Kampf um Gleichberechtigung Homosexuelle fühlen sich von Obama verraten

Von , New York

2. Teil: Obama bittet um Geduld


"Deine Zeit ist abgelaufen, Mr. President", sagt der New Yorker Stylist Stephen Dimmick. "Dein Schweigen zum ohrenbetäubenden Ruf der Schwulengemeinde ist eine Schande." Dimmick erinnert an das Schweigen eines anderen US-Präsidenten: Ronald Reagan sprach das Wort Aids erst 1987 aus. Da waren schon mehr als 20.000 Amerikaner an der Immunschwächekrankheit gestorben.

Demonstration für die Homo-Ehe in New York: Schwule und Lesben sind von Obama enttäuscht
AP

Demonstration für die Homo-Ehe in New York: Schwule und Lesben sind von Obama enttäuscht

Intern hat Obama um Geduld gebeten. Im Mai lud er Vertreter prominenter Schwulengruppen ins Weiße Haus, wo er sie zwar nicht selbst empfing, sie mit Vizestabschef Jim Messina aber "legislative Strategien" beraten durften.

Messina bekam, wie die Website "Politico" berichtete, die Dringlichkeit der Sache neulich auch in Los Angeles bei einer Fundraising-Gala mit Obama von einem Aktivisten persönlich übermittelt - auf der Toilette des Beverly Hills Hilton. Derweil protestierte draußen auf der anderen Straßenseite eine laute Gruppe unter Beteiligung von Dan Choi, eines Arabisch sprechenden Linguisten, den die Armee wegen seiner Homosexualität gerade gefeuert hatte.

Welche Ironie: Das Militär entlässt einen Mann, von dessen Qualifikation es ohnehin viel zu wenige hat. "Don't ask, don't tell" wird heute denn auch von fast 70 Prozent der Amerikaner abgelehnt, und in einer Gallup-Umfrage hatten jetzt selbst 58 Prozent der Konservativen nichts gegen schwule Soldaten einzuwenden.

Obama versichert zwar, er wolle DADT letztendlich abschaffen - doch nur "auf vernünftige Weise, die unsere Truppen und unsere nationale Sicherheit kräftigt". Obama-Sprecher Ben LaBolt präzisiert das: So lange der Kongress kein anderslautendes Gesetz erlasse, werde der Präsident das alte "verteidigen".

Selbst Cheney hat nichts gegen die Homo-Ehe

Rachel Maddow, offen lesbische Anchorfrau des Kabelsenders MSNBC, gibt sich damit nicht zufrieden. In ihrer Show zeigte sie neulich einen Videoclip aus dem Wahlkampf, in dem Obama zur Aufhebung von DADT sagte: "Das Einzige, das dazu nötig ist, ist Führungskraft." Zumal die Fronten dabei kaum mehr entlang Parteilinien verlaufen - sondern nach Generationen. In einer CBS-Umfrage vom April unterstützten 42 Prozent die Legalisierung der Schwulenehe, neun Prozent mehr als im März - und fast doppelt so viele wie 2004. Bei den unter 40-Jährigen - der "Obama-Generation" - lag die Zustimmung sogar bei 57 Prozent.

Selbst Ex-Vizepräsident Dick Cheney, dessen Tochter Mary lesbisch ist, hat nichts gegen die Homo-Ehe und sagt das auch öffentlich - womit er progressiver agiert als Obama. Und der bisher dramatischste Versuch, das Eheverbot am Supreme Court anzufechten, ist eine Allianz zweier einstiger politischer Erzfeinde: Staranwalt Ted Olsen, der beim Auszählstreit der Wahl von 2000 George W. Bush vor dem Gericht vertrat, und sein damaliger Rivale David Boies. "Dies ist keine republikanische oder demokratische Frage mehr", sagte Olson zu CNN-Talker Larry King.

Doch das Weiße Haus will offenbar zunächst nur etwas "kleinere" schwule Reizthemen anpacken. Etwa die Verschärfung der Gesetze gegen Hassverbrechen und das Visa-, Green-Card- und Einbürgerungsverbot für HIV-Infizierte, das seit der Reagan-Ära besteht.

Das reicht vielen nicht. "Er ist ein Feigling", schimpfte der frühere Armee-Infanterist James Pietrangelo in einem Interview mit "Time" über Obama. Es war Pietrangelos Einspruch gegen seine eigene Entlassung gewesen, den der Oberste US-Gerichtshof diese Woche ablehnte. "Wenn Millionen Schwarze Zweite-Klasse-Bürger wären, dann hätte er sofort gehandelt."

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