SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

26. Oktober 2009, 13:09 Uhr

Karadzic vor Gericht

Showdown für den mörderischen Psychiater

Von Olaf Ihlau

Die Anklage wirft ihm Mitschuld am Tod von 8000 Menschen vor: Dem früheren bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic wird der Prozess gemacht. Den ersten Gerichtstag schwänzte er, mit weiteren renitenten Aktionen ist zu rechnen - denn der mutmaßliche Kriegsverbrecher ist ein gnadenloser Zyniker.

Radovan Karadzic nennt das Internationale Tribunal, das über ihn urteilen soll, verächtlich "das Nato-Gericht". Über ein Jahr lang ließ sich der einstige Serbenführer Zeit, bis er auf die Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit kühl widersprach: "Ich bin unschuldig." Ähnlich wie vor ihm sein einstiger Mentor Slobodan Milosevic will wohl auch Karadzic das Tribunal mit einigen Großauftritten in der Rolle des "Chefverteidigers" als seine letzte Bühne nutzen - um nach dem Boykott der Prozesseröffnung dann vor aller Welt zu verkünden, er habe doch nichts anderes getan, als die Interessen seines Volkes zu vertreten.

Diese larmoyante Behauptung, diesen brisanten politischen Vorwurf werden die Richter mehrmals zu hören bekommen: Es sei ihm damals als Präsident der bosnischen Serben Immunität und Straffreiheit von amerikanischer Seite zugesichert worden, wenn er den Friedensprozess von Dayton nicht gefährden und sich selber aus dem politischen Leben vollständig zurückziehen werde. Genau diese Forderungen aber habe er mit seinem Abtauchen in den Untergrund erfüllt. Der seinerzeitige Chefunterhändler Washingtons, Turbo-Diplomat Richard Holbrooke, bestreitet solch einen Deal vehement. Ihm widersprechen indes prominente Zeitzeugen. Auch die ehemalige Uno-Chefanklägerin Carla Del Ponte behauptet, sowohl US-Präsident Bill Clinton als auch sein französischer Amtskollege Jacques Chirac hätten Karadzic gedeckt und eine Verhaftung blockiert.

Richtig ist zumindest, dass der Serbenführer jahrelang in seiner Heimat unbehelligt blieb, obwohl die Kommandeure der internationalen Friedenstruppe in Bosnien den vom Kriegstribunal Gesuchten relativ leicht hätten schnappen können. Anfangs jedenfalls - denn in seiner späteren Maskerade, in der man ihn dann im Juli 2008 in Belgrad festnahm, hätte keiner der internationalen Fahnder mehr diesen Radovan Karadzic erkannt.

Spezialgebiet Neurosen und Depressionen

Was für einen Spaß muss dieses Versteckspiel dem gelernten Psychiater (Spezialgebiet: Neurosen und Depressionen) wohl bereitet haben: Mit Haarknoten und schlohweißem Rauschebart kam er daher, als Dr. Dabic, freundlich den Panamahut lüpfend und ein Lächeln auf dem von gewaltigen Brillengläsern bewehrten Gesicht. Seelenruhig spazierte er durch Belgrad, behandelte als Neuropsychiater Patienten in Kliniken, posierte als spiritueller Forscher, empfahl sich als Experte für Kräuter, fernöstliche Heilverfahren und Mittel gegen Erektionsstörungen. In seiner Wohnung gefundene Videobänder zeigen ihn als Urintrinker und bei sexuellen Perversionen.

Natürlich gab es in der Serbenmetropole einige, die um die wahre Identität dieses dreiundsechzig Jahre alten Quacksalbers wussten: Drahtzieher beim Geheimdienst aus den Zeiten des Despoten Milosevic, die ihrem einstigen Kumpanen, wie auch dem bis heute flüchtigen bosnischen Armeechef Ratko Mladic, Unterschlupf nebst falschen Papieren verschafft hatten. Aber Belgrads neue demokratische Regenten brauchten nun dringend eine spektakuläre Tat, um sich im Westen Sympathien, Kredite und Handelserleichterungen zu verschaffen. Die Auslieferung des in der Bevölkerung nach wie vor populären Karadzic an das Den Haager Tribunal war gleichsam ein Bauernopfer. Der Coup wurde in den westeuropäischen Hauptstädten durchweg als "historischer Augenblick für den Balkan" gewürdigt.

Das war er zweifellos. Jetzt muss sich endlich jener Mann verantworten, der über Bosnien so viel Leid gebracht hat wie kaum ein anderer der politischen Hauptakteure. Dabei wird niemand behaupten können, der Seelenarzt habe seine Ziele zu verbergen gesucht, ehe er in eine politische Laufbahn als großserbischer Missionar wechselte. Als im Oktober 1991 das bosnische Parlament in Sarajevo die Risiken und Chancen einer Abspaltung von dem auseinanderbrechenden Jugoslawien erörterte, erschien Karadzic zu dieser Sitzung als Chef der "Serbischen Demokratischen Partei" und warnte die Versammelten wie die sprichwörtliche Seherin Kassandra. Eine Loslösung von Jugoslawien werde die drei Volksgruppen der Teilrepublik - Muslime, Serben und Kroaten - "in die Hölle führen" und die muslimische Bevölkerung "in die mögliche Auslöschung", drohte dieser Unheilsbote unverhohlen mit einem Genozid. Er sollte, das ist das Los der Kassandra, mit dieser Prophezeiung weitgehend recht behalten.

Verachtung für die Muslime

Eigentlich ist Karadzic Montenegriner, geboren in einem Dorf am Durmitorgebirge als Sohn eines Bauern und Schuhmachers. Montenegriner verstehen sich im weitesten Sinne als Großserben, und manche von ihnen neigen bisweilen zur Großmannssucht. Das mag mit ihrer Geschichte zusammenhängen, in der sie sich, zurückgezogen in die unwirtlichen Schwarzen Berge, zeitweise als einzige freie und christliche Bastion während Jahrhunderten osmanischer Fremdherrschaft tapfer auf dem Balkan behaupteten.

Gedichte während des Bombardements von Sarajevo

Doch es gab religiöse Überläufer. Montenegriner, die zum Islam konvertierten, weil sie sich unter den Türken ein besseres Leben versprachen. Die Abrechnung mit ihnen schildert das vom Fürstbischof Njegos Mitte des 19. Jahrhunderts veröffentlichte Epos "Der Bergkranz", Schullektüre noch heute. Es beschreibt ein Massaker an den "vertürkten" Landsleuten, gleichsam die montenegrinische Bartholomäusnacht. Die Ausrottung aller Abtrünnigen wird in dieser Dichtung als einziger Weg zur Rettung des Serbentums propagiert: "Der Wolf hat das Recht über ein Schaf wie der Tyrann über einen Schwachen", heißt es dort. "Lasst ewigen Kampf toben. Lasst geschehen, was nicht geschehen kann".

Erbarmungsloser Umgang mit Renegaten und Verachtung insbesondere für die Muslime, das sind Grundstränge auch in der Glaubenswelt des Radovan Karadzic. Im Zweiten Weltkrieg waren mehrere Mitglieder seines Familienclans, die sich den königstreuen Tschetniks angeschlossen hatten, von Titos Partisanen erschossen worden. Als Teenager kam Karadzic nach Sarajevo, seinerzeit die kosmopolitischste Stadt im jugoslawischen Selbstverwaltungssozialismus des Marschall Tito. Das Multikulti-Zusammenleben mit Muslimen, katholischen Kroaten, Kommunisten und Juden behagte dem orthodoxen Neuzugang aus der Provinz nicht sonderlich. Karadzic absolvierte ein Medizinstudium mit dem Schwerpunkt Psychiatrie und verbrachte in den Siebzigern ein Jahr an der Columbia University in New York. Mit seiner Frau Ljiljana eröffnete er in Sarajevo eine eigene Praxis, betrieb einen Telefonnotdienst für psychologische Beratungen, siedelte sich politisch zunächst bei den Grünen an.

"Wenn man eine Giftschlange fängt, muss sie am Kopf angepackt werden"

Der Zerfall Jugoslawiens und die turbulenten Zeiten eines radikalen Umbruchs katapultierten den Psychiater in das Lager der Ultranationalisten. Als im März 1992 in Sarajevo das von den Muslimen beherrschte Parlament nach einer Volksabstimmung die Unabhängigkeit ausrief, war das für Karadzic "eine Kriegserklärung an die Serben". Seine Anhänger machten sofort Front gegen diesen neuen Staat, wollten sich von den "Türken" nicht bevormunden lassen. Es kam zu Schießereien in Sarajevo, Gefechten in der Umgebung. Karadzic verlegte seine Einsatzzentrale in die nahe Bergfeste Pale, nicht gerade eine einladende Sommerfrische. Von dort aus dirigierte er die dreijährige Belagerung Sarajevos sowie die Vertreibung der Muslime und Kroaten aus den serbischen Siedlungsgebieten, die nunmehr in einer Art Sezession die Srpska Republika bildeten, die Serbische Republik. "Homogenisierung der Bevölkerung" nannte Karadzic als ihr erster Präsident die brutalen "ethnischen Säuberungen" beschönigend.

Wie einst Nero das brennende Rom besang, rezitierte Karadzic in Pale eigene Gedichte während der Kanonade seiner Truppen auf Sarajevo und rechtfertigte die gnadenlose Belagerung der Stadt höhnisch: "Wenn man eine Giftschlange fängt, darf man sie nicht am Schwanz anfassen, denn sie kann beißen. Sie muss am Kopf angepackt werden". Besuchern kredenzte der Politbarde Slibowitz zu kruden Rechtfertigungsslogans. "Dies ist ein Bürgerkrieg, in dem jeder jeden hasst", räsonierte der hochgewachsene, leicht füllige Mann mit dem fleischigen Gesicht und den sanften Augen, "wir Serben nehmen nur den Siedlungsraum, der uns zusteht". Die Welt schaute tatenlos zu, wie sich die bosnischen Volksgruppen zerfleischten, ließ sie in ihrem eigenen Saft schmoren, wie Diplomaten zynisch anmerkten.

Im Juli kam es in Srebrenica, einer der sechs Uno-Schutzzonen, zu einem Massaker der vorrückenden Serben an über achttausend muslimischen Jungen und Männern. Hauptantreiber bei diesem Abschlachten war General Mladic, aber Karadzic wird schwerlich beweisen können, von diesen Gräueltaten nichts gewusst zu haben. Erst nach Srebrenica griff die internationale Gemeinschaft ein. Luftschläge der Nato zwangen die Serben zum Einlenken und wieder an den Verhandlungstisch. Der Psychiater, den Milosevic schon mal einen "besoffenen Pokerspieler" genannt hatte, wurde als Politiker nicht mehr gebraucht. Er verschwand, weiterhin beschützt von einer kleinen Privatarmee, in der Versenkung. Gesucht vom Kriegsverbrechertribunal mit internationalem Haftbefehl.

Der Text ist ein Auszug aus dem jüngst erschienen Buch "Minenfeld Balkan" (siehe Kasten)

URL:


Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung