Karikaturenstreit Dänische Zeitung schließt "Friedensvertrag" mit Mohammed-Nachfahren
Islamisten in Pakistan (Archivbild von 2008): Proteste gegen Wiederdruck der Karikaturen
Foto: A2800 epa Rehan Khan/ dpaBerlin - Mohammed mit einer Zündschnur am Turban, der Prophet mit einem Säbel, vor den Augen ein schwarzer Balken: Vier Jahre ist es her, dass die in der Zeitung "Jyllandsposten" abgedruckten Dänemark in eine tiefe Krise stürzten. In der islamischen Welt brannten dänische Flaggen, mehr als 150 Menschen starben bei Protesten. Der damalige dänische Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen sprach von dem schwersten außenpolitischen Konflikt Dänemarks seit dem Zweiten Weltkrieg.
Immer noch sind die Nachwehen der Publikation heftig. Kurt Westergaard, einer der Zeichner, musste sich nach Drohungen verstecken. Am 1. Januar 2010 verübte ein Somalier mit einer Axt einen Mordanschlag auf Westergaard.. Der 74-Jährige konnte sich in letzter Minute retten.
Endlich ein bisschen Frieden, darauf hofft nun die linksliberale dänische Tageszeitung "Politiken". Die Zeitung druckte die umstrittenen Zeichnungen selbst, zuletzt im Jahr 2008 nach Morddrohungen gegen Westergaard - jetzt hat das Blatt laut einer Pressemitteilung in eigener Sache bei mehreren Zusammenschlüssen lebender Nachfahren des Propheten in einem Vergleich dafür entschuldigt, Gläubige mit der Publikation gekränkt zu haben. Fast 100.000 Mitglieder vertreten die acht Organisationen aus Ägypten, Libyen, Qatar, Australien, Jordanien, Saudi-Arabien, dem Libanon und den Palästinensergebieten nach dem Bericht der "Politiken".
Heftige Kritik von dänischen Politikern
Es sei nie die Absicht der Zeitung gewesen, mit dem Abdruck der Karikaturen die Gefühle von Muslimen zu verletzen. Mittlerweile bedauere die Zeitung, dass der Wiederabdruck 2008 Muslime gekränkt habe, heißt es in der Erklärung. "Wir entschuldigen uns bei allen, die durch unseren Beschluss, die Zeichnungen erneut zu drucken, gekränkt wurden", so "Politiken".
Auf der Homepage der Zeitung rechtfertigt der Chefredakteur die Entschuldigung und stilisiert sie zum Friedensvertrag: Die Erklärung könnte helfen, die Spannungen zu reduzieren, und verleihe der Hoffnung Ausdruck, dass Dänemark und vielleicht Dänemarks Medien ihr Verhältnis zur muslimischen Welt verbessern könnten, so Tøger Seidenfaden.
Faisal Yamani, der laut dem Bericht in eigener Sache die acht muslimischen Organisationen als Anwalt vertritt, erklärte, es sei falsch, von einem Sieg der Muslime zu sprechen. Es sei aber mutig von "Politiken", sich zu entschuldigen. Die Sache sei damit beendet, es werde keinen weiteren Streit mehr geben.
Wie die Einigung zustande kam, wer sie initiierte, welche Verbände von Mohammed-Nachfahren daran beteiligt sind, all das wird nicht detailliert berichtet. Die Tausenden lebenden Nachfahren des Propheten, deren Abstammung nur in relativ wenigen Fällen ernsthaft umstritten ist, sind kein großer politischer Faktor in der muslimischen Welt. Sie genießen als Individuen oft ein gewisses Ansehen, treten als Gemeinschaft aber selten in Erscheinung.
Zwei regierende Königshäuser, das in Jordanien und das in Marokko, verstehen sich als Nachfahren Mohammeds, sogenannte Scherifen. Ob die in irgendeiner Weise eingebunden sind - oder gerade nicht, bleibt leider offen. Aus Amman hieß es am Freitag aus palastnahen Kriesen, der jordanische Monarch Abdallah II. habe kein Interesse daran gehabt, sich der Initiative anzuschließen.
Westergaard verurteilt Entschuldigung
Die Einigung klingt wie eine Friedensinitiative - aber die Entschuldigung der "Politiken" hat eine heftige Debatte in der dänischen Politik ausgelöst. Denn der Vergleich zwischen den islamischen Gruppierungen und der dänischen Zeitung ist offenbar auf juristischen Druck hin zustande gekommen: Nach einem Bericht der "Politiken" haben insgesamt elf dänische Zeitungen im vergangenen Jahr einen Brief von Anwalt Faisal Yamani bekommen - einzig "Politiken" soll auf den Schrieb eingegangen sein. Yamanis Forderungen: Die Mohammed-Karikaturen müssten von den Internetseiten genommen werden, die Zeitungen sollten sich entschuldigen und versichern, dass sie die Karikaturen nicht erneut abdrucken.
Zunächst habe auch "Politiken" die Forderungen Yamanis abgelehnt, die Standpunkte hätten sich aber im Dialog angenähert, so "Politiken"-Chefredakteur Seidenfaden. Seine Rechtfertigung klingt kompliziert: Die Zeitung habe sich schließlich nicht grundsätzlich für den Abdruck entschuldigt, sondern nur dafür, Gefühle verletzt zu haben. Außerdem behalte man sich auch für die Zukunft das Recht vor, solche Karikaturen wieder zu veröffentlichen.
Die Reaktionen auf die Entschuldigung sind überwiegend negativ: "Wahnwitzig" nannte die Vorsitzende der dänischen Sozialdemokraten, Helle Thorning-Schmidt, den Vergleich. Es gebe in Medien jeden Tag Kränkungen - so sei es eben mit der Meinungsfreiheit. Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende der Sozialistischen Volkspartei. Es sei "zutiefst peinlich", dass die "Politiken" die Meinungsfreiheit des Westens ausverkaufe, sagte Pia Kjærsgaard, Vorsitzende der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei.
Auch der Zeichner Westergaard verurteilte die Entschuldigung. Die Zeitung gebe ihren Verzicht auf die Meinungsfreiheit bekannt, so Westergaard. Sie beuge sich der Angst vor Terror. Das sei der erste Schritt in Richtung Zensur.
Lobende Worte kommen indes von der Vorsitzenden der sozialliberalen Partei "Radikale Venstre": Es sei mutig von der Zeitung, das Gespräch statt der Konfrontation zu wählen. Es sei schließlich der Dialog, den radikale Muslime am meisten fürchteten, so Margrethe Vestager.
Ein Ende des Konflikts? Vielleicht könne die dänische Gesellschaft die Sache mit den Mohammed-Karikaturen nach dem Vergleich endlich abschließen, hofft Politiken-Chefredakteur Seidenfaden.
Danach sieht es nicht aus: Rechtspopulistin Kjærsgaard hat dänische Zeitungen derweil zu einem Neuabdruck der Karikaturen aufgerufen. Aus Protest gegen den Vergleich der Zeitung.