Kampf ums Weiße Haus Biden erfuhr von Obamas Vizewahl beim Zahnarzt

Aggressiv knöpfte sich der demokratische Vizekandidat Joe Biden bei seinem ersten Auftritt den Rivalen vor. John McCain reagiert milde: Obama habe eine "sehr kluge Wahl" getroffen, Biden werde sicher einen guten Job machen. Doch das Lob des Republikaners ist vergiftet.


Washington/Berlin - Es war ein Versprecher an entscheidender Stelle. Als Barack Obama am Samstagnachmittag auf dem historischen Platz vor dem Kapitol von Springfield im US-Staat Illinois die Stimme immer weiter dramatisch hob, um die Bühne für seinen "running mate" Joseph Biden zu bereiten, da führte er ihn zunächst versehentlich als "den nächsten Präsidenten" der USA ein.

Obama mit Ehefrau Michelle und Biden mit Gattin Jill: Ärgerlicher Versprecher
DPA

Obama mit Ehefrau Michelle und Biden mit Gattin Jill: Ärgerlicher Versprecher

Die Vorlage war zu gut, als dass der Gegner sie ungenutzt passieren lassen würde. "Obama hörte sich an, als ob er die Top-Position seiner Präsidentschaftsbewerbung heute an seinen neuen Mentor abgegeben hat", spottete ein Sprecher des Teams um den republikanischen Kandidaten John McCain. "Die Wahrheit ist, es hat sich nichts verändert, seit Joe Biden zum ersten Mal feststellte, dass Barack Obama nicht bereit ist, dieses Land zu führen. Er war nicht bereit und er ist es jetzt auch nicht."

Unmittelbar nach der Bekanntgabe Obamas, dass Biden von nun als Kandidat für die Vizepräsidentschaft an seiner Seite stehen würde, hatten die Republikaner bereits einen neuen Werbespot vorgestellt, in dem Ausschnitte aus Präsidentschaftsdebatten und Talkshows mit dem Senator aus Delaware zu sehen waren. Darin stellte der 65-Jährige tatsächlich die Führungstauglichkeit Obamas in Frage und äußerte sich an anderer Stelle lobend über McCain (siehe Video).

Die neue Wahlwerbung zeigt, wie vergiftet das Lob ist, das McCain für Obamas Vize übrig hat. McCain bezeichnete die Entscheidung seines Herausforderers für Biden als "kluge Wahl". Der von Obama ausgesuchte demokratische Senator von Delaware sei ein guter Freund von ihm, und Biden werde eine gute Wahlkampagne für Obama machen, sagte McCain in einem Samstagabend geführten Interview des Fernsehsenders CBS. "Daher denke ich, dass er (Obama - d. Red.) sehr klug ausgewählt hat."

Biden hatte McCain bei seinem ersten gemeinsamen Auftritt mit Obama in Springfield ebenfalls als langjährigen Freund bezeichnet. Dennoch hatte Biden McCain auch aggressiv angegriffen. Man könne Amerika nicht verändern, rief Biden, wenn man damit prahlt, dass mit der Politik von George W. Bush völlig übereinstimme und diese unterstütze. Zudem machte sich der neue Vizekandidat über den Rivalen lustig, weil der in einem Interview zuletzt nicht so recht wusste, wie viele Häuser er eigentlich besitzt. Um wirtschaftliche Fragen zu erörtern, so Biden, müsse McCain immer erst überlegen, an welchem der sieben Küchentische man dies tun solle.

McCain sparte sich im CBS-Interview einen Konter. "Offensichtlich verfolgen Joe und ich zwei verschiedenen philosophische Seiten", sagte McCain. "Doch ich betrachte ihn als guten Freund und guten Mann." Sie seien seit Jahren befreundet und würden einander gut kennen.

Auf die Frage, ob es mit dem Außenexperten Biden nun schwieriger werde, Obama wegen dessen fehlender Erfahrung zu attackieren, antwortete McCain mit dem Hinweis auf die unterschiedlichen Positionen zwischen ihm und Biden, insbesondere in der Irak-Politik. "Wir haben zudem viele unterschiedliche Ansichten in Fragen der nationalen Sicherheit", ergänzte McCain.

Der designierte republikanische Bewerber will seinen Vizekandidaten wahrscheinlich Ende nächster Woche bekanntgeben vor Beginn des Parteitages der Republikaner. Die Demokraten feiern ihren Nominierungsparteitag bereits von Montag an in Denver (Colorado).

Obama hatte sich für seine Entscheidung zugunsten Bidens Monate Zeit gelassen. Das Team des Senators aus Illinois durchleuchtete in dieser Zeit die privaten und politischen Lebensläufe zahlreicher potentiellen Vizeanwärter, jedes nur erdenkliche Dokument, jedes Abstimmungsverhalten, jeder Bruch in der Biografie wurde analysiert und bewertet.

Dass die Wahl auf ihn gefallen ist, erfuhr Biden am Donnerstag telefonisch. Der Anruf erreichte ihn beim Zahnarzt. Allerdings saß der Senator glücklicherweise nicht selbst auf dem Behandlungsstuhl, er stand seiner Frau Jill bei einer Wurzelbehandlung bei.

Wie die "New York Times" unter Berufung auf Vertraute Obamas und Bidens schreibt, gehörte der Senator aus Delaware zunächst nicht zu den Favoriten für das Vizeticket. Erst spät, als der Wahlkampf immer mehr an Dynamik gewann, seien die Aktien Bidens gestiegen. "Es ist eine sehr persönliche Entscheidung", zitiert die "NYT" den Chefstrategen der Obama-Kampagne, David Axelrod. Obama sei diese sehr nüchtern, ernsthaft und logisch angegangen.

Bis Anfang Juli standen demnach noch vier Namen auf der Liste, heißt es in der "NYT": Außer Biden waren das der Senator von Indiana, Evan Bayh, der Gouverneur von Virginia, Tim Kaine, und die Gouverneurin von Kansas, Kathleen Sebelius. Für alle Optionen gab es demnach bereits Redemanuskripte, PR-Planungen, selbst Privatflugzeuge waren schon gechartert, um die Kandidaten rasch an den Ort des ersten gemeinsamen Auftritts mit Obama bringen zu können.

Vor zehn Tagen dann, als er im Urlaub auf Hawaii weilte, legte sich Obama auf Biden fest - zu einer Zeit, als einmal mehr die außenpolitische Expertise Bidens gefragt war: Dessen Stärke wurde durch die Krise im Kaukasus betont. Es war jedoch nicht nur die Außenpolitik, die letztendlich den Ausschlag für Biden gab. Auch dessen Wurzeln im Arbeitermilieu, die ihn für diese Wählergruppe attraktiv machen, und seine eindrucksvolle Biografie spielten eine große Rolle.

Eine neu Umfrage im Auftrag der "Washington Post" und des TV-Senders ABC sieht Obama weiter knapp vor McCain. In der Erhebung, die bereits abgeschlossen war, als Obama seine Vizekandidaten ernannte, kommt der demokratische Bewerber auf 49 Prozent, sein Konkurrent auf 45.

Dem Bericht der "Washington Post" zufolge hat sich damit im Vergleich zum Vormonat kaum etwas geändert. Wie es weiter heißt, sprechen die Wähler McCain vor allem Kompetenz als Oberster Befehlshaber der US-Truppen zu, Obama dagegen liege in der Frage der wirtschaftlichen Kompetenz - das Thema, das die Wähler am meisten bewegt - deutlich vorne.

phw/Reuters/dpa/AFP



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