Kanzlerin bei der Bundeswehr Merkel besucht Soldaten in Afghanistan

Die Reise war länger geplant, jetzt kommt sie durch Zufall zu einem besonders sensiblen Zeitpunkt: Angela Merkel besucht die Bundeswehr in Afghanistan, spricht in Masar-i-Scharif mit deutschen Soldaten. Nach dem Amoklauf eines US-Soldaten ist das Land in Aufruhr, viele fürchten neue Gewalt.


Masar-i-Scharif - Einen Tag nach dem blutigen Amoklauf eines US-Soldaten im Süden Afghanistans ist Kanzlerin Angela Merkel zu einem Besuch am Hindukusch eingetroffen. Im deutschen Feldlager im nordafghanischen Masar-i-Scharif informierte sich die Kanzlerin bei den dortigen Bundeswehrsoldaten über deren Einsatz. Zum Auftakt gedachte sie am Ehrenhain der in Afghanistan getöteten Soldaten. Merkels Besuch war seit längerem geplant und steht unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen. Laut eines Sprechers des Presse- und Informationsamtes bleibt die Kanzlerin nur einen Tag in Afghanistan.

Während ihres Besuches kondolierte die Kanzlerin auch der afghanischen Regierung wegen der Ermordung afghanischer Zivilisten durch einen US-Soldaten am Sonntag. Vom Bundeswehr-Feldlager in Masar-i-Scharif aus telefonierte Merkel mit Präsident Hamid Karzai. Dabei drückte sie dem Präsidenten ihr persönliches Beileid und das der deutschen Bevölkerung anlässlich der "schrecklichen Tat des US-Soldaten" aus.

Ursprünglich wollte Merkel zum Feldlager in der Unruheprovinz Kunduz fliegen. Wegen heftigen Schneefalls war dies aber nicht möglich, wie ein Sprecher vor Ort mitteilte. Es ist der vierte Besuch der Kanzlerin in Afghanistan. Zuletzt war Merkel im Dezember 2010 in dem Land. Damals hatte sie erstmals im Zusammenhang mit dem Bundeswehr-Einsatz von einem Krieg gesprochen. Auch der deutsche Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) ist derzeit in Afghanistan. Er traf am Sonntag in Kabul ein. Das Programm Niebels musste wegen Schneefalls in der Region Kabul stark eingeschränkt werden.

Die Bundeswehr hat während ihrer nun über zehnjährigen Mission in Afghanistan 52 Soldaten verloren. Sie starben bei Anschlägen, Unfällen oder im Gefecht. 2002 startete die deutsche Truppe mit 1200 Soldaten, derzeit sind es rund 4800. Bis Anfang 2013 soll das deutsche Kontingent auf 4400 Soldaten reduziert werden. Bis 2014 will sich die Internationale Schutztruppe Isaf mit ihren Kämpfern ganz aus Afghanistan zurückziehen. Dann sollen die Afghanen selbst die Verantwortung für die Sicherheit in dem Land übernehmen.

Am Sonntagmorgen hatte ein US-Soldat das Land schockiert: Am frühen Morgen lief er in der südafghanischen Provinz Kandahar Amok. Augenzeugen schildern, wie der Amerikaner kaltblütig durch drei Häuser marschierte - und immer wieder abdrückte. Er tötete 16 Menschen, darunter neun Kinder und drei Frauen. Nun drohen neue Ausschreitungen.

US-Präsident Barack Obama zeigte sich im Telefongespräch mit seinem afghanischen Kollegen Hamid Karzai zutiefst bestürzt und versprach eine rasche Untersuchung des Amoklaufs.

Große Probleme in Heimatkaserne des Amokläufers

Was den Amoklauf des US-Soldaten beendete, ist bisher nicht bekannt. Aus Militärkreisen war zu erfahren, dass der Soldat angeblich psychische Probleme hatte, möglicherweise im Affekt handelte und sich nach der Tat auf seinem Stützpunkt seinen Vorgesetzten stellte. Nach Angaben von ABC News unter Berufung auf einen Armeesprecher handelt es um einen 38 Jahre alten Feldwebel, verheiratet und Vater zweier Kinder. Er war demnach bereits dreimal im Irak im Einsatz, seit Dezember war er angeblich in Afghanistan stationiert.

Der Vorfall, der in Afghanistan den ganzen Sonntag die lokalen Nachrichten beherrschte, dürfte die Stimmung im Land gegen die internationalen Soldaten weiter anheizen. Zum zweiten Mal - nach der versehentlichen Verbrennung von heiligen Schriften in einem US-Militärlager vor rund zwei Wochen - entschuldigten sich die Isaf und auch die US-Armee deswegen umgehend bei allen Afghanen.

Der Heimatstandort des beschuldigten US-Soldaten ist vom US-Soldatenmagazin "Stars and Stripes" als die US-Kaserne mit den meisten Problemen bezeichnet worden. Rund 100.000 Soldaten und Zivilangestellte nennen die Joint Base Lewis-McChord im US-Staat Washington ihr Zuhause. Damit ist es einer der größten Militärstützpunkte der USA. Vier von dort aus nach Afghanistan entsandte Soldaten wurden wegen Mordes verurteilt, weil sie 2010 drei Afghanen erschossen und ihnen Finger abgeschnitten sowie Zähne als Trophäen ausgeschlagen hatten. Ein ehemaliger Soldat aus Lewis-McChord schoss 2010 einen Polizisten im US-Staat Utah an und am 1. Januar tötete ein 24 Jahre alter Veteran des Irak-Kriegs einen Parkwächter im Mount Rainier Nationalpark, bevor er selbst auf der Flucht in der Kälte umkam.

Außerdem nahmen sich eine Reihe von aus dem Krieg nach Lewis-McChord zurückgekehrten Soldaten das Leben. Im vergangenen Jahr begingen dort trotz ausgeweiteten Beratungsangebots zwölf Soldaten Selbstmord. Im Jahr zuvor waren es neun. In über 300 Fällen wurde Informationen der Zeitung "Seattle Times" zufolge in den vergangenen fünf Jahren im Standortkrankenhaus die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung zurückgenommen. Das US-Heer untersucht, ob die Ärzte sich davon haben leiten lassen, wie teuer eine derartige Diagnose für die Streitkräfte ist, da damit Pensions- und sonstige Ansprüche einhergehen.

Die Taliban haben nach dem Amoklauf mit Vergeltung gedroht. Sie würden sich für "jeden einzelnen Märtyrer bei den Eindringlingen und grausamen Mördern rächen", hieß es im Internet.

anr/dpa/dapd/Reuters/AFP

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Seite 1
pepito_sbazzeguti 12.03.2012
1. Geschickt
Zitat von sysopDie Reise war länger geplant, jetzt kommt sie durch Zufall zu einem besonders sensiblen Zeitpunkt: Angela Merkel besucht die Bundeswehr in Afghanistan, will in Mazar-i-Sharif mit deutschen Soldaten sprechen. Nach dem Amoklauf eines US-Soldaten ist das Land in Aufruhr, viele fürchten neue Gewalt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,820686,00.html
Geschickt gewählter Zeitpunkt, alle Achtung.
peat53 12.03.2012
2. Mal wieder typische Alenkungstrategie
Zitat von sysopDie Reise war länger geplant, jetzt kommt sie durch Zufall zu einem besonders sensiblen Zeitpunkt: Angela Merkel besucht die Bundeswehr in Afghanistan, will in Mazar-i-Sharif mit deutschen Soldaten sprechen. Nach dem Amoklauf eines US-Soldaten ist das Land in Aufruhr, viele fürchten neue Gewalt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,820686,00.html
[QUOTE=sysop;9806076] _________________________________________________________ von Mutti, Was tun denn da unten deutsche Sodaten ausser in Sandburgen hocken und in die Wüste rausstarren ? Die getrauen sich doch nicht mal mehr im Konvoi zu fahren. Denen wird jetzt nach dem Amoklauf ein harter Wind ins Gesicht blasen, weil sie sind mtlw. genauso verhasst wie GI´s. Merkel hofft wohl noch ans Lithium zu kommen und die pipeline zu bauen.Nichts als hohle Träume. Dies wird alles nicht klappen, weil die Afghanen sind ein stolzes Volk und selbst wie jetzt gerade halten auch verfeindete Clans gg. die Besatzer zusammen. Warum die Amis noch dort sind ist mir ein Rätsel, der Kriegsgrund OBL ist ja getötet, also könnnten sie sich doch vertschüssen. Gut die Hälfte der GI´s sind traumatisiert und auf Drogen. In den USA zurückgekehrt erwartet sie nur eine schlechte bis kaum vorhandene Hilfe dswg, auch die vielen Suizidopfer, die es auch zur Genüge in Afghanistan selbst gibt. Auch hier ibt es viele Selbstmorde von Afghanistan-Veteranen, aber davon wird ja nichts berichtet. Die Amis incl. ISAF wollen wohl nicht einsehen das sie diesen Krieg nicht gewinnen können und nach 10 Jahren verloren haben, Oder sind die alle noch da um das Opium abzuschöpfen ? Wird wohl so sein, weil einen Aufbau von Kabul geschweige neue Strassen, Schulen oder gar Brunnen hab ich seit 10 Jahren nicht gesehen.
hubertrudnick1 12.03.2012
3. Beendet den Krieg!
Zitat von sysopDie Reise war länger geplant, jetzt kommt sie durch Zufall zu einem besonders sensiblen Zeitpunkt: Angela Merkel besucht die Bundeswehr in Afghanistan, will in Mazar-i-Sharif mit deutschen Soldaten sprechen. Nach dem Amoklauf eines US-Soldaten ist das Land in Aufruhr, viele fürchten neue Gewalt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,820686,00.html
Liebe Frau Merkel sind sie nun nach Afghanistan gereist um die deutschen Soldaten nach Hause zu holen? Wenn nicht, dann ist dieser Besuch völlig überflüssig. HR
pförtner 12.03.2012
4. Besuch von Mutti
Als hätte man nicht schon genug um die Ohren, muss nun auch noch Mutti beschützt werden. Für den Gefreiten an der Front bringt das nichts als Ärger.
Roueca 12.03.2012
5. Nicht genug...
Zitat von sysopDie Reise war länger geplant, jetzt kommt sie durch Zufall zu einem besonders sensiblen Zeitpunkt: Angela Merkel besucht die Bundeswehr in Afghanistan, will in Mazar-i-Sharif mit deutschen Soldaten sprechen. Nach dem Amoklauf eines US-Soldaten ist das Land in Aufruhr, viele fürchten neue Gewalt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,820686,00.html
...das wir die Soldaten usw. bezahlen müssen für diesen Irrsinn, nein, Madame muß auch noch dort hin fliegen. Alle 5 Min. reist ein anderer Reisewütiger Politheini dort hin, kostet ihn ja nichts und so kann man dieses Land auch mal besichtigen. Unsere Soldaten, sofort heim!
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