Kampf gegen IS in Mossul Der lange Weg nach Westen

Beim Kampf um Mossul rückt die Anti-IS-Koalition nun auch in die westlichen Stadtteile vor. Wie schnell die Offensive vorankommt, hängt vor allem von der einst gescholtenen Goldenen Division der irakischen Armee ab.

Alex Kühni

Von


In einem halben Jahr soll die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) komplett aus Mossul vertrieben sein. Diesen Zeitplan hat Generalleutnant Stephen J. Townsend, Kommandeur der US-Truppen im Irak, ausgegeben. In dieser Woche hat die Anti-IS-Koalition den Beginn der zweiten Phase in der Schlacht um Mossul ausgerufen, nun startet die Rückeroberung der westlichen Stadtteile.

Die irakische Armee und verbündete schiitische Milizen, die maßgeblich von Iran ausgebildet und bewaffnet werden, nähern sich dem IS-Gebiet von Süden und Westen. Ihr erstes Ziel ist die Rückeroberung des internationalen Flughafens sowie der Gozhlani-Militärbasis am Stadtrand. Kampfjets der US-geführten Koalition und irakische Artilleriegeschütze haben beide Anlagen in den vergangenen Wochen massiv unter Beschuss genommen.

Frontverlauf in Mossul
Gebiet unter Kontrolle des IS
Irakische Sicherheitskräfte und verbündete Milizen
Kurdische Peschmerga

Doch hinter der Front, in den Gebieten, die aus den Händen des IS befreit wurden, verüben die Truppen der irakischen Regierung offenbar Menschenrechtsverbrechen. In mehreren Dörfern südwestlich von Mossul zerstörten sie mindestens 350 Häuser. Die schiitischen Volksmobilisierungseinheiten behaupten, die Gebäude seien bei Gefechten zerstört worden, oder der IS habe in den Gebäuden Sprengfallen hinterlassen. Nach der Auswertung von Satellitenaufnahmen kommt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch jedoch zu dem Schluss, dass die Behauptungen der Milizen keine überzeugende Erklärung für das Muster der Zerstörungen liefern.

Aus anderen Orten in der Umgebung von Mossul berichten zurückgekehrte Flüchtlinge von Plünderungen durch Armee, Polizei oder regierungsnahe Milizen.

"Kinder in Westmossul vor einer makaberen Alternative"

Auch auf Grund dieser Schilderungen fürchten Hilfsorganisationen um die rund 750.000 Zivilisten, die noch immer im vom IS kontrollierten Westteil ausharren. Die Regierung hat die Bewohner aufgefordert, in ihren Häusern zu bleiben. Vor allem deshalb, weil es rund um Mossul nicht genügend Unterkünfte für Hunderttausende Flüchtlinge gibt. Zugleich hindern die Dschihadisten Zivilisten an der Flucht aus der Stadt, weil sie die Unbeteiligten als menschliche Schutzschilde einsetzen wollen.

Seit fast drei Monaten sind die Versorgungswege in das IS-Gebiet in Mossul und Umgebung von der Außenwelt abgeschnitten. Die Menschen im Westteil leiden deshalb an Nahrungsmittelknappheit. Auch der Treibstoff für Autos und Brennstoff für Heizungen gehen zur Neige.

Rund die Hälfte der Eingeschlossenen sind Kinder und Jugendliche. "Die Kinder in West-Mossul stehen vor der makaberen Alternative: Entweder sie hungern, leiden unter den Bombenangriffen und dem Kreuzfeuer, wenn sie bleiben. Oder ihnen drohen Heckenschützen und Hinrichtungen, wenn sie fliehen", warnt das Hilfswerk Save the Children.

Währenddessen gibt am östlichen Ufer des Tigris langsam wieder so etwas wie Alltag. Einen Monat nach der Rückeroberung von Ostmossul sind Zehntausende Bewohner wieder in ihre Häuser zurückgekehrt. Zwar zog sich der Straßenkampf über rund zwei Monate hin, allerdings sind die Kriegsschäden in dem Teil der Stadt weniger dramatisch als vor der Schlacht befürchtet.

In Westmossul könnte das aber deutlich anders aussehen. Hier befindet sich unter anderem die historische und dicht bebaute Altstadt mit vielen engen Gassen. Zahlreiche Straßen sind so schmal, dass weder Panzer noch Humvees hindurchpassen. Das macht das Vorrücken dort weitaus schwieriger und riskanter, die Regierungstruppen verlieren damit einen strategischen Vorteil.

IS-Propaganda geht nach hinten los

Noch stehen die Truppen in dünnbesiedelten Vororten, aber je weiter sie sich dem Zentrum nähern, desto bedachter müssen sie vorgehen. Dann steht die sogenannte Goldene Division, die Elitetruppe der irakischen Regierung, vor ihrer bislang härtesten Bewährungsprobe.

Fotostrecke

15  Bilder
Kampf gegen den IS: Häuserkampf um Mossul

Nachdem der IS Mossul im Sommer 2014 praktisch ohne Gegenwehr erobert hatte, organisierten die USA die Ausbildung und Organisation der Truppe von Grund auf neu. Mit Erfolg: Aus der undisziplinierten Division wurde eine der wenigen schlagkräftigen irakischen Einheiten. Die rund 10.000 Mann zählende Anti-Terror-Truppe war an den Rückeroberungen der irakischen Städte Ramadi, Falludscha und Tikrit in den vergangenen Jahren beteiligt.

Ausgerechnet der IS hat die Moral der Regierungstruppen vor der entscheidenden Phase der Schlacht noch einmal gestärkt. Am Montag veröffentlichte die Miliz Fotos von der Enthauptung eines gefangen genommenen irakischen Soldaten.

Doch die Aufnahmen erzielten nicht den Effekt, den sich die Dschihadisten erhofft hatten: Das Foto des Soldaten Abu Bakr al-Samaraei, der seiner unmittelbar bevorstehenden Ermordung ungerührt entgegenblickt, ist zu einem Symbol für die Entschlossenheit des Irak im Kampf gegen den IS geworden.



insgesamt 38 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
smokiebrandy 22.02.2017
1. ... eine Frage Herr Sydow...
Gehe ich recht in der Annahme , dass die Anti IS Koalition die Gebiete des IS in Mossul mit Artillerie beschießt, bombardiert und auch sonst Schusswaffen zum Einsatz kommen? Sterben dort etwa Zivilisten? Vor wenigen Wochen hätte sich ein Kommentar aus ihrem Munde zu so einem Kriegsverbrechen noch anders angehört. Kommt es etwa darauf an wer es begeht? Lebensmittelknappheit bedeutet doch Hunger oder etwa nicht? An Medikamenten fehlt es in Mossul wohl nicht? Und sicher sind die Krankenhäuser allesamt unversehrt...
chico 76 22.02.2017
2. Human Rights Watch,
als nicht kämpfende NGO, sollte sich mal mit Kritik, aufgrund von Videoaufnahmen, zurück halten. Mittlerweile gewinnt man den Eindruck, dass man glaubt, den IS mit Samthandschuhen vertreiben zu können.
joG 22.02.2017
3. Ist es gerechtfertigt bzw...
...wie viele Kolatteralschäden sind gerechtfertigt um die Stadt von Terroristen des IS zu befreien? Das ist nicht mehr eine akademische Frage für Deutschlands Politiker, die man nach wahlpolitischem Gusto sachfremd entscheidet und die Verantwortung anderen überlässt.
josipawa 22.02.2017
4. Danke fürs Aufmacher-Bild
Endlich mal wieder in den Lauf eines G3 aus deutscher Fertigung schauen. Wie kommen deutsche Waffen eigentlich in den Irak? Ach so, stimmt, "wir" haben die Waffen ja den Guten geschenkt.
FakeBot 22.02.2017
5.
"Seit fast drei Monaten sind die Versorgungswege in das IS-Gebiet in Mossul und Umgebung von der Außenwelt abgeschnitten. " Ist das nicht eine Belagerung einer Großstadt und damit ein Kriegsverbrechen? Ungeachtet der Tatsache wie die Truppen des Irak und USA ansonsten vorgehen hört sich das hier irgendwie dezidiert anders an als die Belagerungen in Syrien die ohne wenn und aber gebrandmarkt wurden. Man liest hier sogar, daß der IS die Menschen als Schutzschilde mißbraucht während die Menschen in Ost-Aleppo freiwillig am ausharren waren statt in den Westen zu fliehen (wie es die große Mehrheit dann gemacht hat als der IS vertrieben war). Verstörender Artikel der schonungslos zeigt, daß es dem Autoren nicht in erster Linie um Information sondern um Meinungsmache geht. Und das in diesen Zeiten wo die Presse sich eh weltweit vor Angriffen von Populisten wehren muss....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.