Karadzic und Srebrenica Zum Massaker servierte er Birnenschnaps

Psychiater, Hobbydichter, mutmaßlicher Kriegsverbrecher: Radovan Karadzic hat viele Gesichter. Olaf Ihlau traf den bosnischen Serbenführer 1993 in dessen Bergfestung Pale - und erlebte einen selbstgerechten Choleriker, der keine Zweifel an seiner brutalen Mission duldete.


Hamburg/Pale - "Dies ist ein Bürgerkrieg, in dem jeder jeden hasst." So beschrieb in den eiskalten Wintertagen zu Beginn des Jahres 1993 ein Psychiater die Lage in Bosnien, wo Serben, Muslime und Kroaten einander zu Tausenden massakrierten.

Das war damals eine durchaus zutreffende Analyse. Allerdings mit dem "Schönheitsfehler", dass eben dieser Arzt und Psychiater, Bosniens Serbenführer Radovan Karadzic, als einer der Hauptverantwortlichen für die Gräueltaten galt, die nach der Unabhängigkeit der einstigen jugoslawischen Teilrepublik vor allem die Serben an den beiden anderen Nationalitäten im Zuge der "ethnischen Säuberungen" verübten. "Homogenisierung der Bevölkerung" nannte der erste Präsident der selbsternannten Serben-Republik auf bosnischem Territorium die brutalen Vertreibungsaktionen beschönigend.

Ortstermin in Pale, der serbischen Bergfeste oberhalb des umkämpften Kessels von Sarajevo. Bei Birnenschnaps und Maschinengewehr-Geknatter empfängt Karadzic zum nächtlichen Gespräch, offenbart seine Teilungspläne für das zerrissene Land und gibt dabei zugleich tiefe Einblicke in seine Seelenlage. Der hochgewachsene, leicht füllige Mann mit dem Wuschelhaar über einem fleischigen Gesicht vibriert vor Spannung. Wird seiner Seite die Hauptschuld am Blutvergießen unterstellt, springt er mehrmals während des Gesprächs auf, erregt und mit cholerischen Ausbrüchen: "Wir Serben nehmen nur den Siedlungsraum, der uns zusteht", lautet seine Replik. Das ist sein Standardsatz.

"Begleichung alter Rechnungen"

Anders als die übrigen Bürgerkriegsakteure ist der Arzt Karadzic (Spezialgebiet: Neurosen und Depressionen) kein Relikt des kommunistischen Jugoslawiens. Der gebürtige Montenegriner kam als Teenager nach Sarajevo und betrat die politische Bühne erst beim Auseinanderbrechen des vormaligen Tito-Staates. Zuvor hatte er in den Siebzigern ein Jahr an der Columbia University in New York studiert, war als psychologischer Betreuer beim Erstligisten FC Sarajevo aufgekreuzt, hatte Gedichtbände veröffentlicht, in jugoslawischen Kliniken gearbeitet und sich dann in Sarajevo selbständig gemacht, seinerzeit Jugoslawiens kosmopolitischste Stadt.

Dort gründete Karadzic die Serbische Demokratische Partei (SDS). Die rangierte Ende 1990 bei den ersten freien Wahlen im unabhängigen Bosnien indes weit hinter der stärkeren Moslem-Partei von Alija Izetbegovic, weil die Serben nur etwa 30 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten.

Eine Bevormundung aber durch die Muslime - aus Sicht des orthodoxen Christen Karadzic serbische Glaubensabtrünnige zu Zeiten der osmanischen Okkupation - schien den Serben unerträglich. So kam es zum Bürgerkrieg. Der brachte, so Karadzic, zudem "die Begleichung alter Rechnungen aus dem Zweiten Weltkrieg. Damals war Deutschland der Okkupator, aber Serben, Kroaten und Moslems schlachteten einander ab. Heute erleben wir die Rache für diese Verbrechen".

Blauhelme als Geiseln

Eine Rache, die Karadzic im Zusammenspiel mit General Ratko Mladic mit unerbittlicher Konsequenz dirigierte. Beim Kriegsverbrechertribunal in Den Haag werden die Ankläger unter anderem einen von Karadzic im März 1995 unterzeichneten Befehl an die bosnisch-serbischen Streitkräfte präsentieren, den Muslimen in Srebrenica müsse das Leben "unerträglich" gemacht werden. Vier Monate danach kam es zum Massaker, wurden bei Srebrenica rund 8000 muslimische Zivilisten von serbischen Soldaten und Milizionären ermordet.

Dass Karadzic zumindest anfangs auf den Beistand des Serben-Machthabers in Belgrad, Slobodan Milosevic, bauen konnte, steht außer Zweifel. Später jedoch kam es zu Verstimmungen, als der Provinzchef zu selbständig agierte, in seinem Abenteurertum sogar Blauhelme als Geiseln nahm, Friedensverhandlungen sabotierte. Einen "besoffenen Pokerspieler" nannte Milosevic seinen vormaligen Kompagnon seinerzeit verächtlich.

Der Friedensvertrag von Dayton, der Bosnien eine neue Staatsordnung bescherte, bedeutete zugleich den politischen Abgang des Psychiaters und nach den Kriegsverbrecheranklagen die Flucht in den Untergrund. Von dort gab es gelegentliche Wortmeldungen, die offenbarten, dass sich wenig geändert hatte in seinem zynischen Glaubensbrevier, das Karadzic schon damals beim Birnenschnaps in Pale preisgegeben hatte: "Die Wahl in diesem Krieg war oft nur, entweder eine ethnische Geisel oder ein ethnischer Flüchtling zu sein. Letzteres war in jedem Fall besser."

Kriegsverbrechen im einstigen Jugoslawien
Völkermord
DPA
Völkermord ist der Rechtsbegriff für das schlimmste denkbare Verbrechen - Handlungen mit dem Ziel, ein Volk, eine Ethnie oder auch eine Glaubensgemeinschaft zu vernichten. Das Massaker von Srebrenica, bei dem im Juli 1995 rund 8000 muslimische Jungen und Männer ermordet wurden, wird von internationalen Strafrechtlern als ein solches Verbrechen eingestuft. Der ehemalige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic gilt zusammen mit seinem noch flüchtigen einstigen Militärchef Ratko Mladic als Hauptverantwortlicher für das Massaker.
Die Definition
Der Begriff Völkermord ist auch unter der Bezeichnung Genozid geläufig. Genozid ist aus dem griechischen genos (Herkunft) und dem lateinischen caedere (töten) zusammengesetzt. Der jüdische Anwalt Raphael Lemkin, der aus Polen in die USA geflüchtet war, prägte das Wort 1944, um eine Grundlage für die Bestrafung der Verbrechen zu legen, die von den Nationalsozialisten begangen wurden.

Völkermord umfasst nach Artikel zwei der Uno-Konvention 260 von 1948 Handlungen gegen Mitglieder einer nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Gruppe, die in der Absicht begangen werden, die Gruppe ganz oder zum Teil auszulöschen. Mit der Konvention 260 wurde der Völkermord international geächtet.
Die Straftatbestände
Zu den Straftatbeständen, die von der Völkermordskonvention erfasst werden, gehört das Töten, das Zufügen von ernsthaften körperlichen oder geistigen Schäden, die Auferlegung von Lebensbedingungen, die auf die völlige oder teilweise physische Zerstörung der Gruppe abzielen, die Anordnung von Maßnahmen zur Geburtenverhinderung und die Verschleppung von Kindern.
Verurteilungen
Mit dem Ex-Soldaten Drazen Erdemovic wurde 1998 der erste Verantwortliche für das Massaker zu fünf Jahren Haft verurteilt. Er wurde im Jahr 2000 in Norwegen vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen. Vier weitere Soldaten wurden zu Haftstrafen zwischen neun und 20 Jahren verurteilt.
Das Tribunal
AFP
Das Internationale Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien in Den Haag hat bisher einen Angeklagten wegen Völkermords verurteilt: den bosnisch-serbischen General Radislav Krstic wegen des Massakers von Srebrenica. Insgesamt erhob das Kriegsverbrechertribunal seit seiner Gründung vor 15 Jahren Anklage gegen 161 Menschen.
Die Anklage gegen Karadzic
AP
Radovan Karadzic ist vor dem Internationalen Tribunal für das ehemalige Jugoslawien wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Das von der Uno eingerichtete Tribunal in Den Haag wirft ihm vor, während des Kriegs in Bosnien zwischen 1992 und 1995 zusammen mit dem bosnisch-serbischen Armeechef Ratko Mladic einen Plan zur "ethnischen Säuberung" bestimmter Gebiete Bosnien-Herzegowinas erarbeitet zu haben. Zur Verwirklichung ihres Ziels eines großserbischen Staats hätten die bosnisch-serbischen Führer einen Aktionsplan in Gang gesetzt, der mit "Verfolgungen und Terrortaktiken" sowie Vertreibung und Vernichtung verbunden gewesen sei.
Die Gesuchten
Ratko Mladic

REUTERS
Der bosnisch-serbische Ex-General Ratko Mladic (Bild links) war hinter Karadzic die Nummer zwei auf der Fahndungsliste des Uno-Tribunals. Wie Karadzic ist auch der ehemalige Militärchef der bosnischen Serben wegen Völkermords, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Bosnienkrieg angeklagt. Dem 66-Jährigen droht lebenslange Haft, sollte er in den 15 Anklagepunkten schuldig gesprochen werden.

Mladic ist auf der Flucht, seit das Haager Tribunal 1995 seine Anklage veröffentlichte. Das Uno-Tribunal vermutet, dass er sich in Serbien versteckt hält, wo auch Karadzic nun verhaftet wurde. Er ist der einzige der 19 wegen des Massakers von Srebrenica angeklagten mutmaßlichen Haupttäter, der noch nicht gefasst ist.

Goran Hadzic

Der ehemalige Präsident der selbst ernannten serbischen Republik Krajina in Kroatien ist wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Der 49-Jährige soll für den Tod Hunderter kroatischer Zivilisten und die Deportation von Zehntausenden Kroaten durch die serbischen Truppen während des Kroatien-Krieges verantwortlich sein. Hadzic tauchte unter, kurz nachdem die Anklage gegen ihn im Juli 2004 bekanntgegeben wurde.

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