Kantiger Rechtspopulist Das Phänomen Jörg H.

Er provozierte, beleidigte, schockierte: Der braungebrannte, smarte Jörg Haider prägte über Jahre das Bild Österreichs mit. Seine politischen Äußerungen - vom Lob der NS-Beschäftigungspolitik bis zur Forderung elektronischer Fußfesseln für Asylbewerber - sorgten regelmäßig für Empörung.

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Hamburg - Die rechte, nationalistische Gesinnung Jörg Haiders war kein Zufall. Der Vater des am 26. Januar 1950 in Bad Goisern/Oberösterreich geborenen Politikers war ein strammer Nazi: Der Schuhmacher war 1929 der Hitler-Jugend (HJ) und ein Jahr später der SA beigetreten. 1938 wurde Haiders Vater Robert Gaujugendverwalter der Deutschen Arbeitsfront in Linz. Später kämpfte er als Leutnant an der russischen und französischen Front. Seine Mutter Dorothea stieg in der NS-Hierarchie zur Bannjugendführerin auf.

Als Populist und knallharter Taktiker hat Jörg Haider die politische Rechte in Österreich salonfähig gemacht. Wie kaum ein anderer hat der stets braun gebrannte, smarte Politiker jahrzehntelang das Bild des Alpenlandes im Ausland geprägt. Jahrzehntelang war Haider der "starke Mann" der rechten Partei FPÖ.

Seine größten politischen Erfolge erlebte er 1999: Erst gewann Haider als FPÖ-Spitzenkandidat mit über 42 Prozent die Wahl zum Kärntner Landtag. Danach holte die FPÖ bei der Wahl zum Österreichischen Parlament fast 27 Prozent der Stimmen. Haiders Partei war damit hinter der SPÖ die zweitstärkste Partei.

Nach der Parlamentswahl wurde die FPÖ von der konservativen Volkspartei (ÖVP) unter Wolfgang Schüssel in eine Koalitionsregierung geholt. Dies löste erstmals in der Geschichte der Europäischen Union Sanktionen der EU-Partnerländer gegen einen Mitgliedsstaat aus.

Es waren vor allem die markigen Sprüche Haiders, die für Unmut sorgten. So hatte er 1991 die "ordentliche Beschäftigungspolitik" des Dritten Reiches gelobt, was ihn schon damals beinahe seine politische Karriere gekostet hätte. 1992 forderte er einen Einwanderungsstopp und eine Ausweispflicht für Ausländer am Arbeitsplatz. 1995 verniedlichte er die Konzentrationslager der Nazis in einer Parlamentsrede als "Straflager".

Haider entschuldigte sich im November 1999 bei Juden für seine "missverständlichen Äußerungen" und verzichtete auf einen Posten in der ÖVP-FPÖ-Regierung unter Schüssel. Er agierte jedoch weiter als Strippenzieher im Hintergrund.

Eine bizarre Episode in Haiders Leben stellte der Besuch beim irakische Diktator Saddam Hussein im Jahr 2002 dar. Politische Kommentatoren werteten die Reise als verheerend für den internationalen Ruf Österreichs, Haider bezeichnete das Treffen als "rein humanitär".

Seit dem Jahr 2002 dominierten parteiinterne Konflikte und Machtkämpfe das Bild der FPÖ. Nach heftigem Streit mit seinem politischen Ziehsohn Heinz-Christian Strache machte Haider, der für den eher liberalen Flügel in der FPÖ stand, sich 2005 mit seinem Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ) selbständig. Bei der Nationalratswahl 2006 holte die neue Partei vier Prozent und schaffte es ins Parlament. 2008 errang sie sogar zehn Prozent der Stimmen.

Als Kärntner Landeshauptmann (Ministerpräsident) hatte sich Haider in den vergangenen Jahren aus der österreichischen Bundespolitik mehr und mehr zurückgezogen. Schlagzeilen machte er nur durch sein Bauverbot für Moscheen mit Minaretten oder die eigenmächtige Ausweisung von Asylbewerbern in die benachbarten Bundesländer.

Von politischen Beobachtern wurde Haider als gewiefter Taktiker und erfahrener Populist beschrieben, er galt aber auch in seinem Handeln als völlig uneinschätzbar. Immer wieder brach er mit seinen Äußerungen Tabus und sicherte sich so auch die extrem rechte Wählergunst.

Am 11. Oktober 2008 kam Haider bei einem Autounfall in Klagenfurt ums Leben. Er hinterlässt eine Frau und zwei Töchter, die mittlerweile erwachsen sind.

mit Material von dpa



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