Kampf gegen Separatisten Kreml verkündet Sieg in Tschetschenien

Mission erfüllt? Der Kreml erklärt nach fast einem Jahrzehnt die "Antiterroristische Operation" in Tschetschenien für abgeschlossen. Der bewaffnete Widerstand der Separatisten ist zwar weitgehend zerschlagen - das Regime von Ramsan Kadyrow in Grosny wird jedoch zum Risikofaktor für Russland.

Von , Moskau


Damit hat kaum jemand gerechnet, als der damalige Premierminister Wladimir Putin am Ende September 1999 russische Truppen in die abtrünnige Kaukasusteilrepublik Tschetschenien einmarschieren ließ: dass er diesen Krieg gewinnen und Tschetschenien politisch unterwerfen würde. Viele erwarteten damals eine russische Niederlage. Denn nachdem Moskaus Truppen in einem rund sechs Monate langen Feldzug die "Tschetschenische Republik Itschkerija" besetzt hatten, tobte dort noch jahrelang ein heftiger Partisanenkrieg.

Russische Soldaten beim Abzug aus Tschetschenien (Archivaufnahme): Ende der "Antiterroristischen Operation"
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Russische Soldaten beim Abzug aus Tschetschenien (Archivaufnahme): Ende der "Antiterroristischen Operation"

Zu einer Pflanzschule für Separatismus wurde Tschetschenien vor allem, weil russische Soldaten beim Einmarsch und ungezählten Säuberungen brachial vorgingen und zahlreiche Tschetschenen entführten und umbrachten. Offiziell verloren die Russen im zweiten Tschetschenienkrieg mehr als 4500 Mann.

Jetzt hat die Moskauer Führung das Ende der "Antiterroristischen Operation" verkündet , wie der Krieg gegen die Separatisten offiziell genannt wurde. Verglichen mit der Lage vor fünf, sechs und sieben Jahren haben sich die Verhältnisse in der Provinz von der Größe Thüringens wesentlich geändert. Konnten die Aufständischen damals dem russischen Militär immer wieder Gefechte aufzwingen und ganze Ortschaften mit Tausenden von Bewohnern tagelang kontrollieren, sind sie jetzt nur noch zu Nadelstich-Aktionen wie Schüssen auf Posten oder Fahrzeugkolonnen in der Lage. Der Wiederaufbau schreitet voran, unter einem autoritären Regime, es ist ein wenig wie in Ost-Berlin an der Stalin-Allee in den frühen fünfziger Jahren.

Von den mehreren tausend Kämpfern, die sich im Frühjahr 2000 in die Berge im Süden Tschetschenien zurückzogen, um den Widerstand fortzusetzen, ist kaum noch jemand im Einsatz gegen die Russen: Viele Rebellen wurden getötet, gingen ermüdet ins Exil oder ließen sich amnestieren und kehrten in ihre Wohnorte zurück. An ihre Stelle traten junge Männer, die noch Kinder waren, als Putin der Rebellenrepublik das Lebenslicht ausblies.

Es ist ein Kern von mehreren hundert Kämpfern, getrieben von äußerstem Fanatismus, aber ohne politische Erfahrung und militärische Schulung. Der Widerstand ist gespalten. Nach dem Tode des 1997 gewählten Tschetschenen-Präsidenten Aslan Maschadow, der im März 2005 von russischen Sicherheitskräften erschossen wurde, zerlegte sich die Untergrundbewegung in einen islamistischen und einen nationaltschetschenischen Flügel. Die Islamisten, geführt vom Warlord Doku Umarow, kämpfen nicht mehr für die tschetschenische Unabhängigkeit, sondern für ein Kaukasisches Kalifat vom Schwarzen bis zum Kaspischen Meer. Der letzte prominente Weggefährte Maschadows, Ahmed Sakajew, der sich als "Premierminister" Tschetscheniens versteht, leckt im Londoner Exil seine Wunden. Im Lande ist er ohne Einfluss.

Mit Taliban-Freunden in den Abgrund

Die tschetschenischen Separatisten haben den Kampf gegen den Kreml verloren, weil ihnen mit Putin ein Mann gegenüberstand, zu dessen Leitlinie gehört, dass im Kaukasus die politische Macht aus den Gewehrläufen kommt. Sie unterlagen vor allem aber auch, weil sie es in den Jahren der faktischen Unabhängigkeit 1996 bis 1999 nicht vermochten, einen stabilen Staat, geschweige denn einen Rechtsstaat zu errichten. Die "Tschetschenische Republik Itschkerija" war ein rechtsfreier Raum, in dem Entführungen zu einem wesentlichen Wirtschaftszweig geworden waren.

Die Macht lag in den Händen rivalisierender Banden, Präsident Maschadow kontrollierte schließlich kaum mehr als seine bescheidene Residenz. Die Islamisten in Tschetschenien, verbandelt mit den Taliban, wurden schon vor dem zweiten Tschetschenenkrieg immer stärker. Sie hatten, was den Traditionalisten des Widerstands fehlte: internationale Verbindungen, eine mitreißende Ideologie und Spendengelder. In Selbstüberschätzung überfielen sie im August 1999 die zu Russland gehörende Teilrepublik Dagestan. Sie hofften, dort den Heiligen Krieg gegen den Kreml auszulösen. Die Intervention wurde zum Fiasko, provozierte den russischen Gegenschlag und war der Anfang vom Ende des unabhängigen Tschetschenien.

Risikofaktor Kadyrow

Während Grosny zur Jahreswende 1999/2000 unter den Schlägen der russischen Luftwaffe in Trümmer sank, Zehntausende zu Flüchtlingen wurde und Tausende umkamen, tat sich eine politische Lücke auf: Wollte Russland die Rebellenprovinz dauerhaft beherrschen, brauchte es dafür einheimisches Personal. Für diese Rolle bot sich Ahmed Kadyrow an, Tschetscheniens Mufti. Nach dessen Ermordung im Mai 2004 übernahm sein Sohn Ramsan die Rolle des führenden moskaufreundlichen Tschetschenen. Im Februar 2007 ernannte Putin den 30-Jährigen zum Präsidenten der Teilrepublik.

Kadyrow junior hatte sich schon als Chef des Sicherheitsdienstes seines Vaters einen Ruf als Chef einer Truppe von Killern und Folterknechten erworben. Inzwischen verfügt er über eine eigene Miliz von rund 20.000 Mann, die Widerständler jagt. Die "Tschetschenisierung" des Konfliktes, von Altseparatisten wie Sakajew beklagt, funktioniert. Putins Entscheidung für Kadyrow war und ist in den russischen Sicherheitsdiensten nicht unumstritten. Vielen Kaukasus-Experten in den russischen Sicherheitsdiensten ist bewusst, dass Putins Erfolg in Tschetschenien ein Sieg im Minenfeld ist. Auf die Frage, warum er sich für Kadyrow entschieden haben, entgegnete Putin vor einigen Jahren einem General des Inlandsgeheimdienstes FSB bei einer internen Beratung, er möge ihm einen anderen Weg nennen, in Tschetschenien Ruhe zu garantieren.

Doch einen solchen Weg kennt keiner von Russlands Sicherheitsexperten. Zudem ist Putins Taktik nicht neu. Schon die Bolschewiki ernannten nach 1917 in Tschetschenien vielfach Straßenräuber zu Kommunisten und händigten ihnen Mitgliedsbücher aus, um die Region irgendwie zu beherrschen.

Dabei wird das Experiment Kadyrow im Gewaltlabor Tschetschenien immer mehr zu einem Risiko für Russland selbst. Zweifelhaft ist die Loyalität Kadyrows gegenüber Russland, je weniger sein Sprengel direkt von der Moskauer Zentrale dirigiert werden kann. Hinzu kommt: Mehrfach ließen Kadyrows Mannen tschetschenische Widersacher selbst auf Moskauer Straßen erschießen, ohne dafür belangt zu werden.

Die Gewissheit, in Russland für blutige Racheaktionen nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden, lässt Kadyrow womöglich jedes Maß verlieren. Er und einer seiner Adlaten, ein Duma-Abgeordneter, werden inzwischen verdächtig, sogar ins Ausland geflohene Tschetschenen umbringen zu lassen. Nur noch ein kleiner Schritt trennt den Moskauer Machtapparat von der Versuchung, sich seiner tschetschenischen Spießgesellen auch bei den schärfer werdenden Clan-Kämpfen innerhalb der russischen Elite zu bedienen. Dann könnte die "Tschetschenisierung" von einer zweifelhaften Strategie im Kaukasus sehr schnell zum Bumerang für Russland werden.

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