Kampf gegen die PKK Die heimliche Invasion der Türken im Irak

Die türkische Armee ist längst im Nordirak: Mitten im Kurden-Gebiet steht sie mit 150 Panzern und schwerer Artillerie. Ihr Kampf gegen die PKK kommt trotzdem nicht voran. Kein Wunder: Mit militärischer Macht sind die Separatisten kaum zu schlagen.

Aus Kanimassa berichtet


Kanimassa - In der Not hat Yalda Shewa Yalda eine treue Freundin, die er oft streichelt. Gut geschminkt schmückt "die Lady" die sonst karge Wand des Wohnzimmers. Neben dem roten Palästinensertuch sieht die AK-47 fast wie Spielzeug aus. Alle paar Wochen aber, sagt der 69-jährige Dorfvorsteher von Kanimassa mit einem spitzbübischen Lächeln, lädt er das Kalaschnikow-Sturmgewehr durch. Ein paar Runden, nur im Garten, müssen sein, frotzelt er. Seine Goldzähne blitzen auf. "Man darf die Verteidigung nicht verlernen", glaubt der Familienvater, "wer weiß schon, was die Zukunft für uns bringt an diesem Ort".

Die Zukunft muss Yalda seit einigen Tagen wieder fürchten. Gebannt sitzt er abends mit Freunden vor dem Fernseher, alle kauen missmutig auf den zuckersüßen Rosinen aus seinem Garten. Auf dem Schirm flimmern Bilder von Panzerkolonnen auf der türkischen Seite der nur 20 Kilometer entfernten Grenze. Dann dröhnen Kampfjets, die schwer beladen mit Bomben in Richtung Süden abheben - genau in die Richtung von Yaldas Familie und den Stellungen der PKK-Rebellen irgendwo hier in den Bergen. Dramatisch tönt die Musik des türkischen TV. Dann erscheint das Wort "Invasion", versehen mit einem Fragezeichen. Noch.

Yalda schmunzelt erst, dann wird er fast wütend. Mit einem Wink seiner Prankenhände reißt er die Gardine zur Seite. "Da oben auf dem Berg", gestikuliert er wild, "da sind die Türken doch und das schon seit vielen Jahren". Wo Yaldas hinzeigt, thront eine befestigte Stellung der türkischen Armee. Über den getarnten Gebäuden flattert die rote Fahne mit dem Halbmond. Mehrere Panzer stehen in Stellung, rund drei Dutzend Soldaten liegen mit schweren Sturmgewehren und Ferngläsern hinter Sandsäcken und beobachten das kleine Tal.

Die türkische Armee mitten im Irak, mehr als 20 Kilometer hinter der Grenze? Hat die vieldiskutierte Invasion bereits unbemerkt begonnen? Keineswegs.

Die Geschichte von Yaldas Familie, sie erzählt ein anderes Kapitel in der Auseinandersetzung mit den Kurden-Rebellen. Vor allem aber vom erfolglosen Kampf der Türkei gegen eine PKK, die auch mit einer Invasion militärisch wohl kaum zu schlagen ist.

Hartes Leben im Paradies

Das Haus Yaldas liegt paradiesisch. Hinter dem kargen Steinhaus schlängelt sich ein klares, eiskaltes Bächlein das Tal hinunter. Im Garten hängen die tiefroten Äpfel so schwer an den dünnen Ästen unter dem stahlblauen Berghimmel, dass er täglich ernten muss. Seit Jahrzehnten lebt seine Familie hier im Nordirak, rund zwanzig Kilometer entfernt von der türkischen Grenze. Sie gehören als Christen zu einer Minderheit unter den Millionen Kurden, doch bis heute haben sie deswegen nie Probleme gehabt. "Das Leben ist hart hier", sagt Yalda, "aber wir leben und wollen hier bleiben."

Das Paradies mit seinen steilen Berghängen, an denen nur steinige Fußpfade hinaufführen, ist auch Rückzugsraum der PKK-Rebellen. Jeder hier im Dorf kennt die Männer und Frauen, die manchmal am Fluss auftauchen, mit ihren grünen Uniformen, den Gewehren und den typischen braunen Mekap-Turnschuhen. Sympathie haben die wenigsten hier für die Freiheitskämpfer. Wie Yalda sind die meisten Anhänger der PDK, der Partei für ein demokratisches und vereinigtes Kurdistan. Yalda kämpfte 2003 sogar gegen die Rebellen, die Erfahrung macht ihn skeptisch. "Die PKK kann man nicht besiegen, die leben in den Bergen, können sich immer zurückziehen", sagt er, "man kann sie militärisch nicht schlagen."

Den Frust kennen auch die Türken. Seit mehr als sieben Jahren unterhalten sie nach einer Abmachung mit dem Kurdenführer Massud Barsani nahe der Grenze acht Basen mit rund 600 Soldaten, 150 Panzern und schwerer Artillerie. Genutzt haben die Stellungen im Irak gegen die Terrortruppe aus den Bergen nicht viel. "Jede Nacht beschießen sie angebliche Stellungen der PKK mit Raketen, teils von den Basen hier im Irak, teils aus der Türkei", erzählt Yalda. Ob die Angriffe nutzen oder nicht, kann er nicht sagen. "Auf jeden Fall sind die Kämpfer der PKK noch hier", sagt er nicht ohne Respekt, "sie scheinen sehr zäh zu sein."

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