Kampf gegen Unzucht in Iran Peitschenhiebe für zu enge T-Shirts

Verwarnungen, Verhaftungen, Peitschenhiebe: Seit einer Woche geht die iranische Polizei brutal gegen angeblich unsittlich gekleidete Bürger vor - mit stiller Rückendeckung von Präsident Ahmadinedschad. Neben adrett gekleideten Frauen sind jetzt auch Männer betroffen.
Von Mohammad Reza Kazemi

Freiburg - Eine große schwarze Sonnenbrille und viel Make-up, ein kleines transparentes Kopftuch in fröhlicher Farbe, das kaum die Hälfte ihrer blond gefärbten Haare bedeckt, kurze Jeans und eng sitzender Mantel, der kaum bis zur Hüfte reicht und die Wölbungen des Körpers besonders betont: So sehen heutzutage Tausende Frauen in Teheran und anderen iranischen Großstädten aus.

Lange musste der ultraorthodoxe Präsident Mahmud Ahmadinedschad dieses für ihn und seine Anhänger peinliche Stadtbild hinnehmen. Grund für die bisherige Tatenlosigkeit der öffentlichen Aufpasser waren die ständigen Vorwürfe der Rivalen Ahmadinedschads während der Präsidentschaftswahlen im Juni 2005: Der Präsident, so die Warnungen damals, werde eine rigide Kleiderordnung einführen und hart gegen westlich gekleidete Bürger vorgehen. Die Beschuldigungen nötigten Ahmadinedschad sogar, im Staatsfernsehen die "Freiheit der lieben Jugendlichen bei der Auswahl ihrer Kleidung und Frisur" zu beschwören.

Jetzt ist die Zeit populistischer Wortgeplänkel vorbei. Zunehmend unter Druck geraten, beugt sich Ahmadinedschad nun immer offensichtlicher den verknöcherten Sittenvorstellungen des konservativen Klerus.

"Förderung moralischer Sicherheit der Gesellschaft" nennt die iranische Polizei ihren Kampf gegen die "Unsittlichkeit". Seit einer Woche läuft er auf Hochtouren. Hunderte Polizisten und Polizistinnen in Zusammenarbeit mit freiwilligen paramilitärischen Kräften, den Bassidsch-Milizen, überwachen alle öffentlichen Plätze, um jeglichen Verstoß gegen die islamische Kleiderordnung zu vereiteln. Besonders pikant: Dieses Mal sind nicht nur Frauen die Opfer von Repressalien. Auch Männer mit engen T-Shirts, Halsketten und auffällig "westlicher" Frisur werden angehalten und zur Rede gestellt.

Mehr als 170 Verhaftungen an einem Tag

Ist eine "Korrektur" des Outfits an Ort und Stelle möglich, geben sich die Sittenwächter damit zufrieden. Wenn nicht, wird die Person mit auf die Wache genommen. In solchen Fällen werden die Familienmitglieder der Betreffenden auf die Wache zitiert und müssen "ordentliche" Kleidung mitbringen; zudem müssen die Festgesetzten ein Bußgeld berappen. Wiederholungstäter müssen mit Peitschenhieben oder Haftstrafe rechnen. Laut Angaben der Teheraner Polizei wurden allein an einem Tag 2198 Frauen und Männer verwarnt, 47 Fahrzeuge, deren Fahrer "unsittlich" gekleidet waren, vorläufig sichergestellt und 161 Frauen und 12 Männer verhaftet.

Die Justiz scheint mit der neuen Verhaftungswelle überfordert zu sein. So kritisierte Mahmud Haschemi Schahrudi, Chef der iranischen Justiz und Präsident des obersten Gerichtshofs, das Vorgehen der Polizei mit dem Argument, die Inhaftierung von Menschen, die bisher nie in einer Strafvollzugsanstalt gewesen seien, werde negative soziale Folgen haben. Die Aktion wird trotzdem ungestört fortgeführt.

Doch der Kampf gegen die "Unsittlichkeit" kann Ahmadinedschad teuer zu stehen kommen: Der Populist ist sich bewusst, dass ein solches Vorgehen ihn binnen kürzester Zeit unpopulär macht. Daher hat er sich bisher öffentlich nicht zu der Aktion geäußert. Der Sprecher seiner Regierung, Gholam-Hossein Elham, versuchte sogar, die Justiz für das angelaufene Projekt verantwortlich zu machen. Die Regierung mische sich in solche Angelegenheiten nicht ein, verkündete er am Dienstag in einer Pressekonferenz.

"Wir werden hart gegen sie vorgehen"

Andere Mitstreiter Ahmadinedschads unterstützen die Aktion dagegen öffentlich. So zitierte die ultrakonservative Tageszeitung "Resalat" in ihrer gestrigen Ausgabe den iranischen Innenminister Mostafa Purmohammadi: Die Umfragen zeigten, dass der ständige Kampf gegen "unislamisch gekleidete Personen" von der Bevölkerung gewünscht sei. Kultusminister Saffar Harandi scheute sich nicht, kritischen Zeitungen offen zu drohen: "Diese Medien sollten sicher sein, dass sie zu einem gewissen Grad toleriert werden. Wenn sie aber damit nicht aufhören, werden wir hart gegen sie vorgehen."

Einen ersten Vorgeschmack auf die möglichen Folgen der Sittlichkeitskampagne erlebten Ahmadinedschad und seine Gefolgsleute in der Stadt Schiras im Süden Irans. Die Einführung neuer Regeln an Studentenwohnheimen hat dort zweitägige Studenten-Proteste heraufbeschworen. Was man in diesen Tagen aus der Stadt hört, erinnert an die Zustände in einer Strafvollzugsanstalt: Laut der neuen "moralischen Charta" der Universität Schiras dürfen die Studenten auf dem Wohnheimgelände keine Freizeitkleidung tragen. Das Verlassen der Wohnanlage ist ihnen nach 23 Uhr nicht mehr gestattet. Die Wächter dürfen außerdem jederzeit bei Bewohnern Überraschungsbesuche machen, um eventuelle Verstöße gegen islamische Normen zu verhindern.

Die Reformer sollten den Polizeichefs einen Preis verleihen - sie hätten ihnen die Arbeit bei den nächsten Präsidentschaftswahlen erleichtert, spottete der iranische Exil-Satiriker Ebrahim Nabavi in einem Beitrag der Online-Zeitung "Rooz". "Die Stärke Ahmadinedschads war, dass er sich nicht damit beschäftigte, was die Menschen tragen und trinken", schreibt Nabavi. Damit sei es jetzt vorbei. Die Rivalen des Präsidenten könnten sich nun zurücklehnen - sie würden die nächsten Wahlen gewinnen.

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