Kampf gegen den Klimawandel G8 und Schwellenländer einigen sich auf Zwei-Grad-Ziel

Die Erderwärmung soll im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zwei Grad nicht überschreiten: Auf eben dieses Ziel einigten sich nun die G-8-Staaten und wichtige Schwellenländer. Doch wie die Vorgabe erreicht werden soll, bleibt offen. Die Freude über den Abschluss ist deshalb verhalten.


L'Aquila - Oft gibt es Beschwerden, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) es an Euphorie mangeln lässt - doch bei dem G-8-Gipfel in L'Aquila fällt ihre nüchterne Art nicht aus dem Rahmen. Denn die verkündeten Ergebnisse sind - was das Thema Klima angeht - nur ein halber Erfolg. Die Gipfel-Erklärung sei eine "Trendwende", sagte denn auch Merkel - betonte aber gleichzeitig, dass die eigentliche Arbeit jetzt erst anfange.

Industrieanlage: Schwierige Einigung auf das Klimaziel
ddp

Industrieanlage: Schwierige Einigung auf das Klimaziel

Zwei wichtige Aussagen zum Thema gab es auf dem G-8-Gipfel im italienischen L'Aquila. Die erste ist die eigentliche G-8-Erklärung, die die Industrienationen USA, Italien, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Japan, Kanada und Russland bereits am Mittwoch beschlossen. Die zweite, mit Spannung erwartete, war die der sogenannten MEF-Staaten (Major Economies Forum), zu denen auch wichtige Schwellenländer wie China, Indien und Mexiko gehören. Das Major Economies Forum gilt als Vorbereitungsgremium für die Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember, wo über Nachfolgelösungen für das auslaufende Kyoto-Protokoll gesprochen wird.

Entsprechend wurden die Ergebnisse des aktuellen Gipfels mit Spannung erwartet, gelten sie doch als wegweisend für die Gespräche im Winter.

Auf der Plus-Seite steht jetzt, dass sich auch die MEF-Staaten in ihrer Erklärung vom Donnerstag darauf verständigten, dass die Erderwärmung bis 2050 zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter nicht übersteigen dürfe. Damit bekennen sich auch wichtige Schwellenländer, wie China, Indien, Brasilien und Mexiko zu dieser wissenschaftlichen Aussage.

Auf der anderen Seite aber steht auch, dass entgegen der Hoffnungen von Umweltschutzorganisationen kein konkretes Ziel vereinbart wurde, um wie viel man den CO2-Ausstoß in der Welt bis dahin verringern will. So hätten sich die MEF-Staaten den ursprünglichen Zielen zufolge auf die Halbierung der Treibhausgase bis 2050 verpflichten sollen.

Diese Vorgabe hatten am Tag zuvor die G-8-Staaten in einer ersten Erklärung ausgegeben - für die Industriestaaten wurde sogar die Zielmarke von 80 Prozent oder mehr vereinbart. Das sei ein absolutes Novum, freute sich Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy - noch beim Gipfel 2007 in Heiligendamm habe "keine einzige Zahl" zum Klimaschutz im Dokument gestanden.

Problemfall USA

Das aber ist nur ein Teil des Weges zur Lösung der Klimakrise. Das Problem: Die Schwellenländer wollen sich erst auf die Halbierung festlegen, wenn die Industrieländer sich auf konkrete mittelfristige Werte etwa bis 2020 einigen. Merkel verbreitete am Rande des G-8-Gipfels Zuversicht, dass dies bis Ende des Jahres zu schaffen sei. Auch US-Präsident Barack Obama erklärte, er sehe Chancen, die Meinungsverschiedenheiten bis Kopenhagen wenigstens zu verringern.

Größere Fortschritte zwischen Industrie- und Schwellenländern wurden in L'Aquila offenbar auch dadurch verhindert, dass der chinesische Präsident Hu Jintao wegen der Uiguren-Unruhen noch vor Beginn des Gipfels wieder abreiste. Zudem besteht Indien darauf, dass die reichen Länder auch Finanzmittel bereitstellen müssten, um den Armen bei der Bewältigung des Klimawandels zu helfen.

Doch gerade die USA könnten einer der größten Problemfälle werden. Zwar hat Obama eine grundlegende Wende in der bis dahin starren Klimapolitik eingeleitet - doch der Rest des Landes will ihm nicht so ganz folgen. Das Repräsentantenhaus verabschiedete nur widerwillig ein erstes sanftes Klimaschutzgesetz, die Bevölkerung findet in weiten Teilen das Thema nicht so wichtig.

Gemischte Reaktionen

So gemischt wie das Ergebnis des G-8-Gipfels fielen auch die Reaktionen aus. Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber hat die Einigung auf gemeinsame Ziele als Durchbruch bewertet. Die Vereinbarung, die globale Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, sei ein entscheidender Schritt, um Klimaschutzziele für einzelne Länder zu berechnen, sagte der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung in einem Interview.

Der WWF-Klimaexperte Kim Carstensen hob hervor, dass China und Indien erstmals das Zwei-Grad-Ziel akzeptiert hätten. Dies sei ein echter Fortschritt. Er beklagte aber, dass kein ambitioniertes Ziel zur Reduzierung der CO2-Emissionen vereinbart worden sei.

Tobias Münchmeyer, Klimaexperte von Greenpeace, kritisierte dagegen gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Nur mit ehrgeizigen Emissionsminderungen bis 2020 und konkreten Finanzzusagen hätten die G8, die Hauptverursacher des Klimawandels sind, die Schwellenstaaten zu einem erfolgreichen Abschluss bewegen können." So habe man sich lediglich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon kritisierte die vereinbarten Ziele als "unzureichend". "Das Klima-Problem bringt eine Verantwortung mit sich, die historisch und zwingend für die Zukunft unseres Planeten ist", betonte Ban am Rande des G-8-Gipfels.

Ergebnisse des Gipfels übertreffen Erwartungen

Doch trotz aller Kritik: Der Gipfel in L'Aquila hat wesentlich mehr Ergebnisse erzielt, als ursprünglich erwartet. So setzten die G-8-Staaten beispielsweise Iran eine Frist, um an den Verhandlungstisch zurückzukehren und über das iranische Atomprogramm zu sprechen. "Wir hoffen aufrichtig, dass der Iran die Gelegenheit ergreifen wird, der Diplomatie eine Chance zu geben, Lösungen auf dem Verhandlungsweg über die Nuklear-Frage zu finden", hieß es in der entsprechenden Erklärung.

Bis September sei die G8 bereit, Verhandlungen eine Chance zu geben, sagte der französische Präsident Nicolas Sarkozy. "Wenn es bis dahin keine Fortschritte gibt, werden wir Entscheidungen treffen müssen."

Zudem verurteilten die Gipfelteilnehmer das gewaltsame Vorgehen gegen Demonstranten nach der Präsidentenwahl im Juni. Iran sei aufgefordert, den Streit über den Ausgang der Wahl im Dialog und auf Grundlage der Gesetze zu lösen.

Die Staaten-Gruppe scheint zunehmend die Geduld mit der Regierung von Mahmud Ahmadinedschad zu verlieren. Bemerkenswert fanden Beobachter etwa, dass auch Russland der harschen Erklärung zugestimmt hatte. Es gebe eine breite "Konvergenz" unter den G-8-Staaten mit Blick auf die Lage im Land und auf die iranische Atompolitik, hieß es in deutschen Regierungskreisen.

US-Präsident Obama brachte darüber hinaus die Idee einer internationalen Konferenz gegen die Verbreitung von Atomwaffen ein, die er bei seinem Besuch in Russland Anfang der Woche erstmals angekündigt hatte. Auf dem Atomgipfel soll ein Konzept für die kommenden vier Jahre entwickelt werden, um nukleares Material besser zu schützen sowie einen Schwarzmarkt - auch für die Technologie - zu verhindern. Kanzlerin Merkel unterstützte die Idee "ausdrücklich".

Zwiespältig dürfte dagegen die Erklärung aufgenommen werden, die am Freitag beschlossen werden soll und die der Nachrichtenagentur Reuters zufolge ärmeren Ländern finanzielle Unterstützung über 15 Milliarden Dollar für Landwirtschaft und Nahrungsmittelsicherheit verspricht. Die Summe liegt zwar am oberen Ende der Erwartungen. Laut Reuters wird aber nicht erklärt, wie die Gelder genau aufgebracht werden sollen und ob es sich ausschließlich um neue oder auch um bereits versprochene Hilfen handelt.



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