Kampfeinsatz im Irak US-Kommandeur verbietet Schwangerschaften in seiner Truppe

"Ich brauche jeden einzelnen": Der US-Befehlshaber für den Nordirak hat eine drastische Order gegen Schwangerschaften erlassen. Soldatinnen droht das Kriegsgericht und Gefängnis - und auch die uniformierten Väter sollen bestraft werden. Mehrere Frauen wurden schon abgemahnt.
US-Soldatin in der nordirakischen Stadt Mossul: "Wir brauchen jeden einzelnen"

US-Soldatin in der nordirakischen Stadt Mossul: "Wir brauchen jeden einzelnen"

Foto: RAMZI HAIDAR/ AFP

Washington - Müssen US-Soldatinnen bald vor das Kriegsgericht, wenn sie Kinder bekommen? Heeres-Generalmajor Anthony Cucolo hat eine drastische Order erlassen, die Schwangerschaften in seinen Einheiten verbieten soll - um die Truppenstärke aufrechtzuerhalten.

Durch die Order sollen nicht nur Soldatinnen bestraft werden, die schwanger wurden. Es seien Soldaten betroffen, die Kinder mit den Frauen zeugen, berichtet der US-Fernsehsender ABC.

Die Begründung: Angesichts ausgedünnter Truppen in dem ehemaligen Kriegsgebiet könnten die USA keine Ausfälle verkraften. "Ich brauche jeden Soldaten, den ich habe", sagte Cucolo, der 22.000 Männer und Frauen im Nordirak befehligt. "Jeder, der den Kampf vor der erwarteten Stationierungsdauer von zwölf Monaten verlässt, belastet seine Kameraden."

Die Soldaten von Kommandeur Cucolo sind unter anderem in den Städten Balad, Kirkuk, Tikrit, Mossuk und Samarra stationiert. In seiner Truppe dienen zurzeit etwa 1700 Frauen.

Soldatinnen mit Abmahnungen bestraft

"Jeder, der diesen Kampf wegen einer persönlichen Entscheidung, die den medizinischen Status ändert, vorzeitig verlässt - oder dazu beiträgt -, hält sich nicht an ein Schlüsselelement unseres Ethos", schrieb der Generalmajor in seiner Stellungnahme an ABC. "Ich werde die Mission immer an erste Stelle setzen. Und ich denke, dass es negative Folgen für diejenigen haben sollte, die eine solche persönliche Entscheidung treffen." Er erwarte nicht, "dass jemand, der nicht im Militär gedient hat, völlig versteht, was ich zu erklären versucht habe".

Die Order wurde Anfang November in der Militärzeitung "Stars and Stripes" veröffentlicht. Sie verbietet wörtlich, "nicht verfügbar zu sein aus Gründen, die in der Macht des Soldaten liegen" - unter anderem wegen Schwangerschaft und des "Schwängerns einer Soldatin". Verstöße gegen diese Regel könnten mit der Entlassung aus dem Militärdienst bestraft werden. Schwangerschaften nach einem sexuellen Missbrauch würden von der Regel ausgenommen.

Der Publikation zufolge wurden schon sieben US-Soldaten bestraft. Allein im vergangenen Monat habe es vier Schwangerschaftsfälle in der Truppe gegeben, sagte Cucolo "Stars and Stripes". Dem Kommandeur zufolge würden die Disziplinarmaßnahmen in der Realität jedoch "auf einem niedrigeren Level" gehandhabt. Die vier Soldatinnen hätten eine schriftliche Abmahnung erhalten, ebenso wie drei männliche Truppenmitglieder.

"Es ist wahrscheinlich legal"

Eine Soldatin habe den Namen des Vaters nicht preisgeben wollen, berichtete Cucolo weiter. In diesem Fall werde aber auch nicht weiter ermittelt. "Ich bin im Kriegseinsatz", sagte Cucolo, "wir haben für so etwas keine Zeit."

In einer E-Mail an den US-Nachrichtensender CNN verteidigte der Generalmajor das Regelwerk als "gesetzmäßig". Der Schwangerschaftspassus sei lediglich "ein winziger Teil" einer ganzen Reihe von Verhaltensregeln, die unter anderem Spiel- und Drogensucht oder das Verhalten gegenüber irakischen Zivilisten reglementieren sollen.

Ein Sprecher des Heeres sagte ABC, Cucolo habe wie jeder andere US-Kommandeur das Recht, nach eigenem ermessen Regeln aufzustellen und durchzusetzen. "Unter seinem Kommando ist das seine Sache", sagte Oberstleutnant Nathan Banks. Auch der zivile Militäranwalt Wayne Kastel hält den Schritt für zulässig. "Damit soll den Leuten wohl kräftig Angst gemacht werden", sagte er. "Ich finde es nicht gut, aber ich würde sagen, es ist wahrscheinlich legal."

Schwanger, um nach Hause geschickt zu werden

Nach Kastels Worten könnte ein Verstoß gegen die Anordnung von einem Militärgericht als Verletzung eines allgemeinen Befehls gewertet und mit ein bis zwei Jahren Haft geahndet werden. Allerdings hält er es für unwahrscheinlich, dass das Heer einen angehenden Vater oder eine werdende Mutter so lange hinter Gittern lässt.

Der Militäranwalt äußerte auch Verständnis für den Schritt des Kommandeurs. Er habe Berichte gehört, nach denen weibliche Soldaten absichtlich schwanger wurden, nur um nach Hause geschickt zu werden - was in solchen Fällen üblicherweise auch umgehend geschehe. Dies erkläre den Befehl, sagte Kastel.

US-Präsident Barack Obama hatte zum Amtsbeginn einen Abzug seiner Soldaten aus dem Irak bis Ende 2011 versprochen. Bis August 2010 soll ein Großteil der US-Kampftruppen das Land verlassen. Einen kompletten Abzug stellte Obama für Ende 2011 in Aussicht.

amz/dpa
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