Karatschi-Affäre in Frankreich Waffen, Wahlkampf, Schmiergeld

Die Karatschi-Affäre fesselt Frankreich seit fast 20 Jahren, jetzt wird erstmals ein Ex-Minister vernommen. Renaud Donnedieu de Vabres gilt als Schlüsselfigur in dem nebulösen Skandal um Waffendeals und Bestechung. Mittendrin: Freunde von Präsident Sarkozy.

Französischer Politiker Renaud Donnedieu de Vabres: Vernehmung durch die Behörden
AFP

Französischer Politiker Renaud Donnedieu de Vabres: Vernehmung durch die Behörden

Von , Paris


Renaud Donnedieu de Vabres hat eine illustre Polit-Karriere hinter sich, schaffte es bis zum französischen Europaminister. Nun sitzt er in Polizeigewahrsam. Er ist der erste Politiker, der in einem der größten Skandale der V. Republik festgenommen wurde. Es geht um mögliche Korruption und persönliche Bereicherung bei Waffenverkäufen - mitten im Präsidentschaftswahlkampf von 1995. Seitdem beschäftigt der Fall das Land, nun könnte er sogar Auswirkungen auf den bevorstehenden Wahlkampf von Präsident Nicolas Sarkozy haben.

Donnedieu de Vabres war Europaminister (2002), wechselte dann ins Ressort für Kultur und Kommunikation (2004-2007) und amtiert heute in der Regierungspartei UMP als Kultursekretär. Ins Visier der Behörden geriet er wegen seiner Tätigkeit als ehemaliger Sonderberater im Verteidigungsministerium von 1993 bis 1995, während der Karatschi-Affäre. Seit Anfang der Woche wird Donnedieu de Vabres von Beamten der Finanzpolizei vernommen.

In der Karatschi-Affäre geht es um den Verkauf von französischen U-Booten an Pakistan, das Geschäft wurde im September 1994 abgeschlossen. Bei dem Deal im Wert von umgerechnet 84 Millionen Euro flossen über Mittelsmänner satte Provisionen nach Paris zurück: Ein Teil dieser Gelder - rund drei Millionen Euro - soll als Bareinzahlung die Kasse des Kandidaten Edouard Balladur gefüllt haben. Dessen damaliger Sprecher war Nicolas Sarkozy.

Die anrüchigen Praktiken wurden von Wahlsieger Jacques Chirac gestoppt. Später, im Jahr 2002, wurden in Karatschi elf französische Ingenieure bei einem Bombenanschlag getötet - offenbar ein Racheakt für ungezahlte Bestechungsgelder.

Seither erforscht die Justiz die Verbindungen zwischen Waffengeschäften, Wahlkampfkassen und Schmiergeldern. Erschwert werden die Untersuchungen, weil die entscheidenden Unterlagen als Militärgeheimnis zurückgehalten werden. Die zuständigen Ermittlungsrichter Renaud Van Ruymbeke und Roger Le Loire haben in dem "nebulösen Dossier" ("Nouvel Observateur") jedoch Verbindungen zwischen Politik und umtriebigen Geschäftsleuten nachgezeichnet.

"Kleiner Beamter am Telegrafen"

Mehrere Personen im Zentrum des Ermittlungsverfahrens hatten Verbindungen zum Elysée-Palast, darunter der Waffenhändler Ziad Takieddine, sowie zwei Bekannte von Sarkozy. Einer von ihnen ist Thierry Gaubert, ein Mitarbeiter im Haushaltsressort. Der andere ist Nicolas Bazire, damals Kabinettsdirektor von Balladur. Er fungierte bei Sarkozys Hochzeit mit Carla Bruni 2008 als Trauzeuge.

Hier kommt auch Donnedieu de Vabres ins Spiel. Unter Parteifreunden als RDDV abgekürzt, gilt der Mann mit der langen Parteikarriere laut den Ermittlungen als Dreh- und Angelpunkt eines illegalen Finanznetzwerkes. Dieses wurde angeblich geschaffen, um aus lukrativen Militär-Deals profitable Vermittlungsgebühren zu kassieren.

Der Aristokrat war zwar zum Zeitpunkt des U-Boot-Geschäfts nicht mehr als ein schlichter Projektleiter und Vertrauter von Verteidigungsminister François Léotard. Dennoch wurde er, so der Internetdienst Mediapart, "zur Schlüsselperson, zum Faktotum, zum kleinen Beamten am Telegrafen, der alles gesehen und vielleicht auch alles gemacht hat".

Zeugen gaben zu Protokoll, dass RDDV kurz vor Abschluss des Vertrags darauf bestanden habe, einen französisch-libanesischen Geschäftsmann einzuschalten. Auf diese Weise seien Ziad Takieddine und zwei seiner Kompagnons an dem U-Boot-Geschäft mit Pakistan wie beim Verkauf von französischen Fregatten an Saudi-Arabien beteiligt worden: Allein Takieddine erhielt 4,5 Millionen Euro.

Der Kaufmann Takieddine, seit September angeklagt wegen "Mittäterschaft und unrechtmäßiger Vorteilnahme durch Veruntreuung von öffentlichen Geldern", war mit der Pariser Polit-Elite gut bekannt - darunter Mitglieder aus dem Umfeld des heutigen Präsidenten wie Sarkozy-Intimus Brice Hortefeux, Innenminister Claude Guéant und UMP-Chef Jean-François Copé.

Freundschaft mit dem Waffenhändler

Laut Vernehmungsprotokollen, die in französischen Medien zitiert werden, war das Verhältnis zwischen dem schlichten Projektleiter und dem libanesischen Drahtzieher eng und freundschaftlich: Der Mittelsmann ging im Verteidigungsministerium ein und aus, Familie Takieddine verbrachte gemeinsamen Urlaub mit Donnedieu de Vabres auf Korsika.

Heute wollen die Beteiligten ihre Freundschaft eher als flüchtige Bekanntschaft verstanden wissen, als nötige Geschäftsbeziehungen - nicht mehr. Dass Schmiergelder den Wahlkampf von Balladur munitioniert hätten? Oder gar Nicolas Sarkozy davon gewusst haben könnte? Ausgeschlossen, heißt es.

"Es gibt für mich keinen Zusammenhang zwischen den Verhandlungen über den Vertrag und die Finanzierung der Kampagne von Balladur", gab Donnedieu de Vabres bei einer ersten Vernehmung 2010 als Zeuge zu Protokoll. Im Umfeld des gescheiterten Präsidentschaftskandidaten Balladur hatte man schon immer eine andere Erklärung für den Eingang der drei Millionen Euro in bar: Die Summe sei zusammengekommen durch den Verkauf von T-Shirts und Anstecknadeln.

Eine Deutung, welche die Strafverfolgungsbehörden nicht überzeugt hat.



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global_look 14.12.2011
1.
Das ich nicht falsch verstanden werde! Pressefreiheit und objektive Berichterstattung zählen für mich zu den wichtigsten Errungenschaften der zivilisierten Welt! Aber kann mir der Spiegel bitte mal erklären warum eine beinahe 20 jährige Affäre zum Anlass genommen wird, ein Staatsoberhaupt wie Herrn Sarkozy in aktuell dramatisch Turbulenten Zeiten zu deffarmieren. In dem Artikel wird Herrn Sarkozy mindestens 7 mal namentlich erwähnt und das nur, weil er irgend wann einmal Kontakte zu irgendwelchen Personen hatte, die in irgendeinem "Korruptionsfall" ein bisschen was abgezwackt haben sollen. Bei allem Respekt zu diesem renommierten Medium "Spiegel", aber die Themenauswahl stinkt gewaltig nach Meinungsmache zu einer denkbar ungünstigen Zeit. Behandeln Sie das Thema doch bitte, wenn unsere Herrn Politiker den Supergau für den europäischen Finanzmarkt abgewendet haben und das gemeine Wohl Europas und der Welt nicht mehr am seidenden Faden hängt!!! Vielen Dank
at.engel 14.12.2011
2. Ausnahmsweise mal nicht die Schuld der Presse
Das Sarkozy im Zusammenhang mit dieser Affaire zig-mal zitiert wird, hat weder etwas mit dem SPIEGEL, noch mit der französischen Justiz zu tun, sondern eben ganz spezifisch mit der Karriere von Sarkozy. Sarkozy war nicht nur das Ziehkind von Pasqua, dessen politische Karriere (1968 bis 2011 in den Hauts-de-Seine im reichen Westen der Hauptstadt) nur noch von dessen gerichtlicher Karriere übertroffen wird. Es gibt praktisch keinen Skandal, der auch diesen Namen verdient, in dem man nicht irgendwann auf Pasqua stößt. Peinlicherweise stößt man aber immer wieder auch auf den nähesten Umkreis von Sarkozy (Coppé oder Hortefeux z.B.), und eben auch auf Sarkozy selbst. Die Justiz hat es generell schon schwer, wenn es um die politische Elite des Landes geht; dazu kommt aber auch, dass gerade Sarkozy seit Beginn seiner Amtszeit alles unternommen hat, um die Justiz unter seine Kotrolle zu bringen. Dass es verschiedene Staatsanwälte doch immer mal wieder schaffen, sich auch gegen Politiker zu behaupten, ist auf jeden Fall ein positives Zeichen.
seine-et-marnais 14.12.2011
3. Das sind Dauerbrenner
Zitat von global_lookDas ich nicht falsch verstanden werde! Pressefreiheit und objektive Berichterstattung zählen für mich zu den wichtigsten Errungenschaften der zivilisierten Welt! Aber kann mir der Spiegel bitte mal erklären warum eine beinahe 20 jährige Affäre zum Anlass genommen wird, ein Staatsoberhaupt wie Herrn Sarkozy in aktuell dramatisch Turbulenten Zeiten zu deffarmieren. In dem Artikel wird Herrn Sarkozy mindestens 7 mal namentlich erwähnt und das nur, weil er irgend wann einmal Kontakte zu irgendwelchen Personen hatte, die in irgendeinem "Korruptionsfall" ein bisschen was abgezwackt haben sollen. Bei allem Respekt zu diesem renommierten Medium "Spiegel", aber die Themenauswahl stinkt gewaltig nach Meinungsmache zu einer denkbar ungünstigen Zeit. Behandeln Sie das Thema doch bitte, wenn unsere Herrn Politiker den Supergau für den europäischen Finanzmarkt abgewendet haben und das gemeine Wohl Europas und der Welt nicht mehr am seidenden Faden hängt!!! Vielen Dank
Ich kann nur dem Forumsteilnehmer Engel recht geben der die Rolle des Filzes um Pasqua beschrieben hat. Bei den genannten Personen geht es um die Affaire der Fregatten mit Pakistan, das gleiche gilt auch fuer die Fregatten fuer Saudi-Arabien oder Taiwan. Die gleichen Prsonen handeln auch kraeftig mit Waffen fuer Angola. Und die gleichen Personen sind auch dabei wenn die Geldkoffer aus Afrika in Empfang genommen werden. Ein weiterer schlimmer Punkt, zum wirtschaftlichen GAU kommt auch der moralische. Was wollen denn ein Herr Sarkozy, Copé, Donnedieu de Vabres, Woerth, Pasqua, Balkany (M et Mme), Frau Dati (die hat auch nicht Dank ihrer Arbeit Karriere gemacht), Herr de Villepin, Jack Lang einer Marine Le Pen sagen wenn die zu einer Aktion 'saubere Politik' aufruft. Wollen sie ihr sagen 'Liebe Frau Pen, als rechtsradikale Politikerin sind wir Ihnen keine Rechenschaft schuldig'. Wie soll es der 'gemeine Buerger' verkraften wenn ihm alles gekuerzt wird, und in der Politik die Geldkoffer kreisen. Und vor allen Dingen auch nicht zu vergessen, in Karatschi gab es Tote. Kleiner Nachtrag: Die Attentatswelle in Paris 1986, mit den Toten unter anderem in einer Cafeteria im Einkaufszentrum Quatre Temps und unter der Kundschaft von Tati in der Rue de Rennes war ja wohl die iranische Antwort auf die Versuche Mitterands den Iran nach der Revolution im Atomarbereich ueber den Tisch zu ziehen. Also diese Vermischung von Kommerz, Politik und Schmiergeldern gibt es rechts wie links. Das schockiert die 'Maerkte' ueberhaupt nicht. Selbst die Fortsetzung von wirtschaftlichen Pressionen mit anderen Mitteln, wie im Fall Irak oder Libyen wird von den 'Maerkten' mit Wohlwollen begruesst, wenn dies in ihrem Sinne ist. Die 'Maerkte' sind nicht 'Caritas' oder 'Brot fuer die Welt', da wird geschmiert, bestochen, von Insiderwissen profitiert, und und und, genau wie .... in der Politik. Der selige FJS mit seinen Affairen war ein Waisenknabe gegenueber den Affairen die in Frankreich abgehen, Gas-Schroeder und der gruene Fischer haben nur bescheidenst profitiert, und Kohl konnte Mitterand nicht das Wasser reichen. Vor kurzem ging ein Bericht durch die Presse ueber einen Alexander Djourhi, kleiner Voyou aus der Banlieue Nord, der sich ueber eine Bekanntschaft mit Alain Delon und Sarkozy hochgearbeitet hat Djouhri, de Sarcelles aux palaces - L'EXPRESS (http://www.lexpress.fr/actualite/monde/djouhri-de-sarcelles-aux-palaces_1030175.html) und Pasqua, dem 'Paten' Sarkozys, der, man weiss es nicht genau, als Sohn eines Polizisten seine Karriere, je nach Standpunkt, in der Résistance oder im Untergrund als Kleinkrimineller begonnen hat, wurden sogar Kontakte zur Mafia nachgesagt. Wie sagt man auf Deutsch: gleich und gleich gesellt sich gern, auf Franzoesisch: qui se ressemble s'assemble. Und das Rassemblement pour la République hat man ja schon unter Chirac umgetauft in UMP 'Union pour la majorité présidentielle' (praesidentielle Mehrheit) wird dann aber vor Wahlen als 'Union du mouvement populaire' (volkstuemliche Bewegung) vermarktet. UMP ist eigenlich ausdrucksstark, vor den Wahlen verspricht man dem Waehler eine auf ihn zugeschnittenen Politik, und nach den Wahlen, da regiert ein Praesident und/oder man hat die Mehrheit im Parlament.
global_look 14.12.2011
4.
Ich möchte mich noch einmal wiederholen. Mir geht es nicht darum, dass ich irgendetwas anzweifele oder als falsch erachte. Dafür kenne ich mich auch gar nicht in der Materie des Falls aus. Unrecht sollte grundsätzlich IMMER aufgedeckt werden. Aber wollte man alles Unrecht der Welt bekämpfen, reichte wohl die Speicherkapazität des WWW nicht aus, um alle Gräueltaten zu publizieren. Mir geht es darum das mit Herrn Sarkozy eine Person angegriffen wird (obwohl er laut Bericht in keinster Weise direkt involviert zu sein scheint, sondern lediglich Leute kennt, die Leute kennen, die damit zu tun haben), die momentan zu den entscheidenden Figuren zur Lösung eines katastrophalen und für uns alle höchstgefährlichen Finanzsystemsfehler gebraucht werden. Meine Frage an Sie: würden Sie Joachim Löw einen Tag vor dem WM-Finale entlassen, weil er in der Heimat beim klau einer Packung Kaugummis erwischt wurde??? Und tun uns Medien damit einen gefallen, diese Geschichte genau jetzt aufzubauschen? Und als letztes: Informieren Sie sich mal, wer eigentlich hinter den in den Quellen genannten französischen Zeitschriften steht!
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