Karikatur-Proteste Iran bezichtigt USA der Lüge

Die USA und Iran liefern sich heftige Wortgefechte über die Folgen der Mohammed-Karikaturen. Scharf wies der iranische Vizepräsident Maschai Vorwürfe von US-Außenministerin Rice zurück, sein Land habe die gewaltsamen Proteste geschürt: "Das ist eine hundertprozentige Lüge."


Jakarta - Die Vorwürfe von Condoleezza Rice seien Unterstellungen, sagte Isfandiar Rahim Maschai heute bei einem Besuch in Indonesien. In Anlehnung an den gängigen Sprachgebrauch der iranischen Führung beschuldigte er "die Zionisten", den Konflikt zu schüren. Mit Blick auf den schwelenden Atomstreit sagte der Vizepräsident: "Es gibt keinerlei Verbindung zwischen dem Nuklearproblem und der Reaktion der Muslime auf die Karikaturen des Propheten Mohammed." Er glaube auch nicht an einen Militärschlag von Seiten der USA.

Rice hatte Iran und Syrien gestern Abend in Washington vorgeworfen, Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen geschürt zu haben. Sie habe keinen Zweifel daran, dass Iran und Syrien sich große Mühe gegeben hätten, Gefühle anzuheizen. Sie hätten dies für ihre eigenen Zwecke ausgenutzt, sagte Rice bei einer Pressekonferenz mit der israelischen Außenministerin Tzipi Livni.

Iranischer Vizepräsident Maschai: "Das ist eine hundertprozentige Lüge"
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Iranischer Vizepräsident Maschai: "Das ist eine hundertprozentige Lüge"

Beide Staaten sollten dafür "von der Welt" zur Verantwortung gerufen werden. Rice hob zugleich hervor, dass indessen andere Staaten der islamischen Welt sich in der Kontroverse durchaus besonnen verhalten hätten. Die USA beschuldigen jedoch Iran und Syrien der Finanzierung von Terrorismus.

US-Präsident George W. Bush hatte zuvor die Regierungen weltweit aufgefordert, die Gewalt zu beenden, sich respektvoll zu verhalten, Eigentum und das Leben von Diplomaten zu schützen. Gewalt sei kein Weg, Unzufriedenheit über etwas zu äußern, was in einer freien Presse gedruckt worden sei.

Karikaturist äußert sich bestürzt

Einer der zwölf Karikaturisten, die für die dänische Zeitung "Jyllands-Posten" die umstrittenen Bilder des Propheten Mohammed angefertigt haben, hat sich bestürzt über die Folgen der Veröffentlichung geäußert. Es sei "alles aus der Spur gelaufen", sagte der namentlich nicht genannte Karikaturist der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Er und seine Mitzeichner hätten niemanden verletzen wollen, aber "wir Dänen sind ja naiv und wissen wenig von der Welt und vom Islam", so wie auch die islamische Welt offenbar wenig von Dänemark wisse.

Gegen den "Wahnsinn", der aus den Bildern inzwischen erwachsen sei, könne sein kleines Land nicht ankämpfen, sagte der Zeichner, der wie seine elf Kollegen mit dem Tod bedroht wird und unter Polizeischutz steht. Die Todesdrohung gegen ihn sei "direkt aus Mekka" gekommen, sie habe die Namen aller zwölf Zeichner und des bei der "Jyllands-Posten" verantwortlichen Kultur-Redakteurs enthalten, sagte der Karikaturist, der wegen seiner Gefährdung anonym bleiben muss. Die Eskalation sei auch durch "Lügen der Imame" geschürt worden, die auf einer Reise durch den Nahe Osten Mohammed-Abbildungen gezeigt hätten, die keiner der dänischen Zeichner angefertigt habe.

Ein ranghoher Befehlshaber der afghanischen Taliban-Rebellen bot gestern zudem eine Belohnung von hundert Kilogramm Gold für denjenigen, der den für die "gotteslästerlichen" Karikaturen verantwortlichen Zeichner töte. Fünf Kilogramm Gold solle jeder erhalten, der einen dänischen, norwegischen oder deutschen Soldaten in Afghanistan töte, sagte der Taliban-Vertreter nach Angaben der privaten afghanischen Nachrichtenagentur AIP.

In dem hitzigen Streit riefen heute die Zeitungen "Bild" und "Hürriyet" Muslime und Christen zu gegenseitigem Respekt auf. In einem gemeinsamen Kommentar der Chefredakteure beider Blätter, Kai Diekmann und Ertugrul Özkök, heißt es: "Wir rufen alle auf, Respekt vor den Gefühlen des jeweils anderen zu zeigen, Beleidigungen, Demütigungen oder Niedertracht zu vermeiden und ein wahrhaftiges Bündnis der Kulturen aufzubauen, das auf gegenseitigem Respekt basiert." Dazu brauche man nur guten Willen.

Die Chefredakteure äußerten sich besorgt über religiös motivierte Wut und Unversöhnlichkeit. "Es scheint fast, als würde das Schreckbild des 'Kampfs der Kulturen' Wirklichkeit." Dabei basierten Christentum und Islam auf der Achtung des Individuums und auf sozialem Ausgleich.

/lan/AFP/dpa/AP/Reuters

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