Kampfeinsatz Was die deutsche Eingreiftruppe in Nordafghanistan erwartet

Soldaten der Bundeswehr sollen die Norweger als schnelle Eingreiftruppe in Nord-Afghanistan ablösen. Wie gefährlich ist dieser Einsatz? Der norwegische Oberstleutnant John Inge Øglænd berichtet SPIEGEL ONLINE von den Erfahrungen seiner Truppe.

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Berlin - Hubschrauber kreisen, Schüsse fallen, Taliban werden umzingelt: Nord-Afghanistan im November, norwegische Soldaten rücken aus, um im Rahmen der Operation "Harekate Yolo" Aufständische niederzuschlagen.

Isaf-Hubschrauber in Afghanistan: Charakteristika der schnellen Einsatztruppe "Mobilität, Flexibilität - immer in Alarmbereitschaft"
REUTERS

Isaf-Hubschrauber in Afghanistan: Charakteristika der schnellen Einsatztruppe "Mobilität, Flexibilität - immer in Alarmbereitschaft"

Der norwegische Oberstleutnant John Inge Øglænd sprach danach von den schwersten Gefechten norwegischer Soldaten seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Norweger, die zusammen mit afghanischen, deutschen, italienischen und anderen Isaf-Soldaten kämpften, waren Teil der so genannten schnellen Eingreiftruppe, der so genannten "Quick Reaction Force" (QRF).

Zwei Jahre lang stellten die Norweger etwa 235 Soldaten für die Truppe - aber sie haben bereits vor Monaten beschlossen, ihren QRF-Einsatz zu beenden.

Als Nachfolger im Gespräch ist die Bundeswehr, und zwar schon länger. Bereits im November 2007 gab es erste Gerüchte über die Entsendung einer Kampfeinheit für die schnelle Eingreiftruppe im Norden Afghanistans. Jetzt rückt der Marschbefehl aus Berlin näher, was sich nicht zuletzt aus den deutlichen Worten des Bundeswehrverband-Chefs Bernhard Gertz heraushören lässt: Zum Kampf-Einsatz deutscher Soldaten im Norden Afghanistans sieht er keine Alternative.

Mobil, flexibel, immer in Alarmbereitschaft

Zwar heißt es aus dem Verteidigungsministerium noch, die Bundeswehr prüfe eine Anfrage der Nato, und Verteidigungsminister Jung stellte klar, dass ein möglicher deutscher Einsatz im Norden des Landes nur im Rahmen eines Bundestagsmandats erfolgen wird. Immer wieder ist davon die Rede, dass erst Ende Januar entschieden werden soll. Doch der Bundesregierung ist ziemlich klar, dass jetzt deutsche Soldaten ran müssen.

Was aber genau würde ein Einsatz in der QRF bedeuten? Der norwegische Oberstleutnant John Inge Øglænd, Sprecher des Einsatzführungskommandos, hat deren Aktionen in den vergangenen zwei Jahren regelmäßig begleitet, er war oft selbst im Norden Afghanistans.

"Mobilität, Flexibilität - immer in Alarmbereitschaft" - so beschreibt der Offizier SPIEGEL ONLINE recht abstrakt die drei wesentlichen Charakteristika des QRF-Teams. Befehligt wird das Team vom Hauptkommandeur des "Regional Command North", das die Deutschen führen. Die Aufgabe ist klar: verbündeten Truppen im Notfall zur Hilfe zu eilen - also beispielsweise bei einer Offensive der Taliban. Zum Alltag der QRF gehöre es außerdem, sagt Øglænd, die fünf lokalen Wiederaufbau-Teams - die Militärs nennen sie PRT, Provincial Reconstruction Team - im Norden Afghanistans zu unterstützen. Die schnelle Einsatztruppe kooperiere in Sicherheitsfragen täglich mit den PRTs.

Die Lage hat sich 2007 zunehmend verschlechtert

Konkrete Fälle, in denen die QRF gerufen wird, will der norwegische Obersleutnant nicht nennen: "Es wäre naiv zu glauben, dass unsere Gegner nicht die westlichen Medien verfolgen, um unsere Strategie zu erkennen". Wenn er Genaueres sage, wüssten die Aufständischen doch sofort, "wann sie uns auf der Straße antreffen", so Øglænd. Die QRF sei hauptsächlich mit leichten Fahrzeugen unterwegs, aber sie habe auch Infanteriekampfwagen und ein Kettenfahrzeug, das mit Maschinengewehren und Schnellfeuerkanonen ausgerüstet ist.

Wie gefährlich wäre ein Einsatz deutscher Soldaten in der QRF?

In ihren Unterrichtungen für das Parlament hat die Bundesregierung die Lage in der Region beschrieben. Demnach habe sich die Sicherheitslage im Laufe des Jahres 2007 "zunehmend verschlechtert". Regierungsfeindliche Kräfte mit Verbindung zu den Taliban hätten demnach eine "große eigene Bewegungsfreiheit" bekommen. Durch die Operation im November konnte diese eingedämmt werden; Dutzende Kämpfer wurden festgenommen. Niemand aber ist so naiv zu glauben, dass sich die feindlichen Kräfte nicht wieder neu formieren können.

Oberstleutnant Øglænd verweist darauf, dass es in den vergangenen Jahren jedoch nicht viele schwerwiegende Vorfälle oder Angriffe in Nord-Afghanistan gegeben habe. Im Vergleich zum Rest des Landes sei es dort ruhig geblieben, und so sei auch die QRF nur insgesamt zweimal zu Kampfeinsätzen gerufen worden. Einmal Anfang November im westlichen Teil des Einsatzgebiets. "Aber ich muss dazu sagen, dass beide Einsätze von afghanischen Kräften angeführt wurden", so Øglænd.

Die Eingreiftruppe ist gut geschützt, der Einsatz sicher

Kein einziger norwegischer Soldat der QRF-Truppe sei bei einem Einsatz getötet worden. Denn die schnelle Eingreiftruppe sei viel besser geschützt als Soldaten anderen Einsatztruppen in Afghanistan, sagt Øglænd. "Aus militärischer Perspektive ist der QRF-Einsatz so sicher wie kaum eine andere Einheit; es handelt sich um eine extrem robuste Truppe." Für die Gegner gebe es nicht Schwierigeres, als die QRF anzugreifen.

"Das Feuer löschen, wenn es brennt" - so beschreibt Bernhard Gertz die Aufgabe der schnellen Einsatztruppe. Øglænd betont, dass die QRF auch gerufen werde, um brenzlige Situationen im Vorfeld zu verhindern. So hätten die norwegischen Soldaten in der Vergangenheit bereits deutsche Soldaten des Aufbauteams in Kunduz verstärkt und Patrouillen im gesamten Einsatzgebiet im Norden Afghanistans geführt.

Im Sommer werden die Norweger ihren QRF-Einsatz beenden - nach einer Phase der Übergabe an die neuen Einsatzkräfte. Er wolle sich auf keinen Fall in die deutsche Debatte um den Bundeswehreinsatz in Afghanistan einmischen, sagt Øglænd. Unabhängig davon sei er aber auf Grund seiner Erfahrungen sicher, dass die deutschen Soldaten in Nord-Afghanistan bereits jetzt auf dem Level der norwegischen Kameraden seien. Schließlich handle es sich bei den QRF-Kräften nicht um Spezialkräfte. Der Oberstleutnant ist überzeugt: "Die Deutschen sind absolut fit, die Norweger in der schnellen Eingreiftruppe zu ersetzen."



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