Justin Trudeau Kanada entschuldigt sich für Diskriminierung der LGBTQ2

"Wir haben Fehler gemacht. Es tut uns leid": Premierminister Trudeau hat sich im Namen Kanadas offiziell bei Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender für jahrzehntelange Diskriminierung entschuldigt.


Kanadas Premierminister Justin Trudeau hat sich offiziell bei den LGBTQ2 des Landes für die jahrzehntelange Diskriminierung durch den Staat entschuldigt. In einer Rede vor dem Parlament in Ottawa sagte er: "Im Namen der Regierung, des Parlaments und des kanadischen Volkes: Wir haben Fehler gemacht. Es tut uns leid. Wir werden niemals zulassen, dass so etwas noch einmal passiert."

Mit der Entschuldigung wandte sich Trudeau an Kanadier, die zwischen den Fünfziger- und Neunzigerjahren in Kanadas Bundesbehörden, der Armee, der Bundespolizei und den Geheimdiensten wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert und teilweise aus dem Staatsdienst entlassen worden waren. LGBTQ2 steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender; die "2" am Ende steht für "two-spirit" und meint in diesem Zusammenhang die LGBTQ-Gemeinde der kanadischen Ureinwohner.

Der Premierminister kündigte zudem die Zahlung von umgerechnet mehr als 67 Millionen Euro an, um eine Sammelklage Tausender Kanadier wegen ihrer Entlassung aus Gründen der sexuellen Orientierung beizulegen (hier finden Sie die gesamte, knapp 30 Minuten lange Rede Trudeaus bei YouTube).

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten Kanadas Behörden systematisch Schwule und Lesben aus dem Staatsdienst drängen wollen, weil sie diese für durch die Sowjetunion erpressbar hielten. In den Sechzigerjahren hatte Kanadas Polizei dabei Listen mit Namen Tausender mutmaßlicher Homosexueller angelegt. Sie brachte auch Maschinen zum Einsatz, mit denen die Reaktion der Pupillen von Verdächtigen auf homosexuelle Pornografie gemessen wurde, um die Verdächtigen so als schwul zu entlarven.

Homosexualität wurde in Kanada 1969 entkriminalisiert. Das Gesetz hatte der damalige Justizminister - und spätere Premierminister - Pierre Trudeau eingebracht, der Vater des derzeitigen Regierungschefs. Justin Trudeau hat sich bereits in der Vergangenheit für die Rechte der LGBTQ2 eingesetzt.

aar/AFP



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jojack 29.11.2017
1. Gesetzeswidrig?
Waren die Entlassungen damals denn gesetzeswidrig? Dann wäre das ein Fall für die Strafverfolgung. Falls nicht, ist eine Entschuldigung unangebracht, da letztlich nur demokratisch beschlossenes Recht angewandt wurde. Dass sich die moralischen Normen in den letzten Jahrzehnten teils drastisch gewandelt haben ändert nichts an der Tatsache, dass die repressive Politik gegenüber dem Homosexuellenmilieu seinerzeit unbestrittene Mehrheitsmeinung war. Das Gleiche gilt auch für die gegenüber heute anderen Rechte und Pflichten von Jugendlichen, Frauen, Schwarzen, Angestellten, Behinderten usw. Wollte man sich bei all denen entschuldigen, käme man aus dem Entschuldigen gar nicht mehr heraus. Dazu kommt, dass die damals geltenden Gesetze nicht von der sich jetzt entschuldigenden Regierung beschlossen wurde. Insofern ist die Aktion der Regierung Trudeaus nicht mehr als eine ziemlich unverblümte Anbiederung an eine Wählergruppe.
kumi-ori 29.11.2017
2. Es werden immer mehr
LGBT kannte ich und jetzt noch Q2? Ich lehne jegliche Diskrimminierung jeder dieser Untergruppen ab, aber warum werden hier ganz verschiedene Dinge in einen Topf geschmissen? Homosexualität ist eine sexuelle Orientierung, aber die Menschen sind dennoch in der Regel eindeutig männlich oder weiblich. Transsexualität ist eine Frage der sexuellen Identität und hat mit Homosexualität überhaupt nichts zu tun. Es handelt sich hier im Gegensatz zur Homosexualität anerkanntermaßen um ein medizinisches Problem, das man oft, so gut es eben geht, mit chirurgischen Eingriffen auf Wunsch der Beteiligten löst. Intersexualität ist wiederum eine ganz andere Situation. Und obwohl natürlich jede(r) Transexuelle formal auch homosexuell ist, je nachdem ob man sich auf das phäntypische Geburtsgeschlecht oder auf das Zielgeschlecht bezieht, aber die beiden Situationen haben doch überhaupt nichts miteinander zu tun. Bei Intersexualität liegt wiederum eine ganz andere Situation vor. Hier handelt es sich um ein Akzeptanzproblem eines medizinischen Phänomens, hinter dessen Komplexität die Frage nach der sexuellen Orientierung wohl eindeutig zurücksteht. Indem man alle diese Erscheinungen in einen Topf wirft, macht man diese ganz verschiedenen Gruppen eher lächerlich und tut ihnen gewiss keinen Dienst.
Lotty 29.11.2017
3. und wo bleiben Menschen mit Transsexualität?
So erfreulich es auch immer ist, dass sich hier für die Diskriminierung entschuldigt wird, nur warum wird dabei gleich wieder diskriminiert? Was ist mit den Menschen mit Transsexualiät? Es ist erschreckend dass diese Menschen, bei denen es um den Körper geht, mittlerweile fast überall ignoriert werden. Ihr Phänomen wird verschwiegen bzw. zu einem Genderproblem umgedeutet. Im Heft Körper und Gender des VTSM werden die verschiedenen Phänomene genauer erläutert. http://www.transsexuellev.de/fileadmin/Dokumente/Koerper_und_Gender.pdf Eine Bemerkung am Rande, Transgender ist keine sexuelle Orientierung.
max-mustermann 29.11.2017
4.
Zitat von jojackWaren die Entlassungen damals denn gesetzeswidrig? Dann wäre das ein Fall für die Strafverfolgung. Falls nicht, ist eine Entschuldigung unangebracht, da letztlich nur demokratisch beschlossenes Recht angewandt wurde. Dass sich die moralischen Normen in den letzten Jahrzehnten teils drastisch gewandelt haben ändert nichts an der Tatsache, dass die repressive Politik gegenüber dem Homosexuellenmilieu seinerzeit unbestrittene Mehrheitsmeinung war. Das Gleiche gilt auch für die gegenüber heute anderen Rechte und Pflichten von Jugendlichen, Frauen, Schwarzen, Angestellten, Behinderten usw. Wollte man sich bei all denen entschuldigen, käme man aus dem Entschuldigen gar nicht mehr heraus. Dazu kommt, dass die damals geltenden Gesetze nicht von der sich jetzt entschuldigenden Regierung beschlossen wurde. Insofern ist die Aktion der Regierung Trudeaus nicht mehr als eine ziemlich unverblümte Anbiederung an eine Wählergruppe.
Aha, also waren ihrer Meinung nach also die Diskriminierung und Verfolgung der Juden in den 1930er Jahren auch völlig ok schlieslich hatten wir ja die Nürnberger RassenGESETZE.
ichliebeeuchdochalle 29.11.2017
5.
Zitat von jojackWaren die Entlassungen damals denn gesetzeswidrig? Dann wäre das ein Fall für die Strafverfolgung. Falls nicht, ist eine Entschuldigung unangebracht, da letztlich nur demokratisch beschlossenes Recht angewandt wurde. Dass sich die moralischen Normen in den letzten Jahrzehnten teils drastisch gewandelt haben ändert nichts an der Tatsache, dass die repressive Politik gegenüber dem Homosexuellenmilieu seinerzeit unbestrittene Mehrheitsmeinung war. Das Gleiche gilt auch für die gegenüber heute anderen Rechte und Pflichten von Jugendlichen, Frauen, Schwarzen, Angestellten, Behinderten usw. Wollte man sich bei all denen entschuldigen, käme man aus dem Entschuldigen gar nicht mehr heraus. Dazu kommt, dass die damals geltenden Gesetze nicht von der sich jetzt entschuldigenden Regierung beschlossen wurde. Insofern ist die Aktion der Regierung Trudeaus nicht mehr als eine ziemlich unverblümte Anbiederung an eine Wählergruppe.
1) Bei der "Entschuldigung" geht es um etwas anderes. Die Vertreter der jetzigen Regierung und die Vertreter der jetzigen Parteien im Parlamant sagen, daß die Verfolgung in früherer Zeit falsch gewesen sei und in Zukunft nicht mehr passieren wird. Es geht nicht um die Frage "gesetzwidrig". Wobei es auch die Situation geben kann, daß ein Gesetzgeber ein gesetzwidriges Gesetz erläßt. Aber darum geht es hier nicht. Und nur am Rande geht es darum, daß heute andere Erkenntnisse aus Biologie und Medizin vorliegen. 2) Nach Trudeau haben auch Vertreter von Parteien im Parlament um Entschuldigung bei Opfern gebeten und für die Zukunft versprochen, daß Betroffene gegen jede Diskriminierung geschützt werden. Falls Sie tatsächlich Interesse an den Fakten haben: die historischen Reden aller kanadischen Redner können bei Youtube abgerufen werden. Sie sind beeindruckend. https://www.youtube.com/watch?v=wM0yZP-g3a4
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