Treffen der Anti-IS-Allianz Obama bleibt in der Luft

Der mühselige Kampf gegen den IS-Terror befeuert die Debatte um die Führungsqualitäten des US-Präsidenten. Doch vor Militärvertretern der Verbündeten machte Obama erneut klar: weitere Luftschläge ja, US-Bodentruppen nein.

Von , Washington


Washington - Barack Obama führt in diesen Tagen zwei Kämpfe, deren gleichzeitiger Erfolg sich mittlerweile gegenseitig auszuschließen scheint. Da ist zum einen der Krieg gegen die Terrormilizen des "Islamischen Staats" (IS) im Irak und in Syrien; und zum anderen der Kampf des US-Präsidenten gegen die Verwicklung Amerikas in einen neuerlichen Krieg am Boden.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 42/2014
Hilferuf aus Kobane: "Sie kommen zu Tausenden, es werden immer mehr!"

Obama hat versprochen, keine Bodentruppen zu schicken. Wie lange kann er das durchhalten?

Kaum jemand in Washington glaubt noch daran, dass der IS allein mit Luftschlägen "zu schwächen und zu zerstören" ist, wie es Obama vor vier Wochen verkündet hatte. Auch der Präsident und seine Leute glauben das nicht mehr: Niemand habe "die Illusion, das Luftschläge allein den IS zerstören könnten", sagte Verteidigungsminister Chuck Hagel. Und doch hält Obama an seiner Strategie fest, bleibt trotz anhaltender IS-Umklammerung der Kurden-Stadt Kobane in der Luft: US-Bodentruppen weiterhin ausgeschlossen.

Zu Wochenbeginn lud Generalstabschef Martin Dempsey Militärvertreter aus 21 Staaten der Anti-Terror-Allianz auf einen Luftwaffenstützpunkt nahe Washington - die Bundesregierung schickte den stellvertretenden Bundeswehr-Generalinspekteur Peter Schelzig - und Obama sagte von dort aus den Kurden weitere Luftunterstützung über Kobane zu. Auch die zuletzt massiv in Bedrängnis geratene westirakische Provinz Anbar sei ein weiterer Schwerpunkt der US-geführten Einsätze. Mehr aber auch nicht. "Es wird Phasen von Fortschritt und Phasen von Rückschlägen geben", sagte Obama. Der Kampf gegen die Terrormilizen sei eine nicht allein militärische und "langfristige Kampagne".

"Die gewinnen, nicht wir"

Doch in den USA wächst die Ungeduld: Warum erlauben wir den Dschihadisten noch immer Gebietsgewinne? Und werden wir sie überhaupt schlagen können? "An diesem Punkt kann der Krieg gegen den IS nur als Scheitern betrachtet werden", kommentiert die "Washington Post". Der Republikaner-Senator und Dauer-Falke John McCain stellte fest: "Die gewinnen, nicht wir."

McCains Rat: Obama müsse Truppen schicken. Präsidenten-Sprecher Josh Earnest gestand am Dienstag auf wiederholte Journalistenfragen nach Kobane zu, dass die Wirkung der US-Einsätze begrenzt sei, "weil da keine Kräfte am Boden sind, die nachstoßen könnten". Earnest sprach allerdings nicht von US-Soldaten: "Es ist nicht in unserem Interesse, amerikanische Bodentruppen zu schicken." Das Adjektiv "amerikanisch" betonte er.

Eine kurdische Frau jubelt über einen US-Luftangriff nahe Kobane
AFP

Eine kurdische Frau jubelt über einen US-Luftangriff nahe Kobane

Dahinter steckt in Washington nicht nur die Erwartung, dass sich die in den kommenden Monaten erst noch auszubildenden moderaten syrischen Kräfte als Bodentruppen bewähren mögen; sondern vor allem auch ein Wink an die Türkei: Der Nato-Partner könnte IS-Stellungen im wenige hundert Meter entfernten Kobane mit seiner Artillerie beschießen. Die Türken könnten kurdische Kämpfer und Waffenlieferungen in die umkämpfte Stadt durchlassen. Ja, sie könnten sogar Bodentruppen schicken.

All das tun sie bisher nicht -obwohl sie Teil der Anti-Terror-Allianz sein wollen und ebenfalls einen Vertreter zur Runde von Generalstabschef Dempsey entsendet haben. Als die Amerikaner am Wochenende durchsickern ließen, die Türkei stelle ihre Luftwaffenbasis Incirlik für US-Angriffe auf den IS zur Verfügung, wurde dies bald von Ankara zurückgewiesen. In Washington wird all das mit einer gewissen Verwunderung registriert. Andererseits: Kann man einen Nato-Partner zum Handeln auffordern, wenn man selbst nicht entsprechend handeln will?

Somit zeigt der Fall Kobane exemplarisch die Schwierigkeiten von Obamas einst gewünschter außenpolitischer Wende: Nicht mehr Weltpolizist sein, auch mal die anderen machen lassen. Was aber, wenn sich kein anderer bereit erklärt? Obamas klug gedachte Politik des graduellen Rückzugs (Restraint) ist von der Realität und der Unwilligkeit der Verbündeten in die Zange genommen worden. Der Krieg in Syrien sei "ein Wendepunkt in Obamas Präsidentschaft", schreibt der SPIEGEL.

Kobane könnte sich zum Symbol amerikanischer Schwäche entwickeln. Da können sie in der US-Regierung immer wieder darauf verweisen, dass die strategische Bedeutung dieser Stadt im Kampf gegen den IS nicht entscheidend sein mag. Es wird nicht helfen. Kobane befeuert die Rufe nach US-Bodentruppen, nach US-Führung, in Amerika wie auch im Ausland. Auf den ersten Blick mag das ja auch logisch klingen, denn natürlich könnten Amerikas Soldaten das Blatt militärisch wohl rasch wenden. Aber was würde danach kommen? Die USA haben den Irak in zehn Jahren nicht unter Kontrolle gebracht.

Obamas Problem: Die Amerikaner mögen ein kriegsmüdes Volk sein, aber sie wollen keinen schwachen Präsidenten. Längst führt das Land eine Diskussion über Obamas Qualitäten als Anführer. Es geht um Leadership, die zentrale Währung einer jeden Präsidentschaft. In drei Wochen stehen Kongresswahlen an, es sieht nicht gut aus für die Demokraten des Commander-in-Chief. Und plötzlich ist auch wieder die Rede von Mitt Romney, dem gescheiterten Präsidentschaftskandidaten von 2012. Der hat gerade zu Protokoll gegeben, dass Obamas "Fehler" den Aufstieg des IS ermöglichten: Wäre er Präsident geworden, so Romney, dann hätte er, anders als Obama, die Truppen aus dem Irak nicht komplett abgezogen und außerdem die syrische Opposition frühzeitig mit Waffen versorgt.

Zumindest letzteres gilt auch bei vielen Demokraten mittlerweile als Versäumnis. Vielleicht macht Obamas damalige Zurückhaltung die Zurückhaltung heute auf Dauer unmöglich. Vielleicht.

Überblick: Topografie von Kobane
DER SPIEGEL

Überblick: Topografie von Kobane

insgesamt 33 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
verax 15.10.2014
1. wenn es nicht so bedrohlich wäre, ...
könnte man es witzig nennen, dass zwei geopolitische katastrophen des 20. jahrhunderts exakt zusammenfallen. für putin der untergang der sowjetunion und für die westlichen demokratien der beginn des vergessens des kleinen einmaleinses aller verantwortlichen staatenlenker. es lautet: wenn man ein machtvakuum entstehen lässt, egal ob aus gutwilligkeit oder aus dummheit, findet sich immer jemand, besser mehrere, die es bereitwillig und böswillig auffüllen. frieden kann es immer nur aus einer position der stärke geben. die macht zurückzugewinnen ist immer blutiger als sie zu bewahren. europa und die usa sind dabei, die demokratie wegzuschmeißen!
e_d_f 15.10.2014
2. Solange der IS ...
... keine Bedrohung für uns ist, reicht es völlig aus, dass wir die Gegener mit Waffen unterstützen. Gerne auch Assad, wenn er sich zum Kampf gegen IS verpflichtet. Der IS-"Staat" wird ganz von alleine scheitern. Warum soll immer der Westen Feuerwehr spielen? Sollen die Orientalen ihre Probleme doch selbst austragen. Wir sollten derweil die Anhänger des IS bei uns bekämpfen. Das ist viel wichtiger!
oldmax 15.10.2014
3. Er nervt!
Dieser Obama ist ein Problem für den Westen ! Dass nur mit der Airforce kein Krieg gewonnen wird, müssten selbst Barack und seine Jünger wissen. Und die Anderen sind nicht so blöd, mit Bodentruppen, diese Suppe auszufressen Mr. President
michael.mittermueller 15.10.2014
4. Wege ins Nirgendwo
Das Werben deutscher Medien für eine Unterstützung der Amerikanischen oder gar Israelischen Position, d.h. die Verwicklung der Nato Staaten in Kriege, die so nie hätten begonnen werden dürfen und die nur aufgrund einer massiven Lobbyarbeit und einer lang anhaltenden Desinformationskampgne zustande kamen ist nicht selbstevident. Alles was im Nahen Osten passiert unterliegt hierzulande einer Meinungskontrolle. Ich kann nur an die Vernunft unserer Medienvertretern appellieren. Bitte wacht auf. Staaten, die sich eine NSA oder eine Militärzensur in den Nachrichten leisten sind in Sachen freie Berichterstattung kein Vorbild. Die Sackgasse in die man sich hier verennt mündet in Nirgendwo.
doubletrouble2 15.10.2014
5. The lame duck.
Obamas Strategie des Rückzuges als "Weltpolizist" war ungefähr so durchdacht, wie ein Vorschlag, in South Central LA alle Polizeistationen zu schließen und allein auf Betreuungsangebote als Mittel zur Verbrechenskontrolle zu setzen. Dieser Grundfehler wird seine Präsidentschaft überschatten und eine Präsidentin Clinton sehr unwahrscheinlich machen. Nun wissen wir, dass eine gegenteilige Politik, mit nachdrücklicher Einbindung von Verbündeten in ihre Verpflichtungen, der richtige Weg ist. In solch einem Szenario wäre Deutschland glatt durchgefallen, weil auf beiden Seiten des Teiches lahme Enten dümpeln.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.