Kampf gegen Clinton Das andere Gesicht des Barack Obama

Hillary Clinton ist eine Stehauf-Frau: Mit dem Dreifach-Sieg der vergangenen Nacht hat die heiße Phase im Vorwahlkampf erst so richtig begonnen. Über ihrem Herausforderer ziehen dunkle Wolken auf.

Von Gabor Steingart, Washington


Washington - Obama wählen ist wie eine aufregende Affäre. Er kann so mitreißend sein wie sie anstrengend ist. Er steht für Leidenschaft, sie verkörpert Gewohnheit. Er bietet politische Poesie, sie einen rauen Realismus.

"I was sad and blue, but you made me feel shiny and new", singt Madonna in "Like a Virgin". So fühlen sich die Obama-Anhänger. Sie haben eine Reihe euphorischer Wahlnächte mit ihm hinter sich. Der ersten Siegesnacht in Iowa folgten ein Dutzend weiterer, in South Carolina und anderswo. "You are so fine and you are mine", singt Madonna.

Hillary Clinton ist eine erdige Frau, klug und vernünftig. Wenn er "hope" ruft, sagt sie: Lasst die Tassen im Schrank. Wenn er nach "change" verlangt, dreht sie das Licht aus.

Derzeit kämpft sie die Schlacht ihres Lebens, zäh, hart, mit einer außerordentlichen Steherqualität, die Freunde und Gegner gleichermaßen beeindruckt. Die Mathematik sagt: Sie kann nicht mehr gewinnen, weil sie im Rennen um Delegiertenstimmen zu weit hinter ihrem Nebenbuhler liegt. Die vergangene Nacht lehrt: Nichts ist unmöglich. Er ist für die Wähler noch immer attraktiv, aber nicht mehr unwiderstehlich. Sie ist für die Wähler eine Zumutung, aber womöglich eine notwendige. Er kann. Aber sie kann auch.

Die Frage lautet jetzt: Wird die außergewöhnliche Liebesaffäre zwischen dem Jungsenator aus Chicago und den demokratischen Wählern anhalten? Oder wurde gestern Nacht der Bann gebrochen? Kehren die Wähler dann zu ihr zurück? Oder entfaltet seine Charme-Offensive erneut ihre Kraft?

In der Liebe folgt dem ersten ein zweiter Blick. Auch die Wähler sind keine Hasardeure. Womöglich ist das Wahlergebnis von heute Nacht bereits Zeichen ihrer Ernüchterung. Denn in den vergangenen Tagen fiel ein anderes, ein deutlich fahleres Licht auf Barack Obama.

Erstens: Der Mann ist womöglich nicht der, für den er sich ausgibt. Im Industriestaat Ohio polemisierte er wochenlang gegen Nafta, das Freihandelsabkommen mit Mexiko und Kanada, das Bill Clinton einst unterzeichnet hatte. Er macht es verantwortlich für Arbeitslosigkeit und industrielle Kernschmelze. Zur gleichen Zeit suchte sein oberster Wirtschaftsberater den kanadischen Generalkonsul von Chicago auf, um ihm zu versichern: Alles Wahlkampfnebel, Obama werde am Freihandelsabkommen festhalten. Die Gesprächsnotiz fand über das kanadische Fernsehen den Weg in die Öffentlichkeit. Er sei missverstanden worden, sagte der Berater daraufhin. Wahrscheinlich gab es Übersetzungsprobleme, scherzte das "Wall Street Journal".

Zweitens: Obama ist nicht nur spirituell, er ist auch materiell. Als Politiker in Chicago hat er sich mit dem lokalen Paten Antoin "Tony" Rezko eingelassen, enger als es seinem Messias-Image gut tut. Der einstige Immobilienkönig steht nach drei Jahren FBI-Ermittlungen derzeit vor Gericht. Der Vorwurf lautet auf Bestechung und Geldwäsche. Rezko war ein früher Förderer auch des Politikers Obama. Er hat gespendet und andere zum Spenden animiert. Obama hat diese Gelder mittlerweile wohltätigen Zwecken gestiftet.

Darüber hinaus verdankt ihm Obama seine Villa im Süden von Chicago. Die merkwürdige Dreiecksgeschichte dieses Hauses geht so: Es war der Sommer 2005. Obama war gerade in den US-Senat gewählt worden, da wollte er das rote Prachthaus kaufen. Es sollte knapp zwei Millionen Dollar kosten. Der Verkäufer wollte es aber nur zusammen mit dem unbebauten Nachbargrundstück hergeben, weitere 625.000 Dollar waren dafür aufgerufen - zuviel für Obama. Da trat Rezkos Frau auf den Plan. Sie kaufte das unbebaute Wiesengrundstück zum vollen Preis, derweil Obama für sein Haus einen 300.000 Dollar Preisabschlag bekam. Ein Freundschaftsdienst? Korruption? Die normale Landschaftspflege eines Immobilien-Tycoons? Obama sagte es 2006 und er wiederholt es bis heute: "Das war ein saudummer Fehler", a boneheaded move.

Drittens: "Ich sage, was ich denke, und ich tue, was ich sage", so Obama über Obama. Doch offenbar ist auch er ein Politiker, der die Wahrheit den Interessen unterordnet. Das Gespräch seines Wirtschaftsberaters mit den Kanadiern wurde geleugnet - bis die Gesprächsnotiz auftauchte.

Obama hat seine Erinnerungen mehrfach korrigieren müssen

Im Fall Rezko, für den sich die US-Medien erst allmählich interessieren, hat er seine Erinnerung bereits mehrfach korrigieren müssen. Mal wusste er von den laufenden FBI-Ermittlungen gegen Rezko, als er den Hausdeal mit dessen Frau abschloss, dann wieder nicht. Erst hat er mit Rezko nie über das Haus gesprochen, dann gab er zu, man habe es gemeinsam angeschaut.

Unklar ist, ob Rezko ihm seinen irakischen Hintermann, einen Geldgeber aus dem Umfeld von Saddam Hussein, der in der französischen Elf-Affäre zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt wurde, beim Besuch in Chicago vorgestellt hat. Er habe daran "keine Erinnerung", sagt Obama.

Das direkte Gespräch mit den Enthüllungsjournalisten der beiden Chicagoer Tageszeitungen lehnte er bisher ab. In der vergangenen Woche lauerten sie ihm nach einer Wahlveranstaltung auf, um den Star der Demokraten mit Details zu konfrontieren. Obama war genervt und plötzlich sehr in Eile. "Ich habe doch acht Fragen beantwortet", rief er den protestierenden Reportern noch zu. Die "Washington Post" kommentierte kühl: "Das Fragen hat gerade erst begonnen."

Liebe ist immer auch eine Frage der Uhrzeit und der Beleuchtung. Es spricht vieles dafür, dass die Lovestory zwischen Obama und den demokratischen Wählern nicht ganz so romantisch weitergeht. Die Medien haben begonnen, sich für den anderen Barack, den "Teflon Obama" ("Chicago Sun") zu interessieren. Hillary Clinton wird ihnen helfen, die Szenerie in helles Licht zu tauchen.

Und die Wähler? Sie dürften ihren Helden noch inniger lieben - oder sie werden zügig zu ihr zurückkehren. So manche liebestolle Fremdgängerei endet schließlich reumütig da, wo sie begann - zu Hause. Madonna singt: "Didn't know how lost I was."

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