Kampf gegen Taliban Zivilisten sterben bei Isaf-Angriff in Afghanistan

Afghanische und westliche Truppen wollen die Wende im Kampf gegen die Taliban erzwingen. Doch immer wieder sterben Zivilisten bei Angriffen. Am Montag wurden bei einem Luftangriff erneut fünf Unbeteiligte getötet. Die internationale Schutztruppe Isaf bedauerte den "tragischen Unfall".
US-Armee-Hubschrauber in Helmand: Tod von fünf Zivilisten wird nun untersucht

US-Armee-Hubschrauber in Helmand: Tod von fünf Zivilisten wird nun untersucht

Foto: Brennan Linsley/ AP

Kabul - Einen Tag nach dem Tod von zwölf Zivilisten hat die Internationale Schutztruppe Isaf am Montag erneut versehentlich Unbeteiligte in Südafghanistan getötet. Trotz aller Zusicherungen, die afghanische Zivilbevölkerung besser zu schützen, starben nach Isaf-Angaben fünf Zivilisten bei einem Bombardement in der Provinz Kandahar. Die Nato-geführte Truppe teilte mit, zwei weitere Zivilisten seien verletzt worden.

Eine Patrouille mit afghanischen und ausländischen Soldaten in Kandahar war laut Isaf davon ausgegangen, dass Verdächtige eine Sprengfalle versteckten. Die Truppen hätten einen Luftschlag angefordert. Nach dem Bombardement hätten die Soldaten festgestellt, dass ihr Verdacht unbegründet war. Es habe sich um Unbeteiligte gehandelt. Die Isaf bedauerte "diesen tragischen Unfall" und bekundete den Familien der Opfer ihr Mitgefühl. Der Vorfall werde untersucht. Die Familien würden entschädigt.

Das Bombardement sei nicht Teil der Operation "Muschtarak" in der benachbarten Provinz Helmand gewesen. Bei der größten Offensive gegen die Taliban seit dem Sturz ihres Regimes vor mehr als acht Jahren waren am Sonntag nach Isaf-Angaben zwölf Zivilisten getötet worden, als eine Rakete der Truppen ihr Ziel verfehlte. Unter den Toten waren auch sechs Kinder.

Der afghanische Innenminister Hanif Atmar sagte allerdings am Montag, dass unter den Getöteten auch zwei oder drei Aufständische gewesen seien. Nach seinen Angaben hatten sie das Haus eingenommen und daraus die Soldaten beschossen. Man werde aber nach dem Tod der Zivilisten auf den Einsatz schwerer Artillerie bei der Offensive verzichten und sich täglich mit Stammesältesten beraten. Außerdem wolle die Regierung einen Radiosender im Kampfgebiet installieren, um Zivilisten besser zu informieren.

Nato

Nato-Kommandeur Stanley McChrystal bat für den Vorfall um Entschuldigung und ordnete an, den betroffenen Raketentyp nicht mehr zu benutzen, bis der Fall untersucht ist. -Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen sprach den Familien der zivilen Todesopfer sein Beileid aus. Afghanistans Präsident Hamid Karzai hatte die Truppen zu Beginn der Offensive aufgefordert, die Zivilbevölkerung zu schützen. Auch die Vereinten Nationen hatten einen entsprechenden Appell an die Konfliktparteien gerichtet.

15.000 Soldaten bei der Offensive in Helmand

Der Angriff ist ein Rückschlag bei der Großoffensive im Süden des Landes, mit der die afghanische Regierung und die Koalitionstruppen die radikalislamischen Taliban zurückdrängen wollen. Rund 15.000 Soldaten sind an dem in der Nacht zum Samstag begonnenen Einsatz "Muschtarak" ("Gemeinsam") in der Unruheprovinz Helmand beteiligt, darunter 4400 afghanische Soldaten. Ziel ist es, die Rebellen aus der Region Mardscha, einem der größten Opium-Anbaugebiete der Welt, zu vertreiben. Der Bezirk stand jahrelang unter der Kontrolle von Taliban und Drogenhändlern.

Die afghanische Armee meldete am Montag weitreichende militärische Erfolge - die Bezirke Mardscha und Nad Ali in der Unruheprovinz Helmand würden nahezu gänzlich von den gemischten internationalen und afghanischen Truppenverbänden kontrolliert. Der Sprecher des afghanischen Verteidigungsministeriums sagte der Agentur AFP, die Truppen hätten die Stadt unter Kontrolle. Es gebe "sporadische Feuergefechte". Der Einsatz stehe kurz vor dem Abschluss.

Feuergefechte und Widerstand der Taliban

Die US-Armee äußerte sich zurückhaltender. Bis die Soldaten Mardscha mit seinen 80.000 Einwohnern völlig unter Kontrolle hätten, könnten noch einige Wochen verstreichen, erklärte Brigadegeneral Lawrence Nicholson von der US-Marineinfanterie. Dem US-Fernsehsender CBS sagte er, die Militäroperation in Mardscha könne möglicherweise noch 30 Tage dauern. Es werde zwar eine lange und mühsame Aufgabe sein, aber er sei "sehr optimistisch".

Die Aufständischen hätten mehr Sprengfallen installiert, als die Militärs erwartet hätten. Diese Sprengfallen bremsten den Vormarsch der Truppen. Am Montag gerieten die Soldaten erneut unter den Beschuss von Heckenschützen.

Am Sonntag habe starke Gegenwehr der Taliban US-Marine-Infanteristen zu vorsichtigem Vorrücken gezwungen, berichtete die "Washington Post". Die "New York Times" schrieb von heftigen Kämpfen am Sonntag in der Gegend um Mardscha. Zunächst hatten Militärs gesagt, die Taliban leisteten nur sporadischen Widerstand. Die Truppen gehen nach Angaben des US-Fernsehsenders CNN davon aus, dass sich noch Hunderte Taliban-Kämpfer im Kampfgebiet verschanzt haben.

Nach Angaben aus afghanischen Regierungskreisen wurden 35 Taliban-Kämpfer in den ersten zwei Tagen der Offensive getötet. Ein britischer Soldat wurde am Montag in Afghanistan von einer Bombe getötet, der Vorfall steht aber laut britischem Verteidigungsministerium nicht in Zusammenhang mit der Offensive. Am Sonntag war ein weiterer Brite bei einem Gefecht gestorben.

Wende in Afghanistan erzwingen

Mit der Offensive wollen die ausländischen und afghanischen Streitkräfte in Afghanistan eine Wende erzwingen. Die größten Kontingente der ausländischen Truppen bei der Operation stellen Amerikaner und Briten. Außerdem nehmen Soldaten aus Kanada, Dänemark, Estland und Frankreich teil. Offiziell führen die Afghanen das Kommando. Anders als bei früheren Offensiven, als die Truppen nach dem Ende der Kämpfe wieder abzogen, soll die Bevölkerung diesmal nach der Operation nicht wieder alleingelassen werden.

US-Außenministerin Hillary Clinton sagte Afghanistan langfristige Unterstützung zu. "Die USA werden Afghanistan nicht im Stich lassen", sagte Clinton am Sonntag beim "US-Islamic World Forum" in Doha. Auch nach dem Abzug der US-Truppen werde Washington mit einer "zivilen Präsenz" eine "langfristige Partnerschaft" mit Kabul sichern.

kgp/dpa/AFP/apn/Reuters