Kampfstrategie Radikale Palästinenser wollen nur noch Soldaten und Siedler angreifen

Zur etwa selben Zeit, da im israelischen Netanja die Bombe eines Selbstmordattentäters mindestens 20 Menschen verletzte, haben radikale Palästinenser-Gruppen angekündigt, Suizidanschläge gegen Zivilisten einzustellen. Der Kampf gegen israelische Siedler und Soldaten werde allerdings weitergehen.


Wie ernst ist die Ankündigung der Hamas zu nehmen?
REUTERS

Wie ernst ist die Ankündigung der Hamas zu nehmen?

Kairo/Damaskus/Riad - Es ist noch unklar, auf wessen Konto der jüngste Anschlag im israelischen Netanja geht. In der Vergangenheit verübten unter anderem die al-Aksa-Brigaden, der Dschihad Islami, die Hamas Selbstmordanschläge. Nach der radikal-islamischen Organisation Hamas erklärte am Sonntag auch die Demokratische Front zur Befreiung Palästinas (DFLP), sie werde künftig nur noch israelische Soldaten und Siedler angreifen. Man wolle Israels Ministerpräsidenten Ariel Scharon keinen Vorwand für seine Militäraktionen gegen die Palästinenser liefern, sagte der Generalsekretär der radikalen DFLP am Sonntag in Damaskus. Die Organisation machte jedoch gleich eine Einschränkung: Sollte die israelische Armee erneut Zivilisten angreifen, behalte sich die DFLP "Vergeltungsmaßnahmen" auch gegen israelische Zivilisten vor.

Unklarheit herrscht momentan noch über eine ähnliche Ankündigung der Hamas. Auf der einen Seite kündigte die Bewegung am Wochenende die Fortsetzung aller Formen des Widerstandes an. Gleichzeitig deutete ihr geistiger Führer, Scheich Ahmed Jassin, an, dass sich der bewaffnete Arm der Hamas in Israel künftig auf Angriffe gegen militärische Ziele beschränken wolle - unter einer Voraussetzung: Dass Israel seinerseits das Töten von palästinensischen Zivilisten einstelle.

In einem Interview sagte Jassin: "Wir sind die ersten, die das Töten von Zivilisten ablehnen, und wir hatten uns entschlossen, uns an diese Politik zu halten, aber die israelische Armee hat Massaker an unserem Volk verübt in Dschenin und an anderen Orten. Deshalb müssen wir uns auf ihre Methoden einstellen."

Offenbar steht die Hamas derzeit in diplomatischem Kontakt zu Arafats Autonomiebehörde und zum saudi-arabischen Königshaus. Das Hamas-Mitglied Ismail Abu Schanab bestätigte in einem am Sonntag von der saudischen Zeitung "Al Watan" veröffentlichten Interview indirekt Berichte über einen Dialog der Hamas mit der Autonomiebehörde über die Frage der Selbstmordattentate. "Hamas fürchtet den Dialog nicht, sondern fördert ihn sogar, sei es intern oder mit anderen Arabern oder Moslems", sagte er. Es sei aber noch zu früh, um schon Einzelheiten preiszugeben. Offen ließ Abu Schanab auch, ob sich Hamas an den von Arafat angekündigten Wahlen beteiligen wird.

Nach dem jüngsten Besuch des saudischen Kronprinzen Abdullah Ibn Abdelasis bei US-Präsident George W. Bush in Texas waren Berichte über eine Vereinbarung beider Seiten über eine künftige "Arbeitsteilung" im Nahost-Konflikt durchgesickert. Danach wolle die US-Regierung Israel dazu bringen, bereits geschlossene Verträge mit den Palästinensern zu respektieren. Saudi-Arabien wolle seinerseits die Terroranschläge durch radikale Palästinenser stoppen.



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