Kampf gegen Taliban Bundeswehr ließ entführte Tanklaster bombardieren

Mehr als 50 Menschen sind bei einem Nato-Angriff in Nordafghanistan getötet worden. Jetzt hat die Bundeswehr die Verantwortung für den Luftschlag gegen zwei gekidnappte Tanklaster übernommen. Ob neben Aufständischen auch Zivilisten unter den Opfern sind, ist unklar.
Transport eines Opfers nach dem Nato-Angriff: Mehr als 50 Menschen sollen getötet worden sein

Transport eines Opfers nach dem Nato-Angriff: Mehr als 50 Menschen sollen getötet worden sein

Foto: STR/ AFP

Kunduz - Die Bundeswehr habe den Luftangriff auf die zwei von Taliban entführten Tanklastzüge in Nordafghanistan angefordert. Das sagte ein Sprecher des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr am Freitag der Deutschen Presse-Agentur. Das deutsche Wiederaufbauteam (PRT) in Kunduz habe die Luftunterstützung erbeten. Die Bundeswehr gehe nach wie vor von mehr als 50 getöteten Aufständischen aus. "Unbeteiligte sind nach derzeitigem Kenntnisstand nicht zu Schaden gekommen", sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums am Freitag in Berlin. Der Schutz von Zivilisten habe für die Bundeswehr bei Militäroperationen oberste Priorität. Die Untersuchungen dauerten an. "Wir gehen davon aus, dass fast alle gegnerische Kämpfer waren."

Die Schutztruppe Isaf und afghanische Stellen richteten eine Untersuchungskommission ein. Ein Nato-Flugzeug habe die zwei Tanklastwagen kurz darauf an einem Fluss entdeckt. "Nachdem festgestellt wurde, dass sich nur Aufständische vor Ort aufhielten, befahl der örtliche Isaf-Kommandeur die Luftangriffe. Dabei wurden die Tanklastwagen zerstört und zahlreiche Aufständische getötet", sagte Isaf-Sprecherin Christine Sidenstricker. Die Isaf gehe davon aus, dass ausschließlich Rebellen unter den Toten seien.

Nach Angaben der afghanischen Polizei sind indes 40 Zivilisten bei dem Angriff getötet worden. Der Sprecher der Provinzregierung in Kunduz, Mahbuhullah Sajedi, sagte, unter den Opfern sei "eine kleine Zahl" von Zivilisten, darunter Kinder, die aus den in einem Fluss festgefahrenen Lastern Benzin abzapfen wollten. Ein Sprecher des afghanischen Gesundheitsministeriums sagte, "zwischen 200 und 250" Dorfbewohner hätten sich um die Laster geschart. Daher sei eine "große Zahl" von Zivilisten unter den Toten und Verletzten zu befürchten.

Nach Berichten der Bundeswehr haben die Taliban nachts gegen 1.50 Uhr Ortszeit in der Nähe von Kunduz an einem vorgetäuschten Checkpoint zwei beladene Tanklastzüge gekapert. Sie hätten den Treibstoff in den Unruhedistrikt Char Darah bringen und selbst nutzen wollen, teilte das Einsatzführungskommando am Freitag auf seiner Internetseite mit. Die Extremisten seien dabei entdeckt und gegen 2.30 Uhr Ortszeit erfolgreich bekämpft worden.

Der Gouverneur der Provinz, Mohammed Omar, erklärte, die Explosion habe sich ereignet, als die Taliban gerade dabei gewesen seien, Benzin an die Bevölkerung zu verteilen. Er bezifferte die Zahl der Opfer mit 100. Seinen Angaben zufolge sind auch ein ranghoher Taliban-Kommandeur sowie vier tschetschenische Kämpfer unter den Toten. "Ich glaube, dass alle Opfer Taliban oder örtliche Unterstützer der Taliban sind", sagte Omar am Telefon zu SPIEGEL ONLINE. Die meisten Bewohner in der Region hätten Angst vor den Taliban und würden sicher nicht mitten in der Nacht auf die Straße gehen, erklärte er.

Die Taliban selbst brüsteten sich im Telefongespräch mit SPIEGEL ONLINE damit, dass sie bei dem Zwischenfall gar keine Opfer erlitten hätten. Alle Toten seien Zivilisten gewesen, sagte der Taliban-Führer des Distrikts Char Darah, Mullah Schamudin. "Die Taliban haben die Tankwagen der armen Bevölkerung übergeben und die Gegend dann sofort verlassen." Erst danach seien die Bomben gefallen und hätten 150 Zivilisten getötet, behauptete Schamudin weiter.

In der Vergangenheit gab es mehrere Fälle, in denen Nato-Schläge zu zivilen Opfern führten. Unlängst hatte der Oberkommandierende der US- und Nato-Truppe, General Stanley McChrystal, gemahnt, die Einsatzführer sollten "die Fälle taktischer Erfolge - aber strategischer Verluste - durch zivile Opfer und hohe Schäden" vermeiden. Allein zwischen Januar und Mai sind nach Uno-Angaben bei Luftangriffen etwa 800 Zivilisten ums Leben gekommen, was einer Zunahme von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.

anr/dpa/reuters/afp/ap
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