Kampf um Gaddafi-Hochburg Libysche Rebellen gehen vor Sirte in Stellung

Sie sind auf dem Weg nach Tripolis: Kurz vor Gaddafis Geburtsstadt Sirte stoßen die libyschen Aufständischen jedoch auf Gegenwehr. US-Militärs halten einen Sieg der Rebellen am Boden ohnehin für unwahrscheinlich - der Diktator müsse auf andere Weise gestürzt werden.

Rebellen vor Sirte: Mit wehenden Fahnen auf dem Weg in Gaddafis Geburtsstadt
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Rebellen vor Sirte: Mit wehenden Fahnen auf dem Weg in Gaddafis Geburtsstadt


Tripolis/Kairo - Ihr Ziel ist die Hauptstadt, auf dem Weg dorthin liegt Sirte: Ermutigt von den jüngsten Eroberungserfolgen drängen die Aufständischen in Libyen jetzt auf die symbolträchtige Einnahme der Geburtsstadt von Machthaber Muammar al-Gaddafi. Sirte liegt auf halbem Weg zwischen der Rebellenhochburg Bengasi und der Hauptstadt Tripolis.

Seit Beginn der alliierten Luftangriffe vergangene Woche ist es den Rebellen gelungen, nacheinander die Städte Es Sider, Ras Lanuf, Brega, Sueitina und Tobruk im ölreichen Osten des Landes einzunehmen. Dem arabischen Nachrichtensender al-Dschasira zufolge kontrollieren sie auch die rund 120 Kilometer von Sirte entfernt liegende Stadt Naufalija. Doch vor Sirte stießen die Rebellen am Montag auf erbitterten Widerstand der Regierungstruppen.

Die Anti-Gaddafi-Milizen stünden noch etwa 120 Kilometer östlich von Sirte, verlautete aus Quellen in Tripolis. Al-Dschasira berichtete, die Rebellen hätten das Wadi al-Ahmar (Rotes Tal) westlich von Nofilia erreicht. Die Talsenke sei von Gaddafi-Truppen vermint worden. Zudem würden hinter den dahinterliegenden Anhöhen Stellungen der Regime-Streitkräfte vermutet. Das Tempo des Vormarsches stellte die Aufständischen vor Nachschubprobleme. "Wir haben nicht genug Sprit", sagte ein Kämpfer, der in der Nähe der Ölstadt Ras Lanuf darauf wartete, sein Fahrzeug zu betanken.

Die westliche Militärkoalition flog am Montagvormittag Angriffe auf Stellungen Gaddafi-treuer Truppen in Sirte. Staatliche Medien berichteten von neun Explosionen in der Mittelmeerstadt. Nahe der Hauptstadt Tripolis hat ein französisches Kampfflugzeug einen Militärkomplex mit einer Kommandozentrale der libyschen Truppen angegriffen. Der französische Militärsprecher Oberst Thierry Burkhard teilte mit, die französischen Streitkräfte verlegten ihre militärischen Aktivitäten nun in den Westen des Landes.

Merkel berät mit Sarkozy, Obama und Cameron per Videokonferenz

Am Montagabend berichtete das libysche Staatsfernsehen, die "kolonialistischen Kreuzfahrer und Angreifer" hätten zivile und militärische Ziele in den Städten Garjan und Misda, die 40 beziehungsweise 90 Kilometer südlich von Tripolis liegen, angegriffen. Eine Bestätigung für diesen Bericht gibt es nicht.

Die Kämpfe zwischen Gaddafis Truppen und den Aufständischen gehen unterdessen weiter: Regimetreue Kämpfer hätten Teile der Stadt Misurata zurückerobert, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. In der Öl-Förderstadt Dschalu, im Landesinneren, ergaben sich rund 200 Soldaten den Aufständischen. Sie waren zuvor von den entlang der Mittelmeerküste abziehenden Truppen des Machthabers abgeschnitten worden.

Die USA - bislang führend im Militäreinsatz - ziehen seit Montag ihre Boote aus Libyen ab. Die Botschafter der 28 Nato-Staaten hatten am Sonntag die Übernahme des Kommandos für den gesamten internationalen Militäreinsatz beschlossen. Dies gelte "mit sofortiger Wirkung", sagte Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen. Die Nato-Mitgliedsländer müssen jetzt entscheiden, ob und wie sie sich an dem Einsatz beteiligen wollten. Als erstes und einziges Bündnisland hat Deutschland eine militärische Beteiligung ausgeschlossen.

Am Abend sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy, US-Präsident Barack Obama und Großbritanniens Premier David Cameron über den Einsatz internationaler Truppen in Libyen. Das rund 40-minütige Gespräch fand per Videokonferenz statt, hieß es aus dem Elysée-Palast. Es sollte das geplante Treffen der politischen Koordinationsgruppe für den Einsatz vorbereiten. Die Außenminister von mehr als 35 Nationen beraten an diesem Dienstag in London über eine diplomatisch-politische Lösung des Konflikts. Zu dem Treffen wird auch Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) erwartet. Unklar ist, ob und in welcher Form Vertreter der libyschen Opposition an der Konferenz teilnehmen.

Über 500 Afrikaner flüchten aus Libyen nach Malta

Gaddafi soll weg - aber über das wie sind sich seine Gegner noch immer nicht einig: Sarkozy und Cameron forderten in einer gemeinsamen Erklärung die Anhänger Gaddafis auf, dem libyschen Machthaber ihre Unterstützung zu entziehen. Italiens Außenminister Franco Frattini sagte, sein Land habe mit Deutschland, Frankreich und Schweden über Vorschläge für eine politische Lösung in Libyen gesprochen. Auch die Türkei solle miteinbezogen werden. Teil der Überlegungen sei, dass ein afrikanisches Land Gaddafi Asyl anbieten könne. Geplant sei zudem ein Dialog zwischen den Aufständischen und den Anführern der regionalen Stämme in Libyen.

Die "Washington Post" zitierte am Montag ungenannte US-Regierungsbeamte, die einen Sieg der Rebellen für eher unwahrscheinlich halten. Sie meinen, dass Gaddafis Regime wegen des internationalen Drucks entweder von selbst zerbricht oder, dass ein Ende seiner 41-jährigen Herrschaft am Verhandlungstisch erzielt wird. US-Vizeadmiral Bill Gortney sagte am Abend laut Reuters, die Rebellen seien "nicht sehr widerstandsfähig" und die Erfolge der letzten Tage seien dünn.

Auf der Flucht vor dem libyschen Bürgerkrieg erreichten mehr als 500 Menschen aus Libyen am Montag die Mittelmeerinsel Malta. Die Flüchtlinge aus Somalia und Eritrea sind die größte Gruppe in mehr als zehn Jahren, die in Malta ankam. Sie erreichten den Hafen von Valletta mit zwei Booten, nachdem sie drei Tage und zwei Nächte auf dem Meer verbracht hatten.

lgr/dpa/Reuters/AP/AFP

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saako 29.03.2011
1. ...
und es heißt, die Araber/Libyer erwarten (bei niederlage Ghaddafis) entweder die Ermordung oder den Selbstmord (seiner ganzen Familie) ...
vonbernhard 29.03.2011
2. Bodentruppen?
Zitat von sysopSie sind auf dem Weg nach Tripolis: Kurz vor Gaddafis Geburtsstadt Sirte stoßen die libyschen Aufständischen jedoch auf Gegenwehr. US-Militärs halten einen Sieg der Rebellen am Boden ohnehin*für unwahrscheinlich - der Diktator müsse auf andere Weise gestürzt werden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,753713,00.html
Wie immer kann man sich auf den Spiegel verlassen den anti-ami-twist so oft wie moeglich in jedem "Bericht" ein zu bauen. Und dass deutsche drauf reinfallen sieht man hier in den meisten Themen auf die Ihre Leser reagieren. Warum schrieb diese Zeitung nix, dass es die Rebellen klar gemacht haben sie wollen keine fremden Bodentruppen. Wird in den meistsen English language Medien berichted: http://www.bbc.co.uk/news/world-africa-12882213 Kein Wort davon in dieser Zeitung, statt dessen irreale Andeutungen : Und deutsche schlucken diese vorgekauten Suggestionen wie niemand anders. Und das *SPIEGELT* sich in der Poltik, im Alltagsleben und der Verbotskultur fuer die Deutschland weltberuehmt ist.. Ich les den Spiegel nicht um mich zu informieren, sondern nur um staunend zu beobachten wie leicht es ist eine gesamte Bevoelkerung hinters Licht zu fuehren, egal was das Thema ist. Alles hat ein Linksgewinde. Und ihre Berichte ueber Canada und die USA, laecherlicher geht`s garnicht. Wo finden sie z.B. Korrespondenten die solche Artikel schreiben wie "Autofahren im Winter, in Canada, LEBENSGEFAEHRLICH"... Koennte hier seitenlang solche Beispiele zitieren. Aber meistens ist es so wie mit dem Thema Lybia, man koennte Bibliotheken fuellen mit was deutsche Zetungen auslassen. Und wenn man was hier antworted sieht man zuerst nur "muss erst vom Moderator genehmigt werden" oder so aehnlich...typisch deutsch...Niemand anders macht das so...!!
youssef67 29.03.2011
3. Angriff auf Sirte
Mit großer Sicherheit werden in Sirte nicht alle Menschen königsfahnen-schwingend die Rebellen empfangen. Wie bitte soll diese Stadt mit über 150 000 Einwohnern "befreit" werden, ohne Zivilisten zu gefährden? Logische Schlussfolgerung: Die Allianz der Willigen bzw. die NATO muss unverzüglich den Angriff der Aufständischen stoppen. Oder habe ich die UN-Resolution (alles zu tun, um Zivilisten zu schützen) irgendwie falsch verstanden?
jörg pk 29.03.2011
4. Sirte "umschiffen" und Misurata zur Hilfe eilen...
Zitat von sysopSie sind auf dem Weg nach Tripolis: Kurz vor Gaddafis Geburtsstadt Sirte stoßen die libyschen Aufständischen jedoch auf Gegenwehr. US-Militärs halten einen Sieg der Rebellen am Boden ohnehin*für unwahrscheinlich - der Diktator müsse auf andere Weise gestürzt werden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,753713,00.html
... wäre vielleicht ein besserer Zug. Ich bin keiner der Experten. Aber ich kann mir vorstellen, dass viele Gründe dafür sprechen, Sirte erst einmal auszulassen: 1. Der Gaddafi Clan will dort evtl. die letzte grosse Barriere vor Tripolis aufbauen und hat sich dort schon seit Tagen enorm gut vorbereiten können. Ein Sturm wäre damit nur mit enormen Verlusten zu erreichen - wenn überhaupt. 2. Evtl. hat Gaddafi in Sirte tatsächlich noch genügend Unterstützung der Bevölkerung. Schliesslich haben in dieser Stadt die Menschen evtl. auch stärker als andere von den Öl-Einnahmen profitiert. 3. Auch die Menschen, welche in Sirte für einen Sturz des Diktators sind, stehen dort möglicherweise unter noch stärkerem Druck (von Nachbarn....). Alles in Allem, könnte es dazu führen, dass Sirte "von aussen" gar nicht zu befreien ist. Sofern obige Punkte zutreffen, werden das sicherlich auch die Anführer der Opposition wissen. Wieso gehen sie dann dennoch Sirte an? Nun, vielleicht, weil es schlicht keine Möglichkeit gibt, Sirte zu "umfahren". Und darauf könnte das Regime setzen, und versuchen die Aufständischen in Sirte in einen blutigen Strassenkampf zu verwickeln... Spätestens hier würden diese Aufständischen ihre "Unschuld" verlieren. Auch die unterstützende Koalition würde hier einerseits kaum etwas (aus der Luft) tun können, und evtl. an Legitimität einbüssen. Wo liegt ein möglicher Ausweg: Möglicherweise ist es machbar und sinnvoller mit Schiffen von Bengasi und von Ras-Lanuff aus direkt mit 2-3000 Aufständischen nach Misurata und anderen Städten im Westen über-zu schiffen. Eine ganze Anzahl dieser Städte werden offenbar weiter von Aufständischen gehalten und benötigen sicher Hilfe. Zudem könnten die Aufständischen diese Städte wie einen Brückenkopf nutzen...um 1. Sirte zu umgehen (und sich die verlustreichen Kämpfe zu ersparen). 2. Viel schneller vorwärts zu kommen und anderen Menschen zur Hilf zu eilen. 3. Den Plan von Gaddafi zu durchkreuzen (Sirte zu einem Schlachtfeld zu machen, bei dem alle mit Blut an den Händen rauskommen). Hier ein interessanter Link zur Lage im Westen: http://www.plapperstorch.de/?p=32554 Die Schiffe, könnten die Aufständischen sicher finden...und im Schutz der Koalitionsflotte in die entsprechenden Häfen einfahren.... Wenn Misurata und weitere Städte im Westen so gestärkt werden (noch dazu ohne furchtbare Verluste), dann wäre man Tripolis vielleicht wesentliche Schritte näher gekommen und Sirte könnte sich mit Tripolis später von selbst "befreien". Auch die dortigen Kommandeure von Gaddafis Gnaden werden sich dort ganz am Schluss absetzen, wenn Tripolis wankt.
materialist 29.03.2011
5. Ein Deckmäntelchen
Zitat von youssef67Mit großer Sicherheit werden in Sirte nicht alle Menschen königsfahnen-schwingend die Rebellen empfangen. Wie bitte soll diese Stadt mit über 150 000 Einwohnern "befreit" werden, ohne Zivilisten zu gefährden? Logische Schlussfolgerung: Die Allianz der Willigen bzw. die NATO muss unverzüglich den Angriff der Aufständischen stoppen. Oder habe ich die UN-Resolution (alles zu tun, um Zivilisten zu schützen) irgendwie falsch verstanden?
Es ging hier von anfang an nicht darum Zivilisten zu schützen vielmehr war uns ist der Sinn der Aktion die Rebellen zu unterstützen.Eine klare Einmischung in innere Angelegenheiten.
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