtlinge aus der Zentralafrikanischen Republik. Das Land ist mehr als instabil, einige Teile zerfallen bereits.

SPIEGEL ONLINE: Im Uno-Sicherheitsrat war die Rede davon, die Lage in West-Kamerun könnte sich zu einer Krise entwickeln. Das klingt untertrieben, warum schlägt niemand Alarm?

Miliband: Ich weiß es nicht. Es ist der am wenigsten bekannte Konflikt der Welt, und die Menschen dort sind am Ende ihrer Kräfte. Als ich Anfang des Monats dort war, hatte die Uno nur 20 Prozent der nötigen Finanzmittel eingeworben. Kamerun gehört eben nicht zu den Top-10-Krisen, aber auch solche Situationen bleiben nicht auf ein Land beschränkt. Sie werden exportiert.

SPIEGEL ONLINE: Kann Kamerun damit fertig werden?

Miliband: Die drei Krisen zugleich, das wäre für jedes Land eine Herausforderung. Aber in Kamerun ist das wie in einem Dampfkochtopf. Der Druck steigt und steigt, das kann leicht explodieren. Der Staat hat große Schwierigkeiten, der Präsident regiert seit 36 Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist der größere Aggressor, Regierung oder Separatisten?

Miliband: Wenn Rebellen Zivilisten, Lehrer oder Soldaten erschießen, sind sie verantwortlich. Der Ruf nach Dezentralisierung wurde aber zu Anfang aus Verzweiflung über die Zentralregierung laut. Darum liegt die Schuld nicht allein bei den Aufständischen. Beide Seiten machen sich schuldig.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine Chance, dass eine der Parteien einen friedlichen Weg einschlägt?

Miliband: Wenn 1600 Menschen gewaltsam sterben, die ja Familie und Freunde haben, dann haben schnell 100.000 Leute eine Beziehung zu jemandem, der getötet wurden. Versöhnung zu erreichen, wird dadurch viel schwerer.

SPIEGEL ONLINE: Tut die Regierung etwas, um zu deeskalieren?

Miliband: Es war wichtig, dass Präsident Biya im Dezember 2018 selbst von einer Krise sprach. Es gab kein Negieren des Ausmaßes mehr. Es gibt gut begründete Beschwerden über beide Seiten, einschließlich der Regierungsarmee, das macht die Lage besonders schwierig.

SPIEGEL ONLINE: Was tut sich bei den Separatisten?

Miliband: Sie haben es geschafft, drei Jahre lang die Schulen zu schließen. Es gibt keine mehrheitliche Unterstützung für die Separatisten. Es gibt eine dafür, den Konflikt zu beenden.

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