Kanadas Wahlsieger Trudeau Er glänzt nicht mehr

Kanada hat gewählt: Justin Trudeaus Liberale holen die meisten Sitze im Parlament. Doch das Ergebnis zeugt auch von Frust über den Premier. Der ist nun auf die Unterstützung kleinerer Parteien angewiesen.

Justin Trudeau: Wahl gewonnen - aber viele Sitze im Parlament eingebüßt
Stephane Mahe/Reuters

Justin Trudeau: Wahl gewonnen - aber viele Sitze im Parlament eingebüßt

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Statt persönlicher Attacken wie in der Vergangenheit gab es von Donald Trump Glückwünsche: Er gratuliere Justin Trudeau zu einem "wunderbaren und hart umkämpften Sieg", schrieb der US-Präsident auf Twitter. Kanada sei mit dem Ergebnis der Parlamentswahlen gut bedient.

Inzwischen steht fest: Trudeau wird sein Regierungsprojekt so gut wie sicher in einer zweiten Amtszeit fortsetzen können. Seine Liberalen wurden bei den Parlamentswahlen in Kanada stärkste Kraft.

Die Wähler hätten seiner Partei "einen eindeutigen Regierungsauftrag" erteilt, bilanzierte Trudeau, als er in der Wahlnacht vor seine Anhänger in Montréal trat. "Sie haben für eine progressive Agenda gestimmt."

Dabei blendete der Premier aber aus, dass er mit seiner Liberalen-Partei deutlich weniger Sitze bekam als bei der Wahl 2015 und seine absolute Mehrheit verlor. Am Wahltag bestätigte sich, was sich im Wahlkampf abgezeichnet hatte: Trudeau hat in den Augen vieler Kanadier an Glanz verloren.

Kanadas Premier Justin Trudeau mit Ehefrau Sophie Gregoire Trudeau: "für eine progressive Agenda"
Ryan Remiorz/The Canadian Press via AP

Kanadas Premier Justin Trudeau mit Ehefrau Sophie Gregoire Trudeau: "für eine progressive Agenda"

"Trudeau hat als Galionsfigur einer modernen Politik ein bisschen versagt", sagt Christian Lammert, Politikwissenschaftler an der Freien Universität (FU) Berlin mit Schwerpunkt Nordamerika, dem SPIEGEL. "Er konnte insbesondere unter jüngeren Wählern nicht mehr mobilisieren."

So schnitten die Parteien ab

Trudeaus Liberale holen dem vorläufigen Endergebnis zufolge 157 von 338 Parlamentssitzen. Ihr Vorsprung auf die Konservativen ist größer, als aktuelle Umfragen vor der Wahl erwarten ließen. Manche Beobachter führten dies zum Teil auf die Wahlempfehlung zurück, die Ex-US-Präsident Barack Obama wenige Tage vor der Wahl zugunsten von Trudeau abgegeben hatte. Allerdings bleibt die Partei des Premiers mit dem Ergebnis nicht nur deutlich unterhalb der für eine absolute Mehrheit erforderlichen 170 Sitze, sondern weit hinter ihrem Ergebnis aus dem Jahr 2015 (184 Sitze) zurück.

Die Konservativen holten insgesamt die meisten Stimmen, wegen des Direktwahlsystems aber deutlich weniger Sitze als die Liberalen: 121 laut Prognosen. Ihr Kandidat Andrew Scheer verkündete in der Wahlnacht vollmundig: "Wir sind die Regierung in Lauerstellung." Trudeau sei angeschlagen, mit seiner Regierung werde es bald vorbei sein.

Andrew Scheer: "Regierung in Lauerstellung"
Todd Korol / Reuters

Andrew Scheer: "Regierung in Lauerstellung"

Doch die Niederlage der Konservativen wird in Kanada auch auf die Schwäche Scheers als Herausforderer zurückgeführt. Die Partei hätte von der Schwäche der Liberalen profitieren können, habe dies aber auch wegen ihres "wenig charismatischen Kandidaten" nicht geschafft, sagt Politikwissenschaftler Lammert.

Ein großer Wahlsieger sind die Separatisten vom Bloc Québécois. Die Partei, die nur in der französischsprachigen Provinz Kandidaten stellt, fuhr ihre traditionellen Forderungen nach Unabhängigkeit im Wahlkampf zurück. Sie holt voraussichtlich 32 Sitze im Parlament - mehr als dreimal so viele wie 2015.

Die sozialdemokratische NDP unter Jagmeet Singh, dem ersten nicht weißen Chef einer wichtigen Partei in der Geschichte Kanadas, bleibt mit 24 Sitzen (verglichen mit 44 vor vier Jahren) deutlich hinter den Erwartungen zurück. Da die Liberalen die absolute Mehrheit verfehlt haben, könnte die Partei künftig dennoch erheblichen Einfluss auf die Regierungsarbeit ausüben.

NDP-Chef Singh und seine Frau: "konstruktive und positive" Rolle
Darryl Dyck/The Canadian Press via AP

NDP-Chef Singh und seine Frau: "konstruktive und positive" Rolle

Die Grünen verzeichnen Zugewinne und holen mit voraussichtlich drei Sitzen ihr bisher bestes Ergebnis. Allerdings konnten sie von der Frustration mit Trudeaus Klimapolitik unter linken und jungen Wählern nicht im erhofften Maß profitieren.

Wie geht es weiter?

Da Koalitionsregierungen in Kanada unüblich sind, dürfte es zur Bildung einer Minderheitsregierung unter Trudeau kommen. Das ist in dem Land nicht ungewöhnlich. Zum Regieren müssen sich die Liberalen um Trudeau aktiv um Mehrheiten bemühen, etwa bei den Sozialdemokraten oder dem Bloc Québécois.

Yves-François Blanchet, Chef des Bloc Québécois: der große Wahlgewinner
Andrej Ivanov/Reuters

Yves-François Blanchet, Chef des Bloc Québécois: der große Wahlgewinner

NDP-Chef Singh hat nach eigenen Angaben schon mit Trudeau gesprochen. Er kündigte an, eine "konstruktive und positive" Rolle zu spielen. Yves-François Blanchet, Chef des Bloc Québécois, sagte: "Wenn das, was vorgeschlagen wird, gut für Quebec ist, dann wird der Bloc Québécois es unterstützen." Die Regionalpartei könne unter diesen Voraussetzungen mit jeder Regierung kooperieren.

Nach Einschätzung von Jean Michel Turcotte, Kanada-Experte an der FU Berlin, dürfte die Regierungsarbeit für Trudeau dennoch schwierig werden. Für die kommenden zwölf bis achtzehn Monate erwarte er eine Zusammenarbeit mit den kleineren Parteien, aber keine größeren Reformprojekte, sagt Turcotte dem SPIEGEL. In der Zeit danach könnte es zu einem Scheitern der Regierung kommen. In der Vergangenheit hätten kanadische Minderheitsregierungen in der Regel 18 bis 22 Monate lang gehalten.

Trudeau hat angekündigt, seine Politik fortzusetzen. Dazu gehörten der Kampf gegen Waffengewalt und vor allem der gegen den Klimawandel, "die größte Herausforderung unserer Zeit". Letzteren will der Premier künftig stärker vorantreiben. Einerseits.

Anderseits gelobte Trudeau am Wahlabend auch, "für alle Kanadier" zu regieren. Gewiss eine Floskel, aber - das haben die vergangenen Monate gezeigt - keine Selbstverständlichkeit. Der Wahlkampf, geprägt von persönlichen Attacken, hat Gräben in der kanadischen Gesellschaft offenbart, nicht zuletzt regionale.

In Alberta und Saskatchewan, den ölproduzierenden Provinzen im Westen des Landes, holten Trudeaus Liberale kein einziges Mandat. Dort wird der Widerstand des Regierungschefs gegen die Klimapläne unverändert bleiben, sagt Kanada-Experte Turcotte.

"Ich habe euren Frust gehört, und ich will euch unterstützen", rief Trudeau den Bewohnern dieser Provinzen von Montréal aus zu. Nun gilt es für den Premier, eine Balance zu finden zwischen ihren Belangen und seiner Agenda.

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