Karikaturen-Streit Iran macht Israel für dänische Cartoons verantwortlich

In Teheran haben Demonstranten die Botschaft Norwegens angegriffen, gleichzeitig machte Irans geistlicher Führer Chamenei Israel für die Propheten-Cartoons verantwortlich. Die westliche Welt bemüht sich um Schadensbegrenzung.


Teheran/Kopenhagen - Aus Protest gegen Mohammed- Karikaturen in europäischen Zeitungen bewarfen Demonstranten in Teheran die norwegische Botschaft mit Steinen und Brandsätzen. Laut Augenzeugen gingen viele Fenster zu Bruch, das Haupttor geriet in Brand. Der Polizei gelang es, die rund 100 Demonstranten am Erstürmen der Botschaft im Norden Teherans zu hindern.

Ajatollah Ali Chamenei, der geistliche Führer Irans, rechtfertigte die Proteste, die sich aber nach seinen Worten nicht gegen Christen richten. "Diese Wut (unter den Muslimen) ist gerechtfertigt und sogar heilig. Sie wendet sich jedoch nicht gegen die Christen weltweit, sondern gegen einige diabolische Kräfte, die an dieser teuflischen Affäre beteiligt sind." Chamenei beschuldigte stattdessen Israel. Die Affäre um die Karikaturen sei eine "Verschwörung der Zionisten, um Spannungen zwischen Muslimen und Christen zu erzeugen".

Neue Gewaltausbrüche auch in Afghanistan: Aus Wut über die Karikaturen des Propheten Mohammed in westlichen Medien griffen etwa 300 Menschen am Morgen das norwegische Isaf-Camp in Mainama an.Dabei kamen mindestens vier aufgebrachte Muslime ums Leben.
Die dänische Regierung versuchte heute die Wogen zu glätten. Regierungschef Anders Fogh Rasmussen richtete einen Appell zum Dialog an Muslime in aller Welt. Rasmussen sagte in Kopenhagen, die Brandanschläge auf Botschaften in den letzten Tagen hätten gezeigt, dass es hier nicht um einen Konflikt zwischen Dänemark und der islamischen Welt gehe. "Dänemark ist kein Feind des Islam", sagte Rasmussen. Die Protestdemonstrationen der vergangenen Tage beruhten zum großen Teil auf Falschinformationen. "Es stimmt ganz einfach nicht, dass bei uns Korane verbrannt worden sind", sagte Rasmussen und bezog sich dabei auf Gerüchte, die massiv in islamischen Ländern verbreitet wurden. "Falschinformationen werden zum Beispiel über SMS und das Internet unglaublich schnell ausgebreitet. Wir kennen nicht genau die Wege, glauben aber, dass das Ganze zum Teil organisiert ist." Rasmussen nannte "radikale religiöse Fanatiker" als Verantwortliche.

Rasmussen erklärte, US-Präsident George W. Bush habe ihm seine volle Unterstützung im Konflikt um die umstrittenen Mohammed-Karikaturen zugesichert. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerte sich in einem Telefonat mit dem dänischen Ministerpräsidenten besorgt über die anti-dänischen Ausschreitungen. Nach Angaben des Bundespresseamtes äußerte die Kanzlerin Verständnis dafür, dass sich Muslime durch die Karikaturen in ihren Gefühlen verletzt fühlten. Eine breite Debatte hierüber sei wichtig, dürfe aber keinesfalls mit Hass und Gewalt geführt werden.

UNO, EU und OIC rufen islamische Welt zur Ruhe auf

Die Vereinten Nationen, die EU und die Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) haben in einer gemeinsamen Erklärung zur Ruhe aufgerufen. "Wir sind zutiefst alarmiert von den Auswirkungen der Veröffentlichung der beleidigenden Karikaturen", hieß es in dem von UN-Generalsekretär Kofi Annan, dem EU-Außenbeauftragten Javier Solana und OIC-Generalsekretär Ekmeleddin Ihsanoglu unterzeichneten Schreiben. Die drei Spitzenvertreter äußerten darin Verständnis für die Empörung in der moslemischen Welt, stellten aber klar, dass die jüngsten Gewalttätigkeiten die "Grenzen friedlichen Protestes" überschritten hätten.

EU warnt vor Wirtschaftsboykott

Die Europäische Union warnte heute islamische Staaten vor einem Boykott dänischer Waren. "Ein Boykott dänischer Erzeugnisse ist per Definition ein Boykott europäischer Güter", sagte ein Sprecher der Kommission heute in Brüssel. EU-Handelskommissar Peter Mandelson bezeichnete einen Boykott nach einem Treffen mit dem tschechischen Außenminister Cyril Svoboda in Prag als "absolut unverhältnismäßig". Die EU-Mitglieder müssten in diesen Tagen "absolute Einigkeit zeigen".

Demonstranten in Teheran mit dem Emblem der norwegischen Botschaft: Protest gegen Mohammed- Karikaturen
DPA

Demonstranten in Teheran mit dem Emblem der norwegischen Botschaft: Protest gegen Mohammed- Karikaturen

"Wir halten einen Boykott für kein angemessenes Mittel", sagte der Sprecher der Kommission. "Ein Boykott schadet den Interessen aller Partner, einschließlich denen des Boykottierenden und kann die Handelsbeziehungen stören." Die Kommission hatte in der vergangenen Woche bereits darauf hingewiesen, dass ein Boykottaufruf gegen die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) verstoße. Svoboda bezeichnete das demonstrative Verbrennen von Fahnen von EU-Ländern sowie von "anderen europäischen Symbolen" als "Angriff auf Werte, die Europäern wichtig sind".

In Deutschland führt der Karikaturen-Streit bisher nicht zu radikalen Reaktionen in Moscheen. Das ergab eine Umfrage der Nachrichtenagentur ddp bei den Sicherheitsbehörden in mehreren Ballungsgebieten. Der Hamburger Verfassungsschutzchef Heino Vahldiek sagte, zwar habe es in den Moscheen zu den Karikaturen Kritik gegeben, "aber ohne radikale Töne". In Nordrhein-Westfalen gab es nach Angaben des dortigen Innenministeriums ebenfalls keine Aufrufe zu Protesten oder Gewalt. Ähnlich ist die Lage in Berlin oder Bremen, wie die ddp-Umfrage ergab.

Zentralrat der Juden will iranischen Karikaturen-Wettbewerb nicht kommentieren

Der Zentralrat der Juden in Deutschland reagierte unterdessen kühl auf die Ankündigung der iranischen Zeitung "Hamshari", einen internationalen Karikaturen-Wettbewerb über den Holocaust zu veranstalten. "Dieser Gedanke ist so abwegig, dass er keines weiteren Kommentares würdig ist", sagte Zentralratsvizepräsident Salomon Korn.

Politiker rieten im Karikaturen-Streit erneut zur Besonnenheit und lehnten mögliche Sanktionen gegen Staaten ab, in denen die Proteste eskalieren. Der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Gernot Erler (SPD), sagte dem NDR Inforadio, der Konflikt sei "gefährlich nahe" an einem Kampf der Kulturen angelangt. Daher verfolge die Bundesregierung einen Zusammenschluss all jener, die zu einer Mäßigung beitragen könnten. Forderungen von FDP-Chef Guido Westerwelle nach Kürzung der Mittel für bestimmte Länder nannte Erler "populistisch". Dies werde letztlich nur zur weiteren Eskalation der Lage führen.

Auch der SPD-Vorsitzende Matthias Platzeck warnte vor einer weiteren Eskalation. Man dürfe keinen Kampf der Kulturen herbeireden, sagte er. Unions-Außenexperte Andreas Schockenhoff (CDU) zeigte sich im Bundestag gleichfalls besorgt und sagte, man müsse aufpassen, dass sich der Konflikt "nicht immer weiter hochschaukelt". Er warnte Iran vor Boykottmaßnahmen gegen Dänemark, die sich gegen den europäischen Binnenmarkt insgesamt richten würden. FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt sagte, die Ausschreitungen zeigten eine "Intoleranz größten Ausmaßes", die nicht hingenommen werden könne.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) wandte sich im Deutschlandfunk gegen eine Überinterpretation der Pressefreiheit. Im Fall der von der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" veröffentlichten Karikaturen sei mit einem sensiblen Thema gedankenlos umgegangen worden, kritisierte Lammert. Pressefreiheit bedeute nicht, dass jede Geschmacklosigkeit "auf die Höhe eines Verfassungsanspruchs" gehoben werden dürfe.

Ähnlich äußerten sich Politiker von Linkspartei und Grünen. "Man darf so etwas drucken, aber man muss es nicht", sagte die stellvertretende Linksfraktionschefin Petra Pau. Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn äußerte sich noch kritischer: "Mich haben sie an die antijüdischen Zeichnungen in der Hitler-Zeit vor 1939 erinnert."

Putin fordert dänische Entschuldigung

Der russische Präsident Wladimir Putin kritisierte die Veröffentlichung der Karikaturen in europäischen Zeitungen als "unzulässige Provokation" von Muslimen. "Bevor man etwas veröffentlicht, etwas macht oder zeichnet, sollte man hundert Mal nachdenken", sagte Putin in einem heute veröffentlichten Interview mit spanischen Journalisten in Moskau. Putin forderte Dänemark indirekt auf, sich zu entschuldigen. "Wenn ein Staat nicht in der Lage ist, gewisse Dinge zu unterbinden, so sollte er sich wenigstens dafür entschuldigen", betonte Putin.

Die Regierung in der russischen Krisenrepublik Tschetschenien wies heute, angeblich aus Protest gegen die Mohammed-Karikaturen, die wichtige dänische Hilfsorganisation "Dänischer Flüchtlingsrat" aus. Von den etwa 140 Millionen Einwohnern Russlands sind nach Schätzungen 20 Millionen islamischen Glaubens.

phw/ddp/dpa/AP



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