Kapitulation in Sri Lanka Tamilen-Rebellen geben Kampf gegen Regierung auf

Fast vier Jahrzehnte kämpften die Tamilen-Rebellen für einen eigenen Staat, nun haben sie vor der Übermacht der Armee kapituliert. "Diese Schlacht ist an ihrem bitteren Ende", verkündete ein Sprecher im Internet. Einer der blutigsten Konflikte der Erde scheint vorbei.


Colombo - Erlösende Nachricht für Zehntausende Zivilisten: Die Kämpfe in Sri Lanka sind vorbei, die Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) haben am Sonntag angesichts der Übermacht der Regierungstruppen ihre Waffen gestreckt. Die Rebellen kämpften seit Jahrzehnten für einen unabhängigen Tamilenstaat. Nach einer monatelangen Großoffensive des Militärs gaben sie nun auf.

"Diese Schlacht ist an ihrem bitteren Ende", erklärten die Rebellen im Internet. "Es sind unsere Menschen, die durch Bomben, Artilleriebeschuss, Krankheiten und Hunger ums Leben kommen." Damit gebe es nur noch eine Wahl, nämlich der Regierung den letzten Grund zu nehmen, das Morden fortzusetzen. "Wir haben beschlossen, unsere Waffen schweigen zu lassen", erklärte Sprecher Selvarasa Pathmanathan.

Die überwiegend hinduistischen Tamilen leben im Norden und Nordosten der Insel. Sie fühlen sich von den meist buddhistischen Sri-Lankern diskriminiert, die vor 2500 Jahren aus Indien auf die Insel kamen und heute die Bevölkerungsmehrheit bilden. Die LTTE-Rebellen nahmen 1972 ihren Kampf für einen unabhängigen Tamilenstaat im Nordosten Sri Lankas auf.

Die Regierung reagierte zunächst nicht auf den einseitig erklärten Waffenstillstand. In den vergangenen Wochen hat die Führung in Colombo jedoch mehrfach erklärt, die Rebellen nun militärisch endgültig besiegen zu wollen. Ob sich die Regierung also mit dem Waffenstillstand zufrieden gibt, ist unklar.

"Ein Land, von den barbarischen Taten der LTTE befreit"

Präsident Mahinda Rajapakse hatte bereits am Samstag bei einem Besuch in Jordanien den militärischen Sieg über die LTTE verkündet und erklärt, er werde "in ein Land zurückkehren, das von den barbarischen Taten der LTTE total befreit ist". Wenige Stunden zuvor hatte die Armee den letzten Küstenstreifen eingenommen, den die LTTE kontrolliert hatte. Für Dienstag beraumte Rajapakse eine Ansprache im Parlament an, in der er offenbar vor laufenden Kameras den endgültigen Sieg erklären will.

Zuletzt hatten Regierungstruppen nach eigenen Angaben die letzten Zivilisten aus dem Rebellengebiet in Sicherheit gebracht. Wie ein Armeesprecher mitteilte, wurden innerhalb von 24 Stunden insgesamt mehr als 36.000 Menschen aus der Gewalt der LTTE "befreit". Die verbliebenen Rebellen und die LTTE-Führung seien von den Streitkräften eingekesselt. Eine unabhängige Bestätigung für die Berichte gibt es nicht, da die Regierung Journalisten und Beobachtern den Zugang in das Kampfgebiet an der Nordostküste der Insel verweigert.

Allein zwischen dem 20. Januar und dem 7. Mai wurden nach Ermittlungen der Vereinten Nationen bei den schweren Kämpfen im Nordosten Sri Lankas 7000 Zivilpersonen getötet. Mindestens 16.700 Menschen wurden demnach teils schwer verletzt. Nach Angaben von Ärzten wurden in der vergangenen Woche bei Artillerieangriffen nochmals mehr als 1000 Menschen getötet.

Weder LTTE noch Regierungstruppen machen offizielle Angaben über ihre Verluste. Doch allein in der Zivilbevölkerung kamen in Sri Lanka in diesem Jahr mehr Menschen ums Leben als in Kriegsgebieten wie dem Irak, Afghanistan, Pakistan und dem Gaza-Streifen zusammen.

Hilfsorganisationen warnen vor menschlicher Katastrophe

Das Rote Kreuz hat angesichts der Eskalation vor einer "unvorstellbaren menschlichen Katastrophe" gewarnt. Die den Rebellen nahestehende Website TamilNet berichtete am Sonntag unter Berufung auf einen Mediziner im Kampfgebiet, dass auf den Schlachtfeldern Hunderte Verwundete und Tote lägen. Die jüngste Eskalation der Kämpfe hat rund 250.000 Menschen zu Flüchtlingen gemacht.

Unklar ist weiterhin das Schicksal von Rebellenchef Velupillai Prabhakaran. Aus Kreisen des sri-lankischen Militärs wurde bekannt, dass möglicherweise die Leiche Prabhakarans gefunden wurde. Die Armee untersuche die Leiche derzeit noch, um die Identität zu klären, hieß es. Eine Bestätigung für die Angaben gibt es nicht.

Prabhakaran gründete im Alter von 18 Jahren die Neuen Tamilischen Tiger (TNT), die 1976 in Befreiungstiger von Tamil Eelam umbenannt wurden. Die Organisation schmückt sich mit dem Emblem eines brüllenden Tigers im Gegensatz zum Löwen, der die Staatsflagge von Sri Lanka ziert.

Die LTTE galt wegen ihrer eisernen Disziplin lange als eine der schlagkräftigsten Guerillagruppen. Die Kämpfer töteten zahlreiche namhafte Politiker, unter anderem den ehemaligen indischen Premierminister Rajiv Gandhi im Mai 1991 und den sri-lankischen Präsidenten Ranasinghe Premadasa im Mai 1993.

Ein im Februar 2002 von Norwegen ausgehandelter Waffenstillstand wurde seit Ende 2005 faktisch nicht mehr eingehalten und Anfang 2008 von der Regierung aufgekündigt. Die Gewalt nahm daraufhin deutlich zu. Seit 1972 kamen Zehntausende Menschen durch den Konflikt ums Leben.

ffr/AFP/AP/dpa/Reuters

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