Kampf gegen die Taliban Karzai billigt Aufbau umstrittener Dorfmilizen

Hamid Karzai hat sich dem Willen der USA gebeugt. Nach anfänglicher Ablehnung stimmt er nun dem Aufbau von Dorfmilizen im Kampf gegen die Taliban zu. Bei vielen Afghanen werden schlimme Erinnerungen an die achtziger Jahre wach.

Taliban-Kämpfer in Afghanistan: Dorfmilizen sollen künftig die internationalen Truppen unterstützen
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Taliban-Kämpfer in Afghanistan: Dorfmilizen sollen künftig die internationalen Truppen unterstützen


Kabul - General David Petraeus hat seine erste Bewährungsprobe in Afghanistan bestanden. Der neue Nato-Oberkommandierende hat sich mit seinem Plan für Dorfstreitkräfte gegen Präsident Hamid Karzai durchgesetzt. Nach Tagen der Ablehnung und des Zögerns billigte der afghanische Regierungschef das umstrittene Vorhaben der Amerikaner, im Kampf gegen die stärker werdenen Taliban lokale Milizen einzusetzen. Karzai habe sich dem Vorhaben lange widersetzt, sich am Mittwoch aber schließlich dem Druck aus Washington gebeugt, hieß es am Donnerstag in afghanischen Regierungskreisen.

Die sogenannte Dorfpolizei soll in Regionen eingesetzt werden, wo der Aufstand der Taliban am heftigsten tobt. Für die Afghanen ist die Gründung der Truppe ein heikles Thema: Sie erinnern sich nur zu gut an die berüchtigten Milizen, die die Sowjets in der Besatzungszeit in den achtziger Jahren mobilisiert hatten. Die Trupps spielten auch eine unrühmliche Rolle im anschließenden Bürgerkrieg.

Vor gut einer Woche hatte Karzai nach einem Treffen mit dem neuen Nato-Oberkommandierenden David Petraeus noch mitteilen lassen, dass er das Vorhaben ablehnt. Die afghanische Regierung befürchte, dass mit solchen Dorfstreitkräften lokale Kriegsherren und unkontrollierte Milizen an Stärke gewinnen könnten. Ein afghanischer Regierungsvertreter sagte damals, Karzai fürchte, es würden eine Art Privatmilizen geschaffen.

Nun also die Kehrtwende. Nach dem Willen der USA soll Karzai mehr Verantwortung für die Sicherheit seines Landes übernehmen, ehe die USA nächstes Jahr mit dem schrittweisen Abzug beginnen. Die Verluste der auf inzwischen 150.000 Soldaten aufgestockten ausländischen Truppen am Hindukusch steigen, während die Offensive gegen die Taliban-Hochburgen im Süden des Landes stockt. 2000 Soldaten sind bereits in Afghanistan gefallen, der Juni war mit über 100 Toten der blutigste Monat seit dem Sturz der Taliban 2001.

Die Dorfpolizei solle die reguläre afghanische Polizei beim Schutz ihrer Siedlungsgebiete gegen die Aufständischen unterstützen, kündigte Karzais Sprecher Hamid Elmi an. Die Größe, die Bezahlung und die Einsatzdauer der Dorfpolizei würden vom Innenministerium festgelegt. Die Regierung werde die Truppe jedoch nicht mit Waffen ausstatten, dafür müssten die neuen Dorfpolizisten selbst sorgen. Besonders auf dem Land halten viele Afghanen Waffen versteckt, ein Erbe des jahrzehntelangen Bürgerkriegs.

Der Einsatz von Dorfmilizen im Kampf gegen Aufständische in Afghanistan ist nicht neu. Ihre Effektivität im Umgang mit Gegnern, die in der eigenen Gemeinschaft leben, ist jedoch umstritten. Ähnliche Vorhaben waren in der Vergangenheit nach einem wenig ambitionierten Start im Sande verlaufen, etwa die Schaffung einer Gemeindepolizei in der Provinz Nangarhar im Osten des Landes.

Seit dem Sturz der Taliban sind Zehntausende Afghanen zu Armee und Polizei geströmt. Training, Ausrüstung und Bezahlung halten allerdings häufig nicht Schritt mit dem raschen Aufbau der Sicherheitskräfte durch die internationalen Truppen.

Weitere schätzungsweise 30.000 Afghanen arbeiten für private Wachdienste. Sie sind meist besser ausgebildet und bezahlt als ihre Kollegen im Staatsdienst. Die meisten Opfer hat die leicht bewaffnete afghanische Polizei zu verbuchen, die auch in sehr abgelegenen Regionen eingesetzt wird und damit häufig das Ziel von Taliban-Angriffen ist.

ler/Reuters

insgesamt 1037 Beiträge
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Gandhi, 10.07.2010
1. Wenn einem nichte Gescheites mehr einfaellt,
Zitat von sysopMit General Petraeus wollen die USA in Afghanistan die Wende schaffen. Auch Zivilisten sollen im Kampf gegen die Taliban bewaffnet werden. Kann diese Stratgie Erfolg bringen?
dann kommen die tollen Einfaelle. Erst toetet man Zivilisten (weil die bewaffnet waren) und man sie deshalb nicht von Kombattanten unterscheiden konnte und nun sollen bewaffnete Zivilisten zu Kombattanten auf Seiten der USA werden? Die einzige "Strategie", die Erfolg bringen kann, ist den Sieg zu erklaeren und abzuziehen. Das fuer Zerstoerung vorgesehene Geld kann zu Hause viel sinnvoller angelegt werden (aber auch das werden les cons bestreiten), denn auch die Infrastruktur hier haette mal eine Ueberholung noetig.
henningr 10.07.2010
2.
Zitat von sysopMit General Petraeus wollen die USA in Afghanistan die Wende schaffen. Auch Zivilisten sollen im Kampf gegen die Taliban bewaffnet werden. Kann diese Stratgie Erfolg bringen?
Na klar. Wenn die Afghanen sich gegenseitig für ein paar Dollar abknallen, lassen sie wenigstens die Militärbasen in Ruhe. Und das Chaos nimmt man als Vorwand dort zu bleiben. Mussmna halt auch glaubwürdig rüberbringen. Solche Schlagzeilen wie zuletzt, dass rund 2 US-Steuermillionen die Woche in die Taschen der Taliban wandern sind zu vermeiden.
redpirate37 10.07.2010
3. Gibts dort auch unbewaffnete Zivilisten?
Auch Zivilisten sollen im Kampf gegen die Taliban bewaffnet werden. Kann diese Stratgie Erfolg bringen? Je mehr Waffen um so mehr Frieden und Ruhe, klar doch, kann ja nur auf die Weise funktionieren. Irgendwer muss das Zeug ja schließlich bezahlen und abkaufen das im Westen produziert wird. Am Besten die Steuerzahler der NATO Länder, also finanzieren wir den Waffenerwerb der afghanischen Zivilisten, die wiederum damit ein Geschäft bei den Taliban und Aufständischen betreiben können. Klingt doch logisch. Die Taliban lassen sich dann entwaffnen irgendwann und liefern ihre russischen und chinesichen Waffen an Sammelpunkten ab für ein paar Dollar Prämie. ;) Sieht ja schon nach allergrößter Verzweiflung aus was der Westen dort treibt...
semir, 10.07.2010
4.
Zitat von sysopMit General Petraeus wollen die USA in Afghanistan die Wende schaffen. Auch Zivilisten sollen im Kampf gegen die Taliban bewaffnet werden. Kann diese Stratgie Erfolg bringen?
Anscheinend besteht die erfolgreiche Strategie in einem Wunsch nach dem Scheitern in Afghanistan.
duk2500 10.07.2010
5. Dorfmilizen
Dieses Modell kann funktionieren, zumindest dort, wo die Dorfbewohner nicht mit den Taliban sympathisieren. Zur Zeiten des Terrorbewegung "Leuchtender Pfad" hat der damalige Präsident Alberto Fujimori die in den sogenannten "Rondas Campesinas" organisierten indianischen Dorfbewohner bewaffnet. Das war sehr erfolgreich, die Dörfler konnten sich in den abgelegenen Gebieten des Altiplano und der Selva gegen die Einfälle der Maoisten zur Wehr setzen und haben in Zusammenarbeit mit den Streitkräften sehr schnell für Ruhe gesorgt.
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