Kampf ums Weiße Haus Obama landet auf dem Boden der Realitäten

Tolle TV-Bilder, jubelnde Massen, geschickte Diplomatie: Obamas Auslandswoche war in Übersee ein Erfolg. Doch in den USA erwartet ihn nun der harte Wahlkampf-Alltag. Bislang konnte der Hoffnungsträger der Demokraten sich nicht nennenswert von seinem Rivalen absetzen.

Von , New York


New York - Es war ein etwas verblüffendes Eingeständnis. Ein Eingeständnis, das den Sinn und Zweck der ganzen Reise zu negieren schien: "Ich wäre nicht überrascht", sagte Barack Obama, "wenn wir in einigen Umfragen einen kleinen Knick nach unten sehen würden."

Nach unten? Obama sprach diese Worte während seines Besuchs in London, vor Number 10 Downing Street, dem Sitz des britischen Premiers. Es war eine letzte Presseaudienz, bevor der US-Demokrat wieder nach Hause zurückjettete von seiner umjubelten PR-Tour durch den Nahen Osten und Europa.

Barack Obama: Kleiner Knick in den Umfragen?
AFP

Barack Obama: Kleiner Knick in den Umfragen?

Doch Obama hatte Recht. Weniger umjubelt war diese Reise in den USA, wo seine Wahlkampf-Boeing buchstäblich wieder auf dem Boden der Realitäten aufsetzte. Denn trotz dieser Polit-Safari über drei Kontinente hinweg, trotz flächendeckender Berichterstattung und brillanter TV-Bilder, trotz der anhaltenden Stümperei John McCains und der generellen Anti-Stimmung gegen das Erbe der Republikaner konnte Obama seinen schmalen Vorsprung in den Umfragen bisher nicht nennenswert ausbauen - im Gegenteil.

Dieses Paradox schlägt sich nicht nur in Umfragen nieder, sondern auch in den zwiespältigen Reaktionen und Kommentaren hier. Klartext: Bei vielen US-Wählern bleiben hartnäckige Zweifel an Obama, auch (oder erst recht?) nach dieser politischen Märchenreise. Der transatlantische Höhenflug ist vorbei - jetzt erwartet ihn der harte Wahlkampf-Alltag.

Benzinpreise statt Weltrettung

Obama selbst gibt das zu. "Kurzfristig hat ein Trip wie dieser genau so viele Nachteile wie Vorteile", sagte er in einem Interview mit der "New York Times". "Die Leute daheim sorgen sich um die Benzinpreise, sie sorgen sich um Zwangsversteigerungen. Und dann sehen sie eine Woche lang, wie ich um die Welt tapse?" Egal: "Wir fanden es das Risiko wert."

War es das? Die Meinungen hier sind geteilt. Sie verlaufen entlang der üblichen, oft sehr emotionalen Bruchstellen zwischen Obama-Fans und Obama-Skeptikern. Bruchstellen, die auch diese Tournee kaum kitten konnte. "Obamas Weg zur Präsidentschaft", kommentiert die "Los Angeles Times" und tat die Obama-Euphorie in Europa als schöne Fototapete ab, "ist alles andere als sicher".

In dem Kontext war die Reise von Anfang an ein Seiltanz. Zum einen bot sie Obama die Gelegenheit, sich mit sorgfältig inszenierten Auftritten im Kreise von Truppen und Regierungschefs anderer Länder erstmals richtig als Oberbefehlshaber zu präsentieren, als Staatsmann - subjektive Qualitäten, bei denen McCain sonst vorne liegt. Zum anderen lief Obama dabei zugleich aber Gefahr, "elitär", überheblich und dem darbenden Middle America entrückt zu wirken - Image-Probleme, die er bisher nur schwer abschütteln konnte.

Beide Seiten - die eingefleischten Obama- und McCain-Wähler - scheinen sich durch die Reise nun nur bestätigt zu finden. Obwohl Obamas Publikum weniger die Berliner oder Londoner waren als die Wähler an den TV-Schirmen in den USA - was sich auch darin äußerte, dass Obama nur US-Journalisten Interviews gab.

US-Flaggen für jubelnde Berliner

Obamas Anhänger sehen seine historisch einmalige Wahlkampf-Rallye in Übersee als Beweis dafür, dass ihr Held das zerfledderte Ansehen der USA in der Welt wieder reparieren kann. Das symbolischste Bild dafür war das Berliner Menschenmeer - voller Sternenbanner (ausgegeben wohlweislich vom Obama-Team).

Diese Sicht schlug sich spätestens seit Berlin in den US-Medien wieder: "Volltreffer" ("Time"), "Grand Slam" ("Salon"), "Triumphzug" (der konservative Kommentator Bill Bennett). "Obamas Reise", schrieb der Demoskop Doug Schoen, "hat demonstriert, dass dieser Kandidat auf der Weltbühne mitspielen kann".

Obamas Kritiker dagegen halten dieselben Szenen für ein weiteres Zeichen der Hybris Obamas. Der Berliner Auftritt schlug besonders in diese Kerbe. "Es hat womöglich etwas anmaßend Klingendes, wenn man seine Rede an 'die Völker der Welt' adressiert", sinnierte Michael Crowley im "New Republic".

"Sie lieben Obama, weil er Amerika verachtet", höhnte der erzkonservative Radio-Talker Rush Limbaugh über Europas Obama-Rausch. Es ist das gleiche Argument, das die Rechte schon 2004 gegen John Kerry ins Feld geführt hat, indem sie ihn erfolgreich als "zu französisch" brandmarkten. Doch das war noch zu Zeiten, da Kartoffelfritten, in den USA "French Fries" genannt, in der Kongresskantine in "Freedom Fries" umgetauft wurden - aus Protest gegen Europas Kritik am Irak-Krieg.

"Zuhause", so CNN.com, "fragten sich Wähler, ob der Trip notwendig war." Denn nicht nur den Republikanern fiel auf, dass McCain als einziger der zwei geladenen Kandidaten am Donnerstag auf der großen "Livestrong"-Krebstagung des früheren Radprofis Lance Armstrong auftrat - während Obama zur gleichen Zeit im Hotel Adlon ruhte.

Kann Obama die noch unentschlossenen Wähler holen?

Und dann sind da noch die unentschlossenen Wähler. Ohne sie kann weder Obama noch McCain die Wahl gewinnen. Dies wird entweder Obamas Untergang - oder sein Weg zum Sieg.

Wie umsichtig er hier agieren muss, zeigte eine Umfrage des "Wall Street Journals" von Ende vorigen Woche: 55 Prozent halten ihn demnach weiter für die "riskantere Option" in diesem Rennen. Nur 25 Prozent fanden, er gebe einen besseren Oberbefehlshaber ab als McCain.

Die Umfrage wurde vor Obamas Reise getätigt. Ob sich seither der eine oder andere Zweifler in Richtung Obama bewegt hat? "Angesichts ihrer Skepsis", schreibt "Newsweek"-Blogger Andrew Romano, "kann ich mir nicht vorstellen, dass die Zahl weltbewegend ist."

Eine besondere Untergruppe dieser Skeptiker ist das Hillary-Clinton-Lager, das sich bis heute die Wunden leckt - und das Obama auch durch seine Reise nicht vollends auf seine Seite ziehen konnte. "Die Clinton-Anhänger, die ich kenne, stören sich an diesen Rockstar-Events", sagte die enge Clinton-Freundin Susie Tompkins Buell der "Los Angeles Times". "Bei diesen Spektakeln geht es mehr um den Kandidaten als um die Partei und die Themen."

McCain stolpert von einer Panne zur nächsten

Dabei sind diese Themen ideal für Obama: kriselnde Wirtschaft, genervte Wähler, geneigte Medien - bessere Ausgangspositionen für einen Demokratensieg im Herbst gab es lange nicht mehr. Dass Obama die Schallmauer bisher trotzdem nicht durchbrechen konnte, ist umso bedenklicher, als McCain derweil von einem missratenen Termin zum nächsten stolpert.

So ließ McCain die "Tschechoslowakei" wiederaufleben, erfand eine gemeinsame Grenze des Iraks mit Pakistan und ließ sich mehrfach im Kreise älterer Zeitgenossen ablichten (um selbst jünger zu erscheinen?). Und das alles in der vergangenen Woche, während der Rivale außer Landes war. Sogar McCains Spontanbesuch beim Dalai Lama verkam zum nur wenig beachteten Fototermin.

McCain "ist dieses Jahr ziemlich offensichtlich dem Untergang geweiht", prophezeite der Kolumnist Kevin Drum. Dennoch hat sich Obama bisher nicht von ihm absetzen können: Er bleibt, so John Judis im "New Republic", für viele Amerikaner "der mysteriöse Fremde" - ein Fremder, der die vergangene Woche in der Fremde verbrachte.

Europa jubelt, Amerika hadert - mit sich und Obama. Auch weil sich diese Wahl nicht allein mit der Außenpolitik gewinnen lässt. Oder allein mit der Frage, wer zum Irak Recht hatte (und hat) - so sehr sich dieses Blatt dank der Obama-Reise und der kräftigen Mithilfe des irakischen Premierministers Nuri al-Maliki zu Gunsten des Demokraten gewendet hat.

Nein, gewonnen wird sie am Ende mit den "bread and butter"-Themen, die die Amerikaner persönlich bedrücken: Energiepreise, Hypothekenkrise, Immobilien-Crash. "Deshalb", schreibt Romano, "dürfte Obamas Trip nach Berlin nicht so viel bedeuten wie Aufenthalte in Berlin in New Hampshire, Berlin in Pennsylvania und Berlin in Wisconsin."

Drei Orte übrigens, in denen John McCain diese Woche Radiospots gegen Obama schaltete.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.