Karadzic vor Gericht Showdown für den mörderischen Psychiater

REUTERS

Von Olaf Ihlau

2. Teil: Verachtung für die Muslime


Eigentlich ist Karadzic Montenegriner, geboren in einem Dorf am Durmitorgebirge als Sohn eines Bauern und Schuhmachers. Montenegriner verstehen sich im weitesten Sinne als Großserben, und manche von ihnen neigen bisweilen zur Großmannssucht. Das mag mit ihrer Geschichte zusammenhängen, in der sie sich, zurückgezogen in die unwirtlichen Schwarzen Berge, zeitweise als einzige freie und christliche Bastion während Jahrhunderten osmanischer Fremdherrschaft tapfer auf dem Balkan behaupteten.

Gedichte während des Bombardements von Sarajevo

Doch es gab religiöse Überläufer. Montenegriner, die zum Islam konvertierten, weil sie sich unter den Türken ein besseres Leben versprachen. Die Abrechnung mit ihnen schildert das vom Fürstbischof Njegos Mitte des 19. Jahrhunderts veröffentlichte Epos "Der Bergkranz", Schullektüre noch heute. Es beschreibt ein Massaker an den "vertürkten" Landsleuten, gleichsam die montenegrinische Bartholomäusnacht. Die Ausrottung aller Abtrünnigen wird in dieser Dichtung als einziger Weg zur Rettung des Serbentums propagiert: "Der Wolf hat das Recht über ein Schaf wie der Tyrann über einen Schwachen", heißt es dort. "Lasst ewigen Kampf toben. Lasst geschehen, was nicht geschehen kann".

Erbarmungsloser Umgang mit Renegaten und Verachtung insbesondere für die Muslime, das sind Grundstränge auch in der Glaubenswelt des Radovan Karadzic. Im Zweiten Weltkrieg waren mehrere Mitglieder seines Familienclans, die sich den königstreuen Tschetniks angeschlossen hatten, von Titos Partisanen erschossen worden. Als Teenager kam Karadzic nach Sarajevo, seinerzeit die kosmopolitischste Stadt im jugoslawischen Selbstverwaltungssozialismus des Marschall Tito. Das Multikulti-Zusammenleben mit Muslimen, katholischen Kroaten, Kommunisten und Juden behagte dem orthodoxen Neuzugang aus der Provinz nicht sonderlich. Karadzic absolvierte ein Medizinstudium mit dem Schwerpunkt Psychiatrie und verbrachte in den Siebzigern ein Jahr an der Columbia University in New York. Mit seiner Frau Ljiljana eröffnete er in Sarajevo eine eigene Praxis, betrieb einen Telefonnotdienst für psychologische Beratungen, siedelte sich politisch zunächst bei den Grünen an.

"Wenn man eine Giftschlange fängt, muss sie am Kopf angepackt werden"

Der Zerfall Jugoslawiens und die turbulenten Zeiten eines radikalen Umbruchs katapultierten den Psychiater in das Lager der Ultranationalisten. Als im März 1992 in Sarajevo das von den Muslimen beherrschte Parlament nach einer Volksabstimmung die Unabhängigkeit ausrief, war das für Karadzic "eine Kriegserklärung an die Serben". Seine Anhänger machten sofort Front gegen diesen neuen Staat, wollten sich von den "Türken" nicht bevormunden lassen. Es kam zu Schießereien in Sarajevo, Gefechten in der Umgebung. Karadzic verlegte seine Einsatzzentrale in die nahe Bergfeste Pale, nicht gerade eine einladende Sommerfrische. Von dort aus dirigierte er die dreijährige Belagerung Sarajevos sowie die Vertreibung der Muslime und Kroaten aus den serbischen Siedlungsgebieten, die nunmehr in einer Art Sezession die Srpska Republika bildeten, die Serbische Republik. "Homogenisierung der Bevölkerung" nannte Karadzic als ihr erster Präsident die brutalen "ethnischen Säuberungen" beschönigend.

Wie einst Nero das brennende Rom besang, rezitierte Karadzic in Pale eigene Gedichte während der Kanonade seiner Truppen auf Sarajevo und rechtfertigte die gnadenlose Belagerung der Stadt höhnisch: "Wenn man eine Giftschlange fängt, darf man sie nicht am Schwanz anfassen, denn sie kann beißen. Sie muss am Kopf angepackt werden". Besuchern kredenzte der Politbarde Slibowitz zu kruden Rechtfertigungsslogans. "Dies ist ein Bürgerkrieg, in dem jeder jeden hasst", räsonierte der hochgewachsene, leicht füllige Mann mit dem fleischigen Gesicht und den sanften Augen, "wir Serben nehmen nur den Siedlungsraum, der uns zusteht". Die Welt schaute tatenlos zu, wie sich die bosnischen Volksgruppen zerfleischten, ließ sie in ihrem eigenen Saft schmoren, wie Diplomaten zynisch anmerkten.

Im Juli kam es in Srebrenica, einer der sechs Uno-Schutzzonen, zu einem Massaker der vorrückenden Serben an über achttausend muslimischen Jungen und Männern. Hauptantreiber bei diesem Abschlachten war General Mladic, aber Karadzic wird schwerlich beweisen können, von diesen Gräueltaten nichts gewusst zu haben. Erst nach Srebrenica griff die internationale Gemeinschaft ein. Luftschläge der Nato zwangen die Serben zum Einlenken und wieder an den Verhandlungstisch. Der Psychiater, den Milosevic schon mal einen "besoffenen Pokerspieler" genannt hatte, wurde als Politiker nicht mehr gebraucht. Er verschwand, weiterhin beschützt von einer kleinen Privatarmee, in der Versenkung. Gesucht vom Kriegsverbrechertribunal mit internationalem Haftbefehl.

Der Text ist ein Auszug aus dem jüngst erschienen Buch "Minenfeld Balkan" (siehe Kasten)



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Seite 1
semir, 26.10.2009
1.
Zitat von sysopEiner der größten Völkermord-Prozesse am Uno-Balkantribunal beginnt - doch der Angeklagte kam nicht ins Gericht. Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic beklagte sich, er habe zu wenig Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten. Droht ein endloses Ringen um Gerechtigkeit?
Er weiß das er schuldig ist und verurteilt wird.Deswegen baut er schon jetzt an einem neuen serbischen Opfermythos um eine Auseinandersetzung mit dem serbischen Nationalismus während des Krieges und der Gegenwart unter der serbischen Bevölkerung zu verhindern. Es gibt keine Gerechtigkeit, denn seine Eroberungen wurden - zumindest bis jetzt - legitimiert.
SaT 26.10.2009
2.
Zitat von sysopEiner der größten Völkermord-Prozesse am Uno-Balkantribunal beginnt - doch der Angeklagte kam nicht ins Gericht. Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic beklagte sich, er habe zu wenig Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten. Droht ein endloses Ringen um Gerechtigkeit?
Die Kroaten und Bosniaken hatten in den 90'er auch wenig Zeit ihre Verteidigung vorzubereiten.
spontanous 26.10.2009
3.
Zitat von sysopEiner der größten Völkermord-Prozesse am Uno-Balkantribunal beginnt - doch der Angeklagte kam nicht ins Gericht. Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic beklagte sich, er habe zu wenig Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten. Droht ein endloses Ringen um Gerechtigkeit?
Man möge ihn verurteilen. Aber wirkliche Gerechtigkeit wird es erst geben, wenn auch die albanischen, kroatischen und bosnisch-muslimischen Verbrechen an serbischen Zivilisten aufgeklärt werden. Solange ein Verbrecher wie z.B. Thaci unter NATO-Schuld Staatsmann spielen darf, wird es nie Gerechtigkeit geben. Gerechtigkeit ist eine Einbahnstrasse!
Daniel Freuers, 26.10.2009
4. Karadzic boykottiert seinen Kriegsverbrecherprozess
"Er blieb in seiner Zelle. " Unglaublich was heute alle so geht...
spontanous 26.10.2009
5.
Zitat von semirEr weiß das er schuldig ist und verurteilt wird.Deswegen baut er schon jetzt an einem neuen serbischen Opfermythos um eine Auseinandersetzung mit dem serbischen Nationalismus während des Krieges und der Gegenwart unter der serbischen Bevölkerung zu verhindern. Es gibt keine Gerechtigkeit, denn seine Eroberungen wurden - zumindest bis jetzt - legitimiert.
[QUOTE=semir;4478944]Deswegen baut er schon jetzt an einem neuen serbischen Opfermythos um eine Auseinandersetzung mit dem serbischen Nationalismus während des Krieges und der Gegenwart unter der serbischen Bevölkerung zu verhindern. QUOTE] Wie wäre es, wenn Sie diese Auseinandersetzung auch mal bei den Albanern (UCK-Banditen, Grossalbanien) oder Kroaten (Ustascha, Operation Oluja) einfordern würden.
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