Karikaturenstreit Protest um Studenten-Suizid schwelt weiter

Am Samstag brannten in Pakistan deutsche Fahnen, nun hagelt es Protestnoten. Der Streit um den Suizid eines pakistanischen Untersuchungshäftlings hat alle Zutaten für eine Eskalation wie um die Mohamed-Karikaturen. Eine Obduktion des Leichnams wurde verschoben.

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Berlin - Die deutsche Justiz müht sich sichtlich, Kontrolle über den Fall von Amer Cheema zu bekommen. Am Montag betonten alle Beteiligten, die Zusammenarbeit mit den pakistanischen Behörden laufe sehr gut, es gebe keine Streitpunkte. Eine geplante Obduktion der Leiche des 28jährigen Studenten wurde extra verschoben, weil zwei Experten aus Pakistan bei der Untersuchung dabei sein wollen. Diese findet nun erst am Mittwoch statt.

Nazir Cheema mit einem Portrait seines Sohnes Amer: In Pakistan zählen Fakten wenig 
AFP

Nazir Cheema mit einem Portrait seines Sohnes Amer: In Pakistan zählen Fakten wenig 

Amer Cheema war am vergangenen Mittwochmorgen erhängt in seiner Zelle in der Haftanstalt Berlin-Moabit gefunden worden. Sein Zellennachbar hatte nichts mitbekommen, da er gerade beim Hofgang war. Cheema hatte den täglichen Gang nach Informationen von SPIEGEL ONLINE an diesem Morgen abgelehnt. Mit seiner Jogging-Hose knüpfte er einen Strick und erhängte sich damit. "Es ist ein sehr tragischer Fall", sagte eine Sprecherin der Justizbehörden, "doch es gibt keinerlei Hinweise auf Fremdeinwirkung".

Politisch brisant wird der Fall wegen des Haftgrunds. Cheema hatte am 20. März mit einem Messer bewaffnet versucht, ins Gebäude des Axel-Springer-Verlags einzudringen. Dort wollte er nach eigenen Aussagen den Chefredakteur der Tageszeitung "Die Welt" angreifen, da dieser die so genannten Mohammed-Karikaturen abgedruckt hatte. Cheema wurde jedoch durch die Polizei überwältigt. Im Verhör gestand er seine Absicht. Es sei die Pflicht eines jeden Moslems, die Religion zu verteidigen - zur Not auch mit Gewalt.

Erinnerungen an die Karikaturen-Eskalation

In Pakistan sorgt der Suizid in der Haftanstalt für heftige Proteste. Zuerst zweifelte der Vater des Toten den Selbstmord an. Vielmehr sei sein Sohn von der Polizei zu Tode gefoltert worden, so der Vater Ende letzter Woche. Auch wenn Beweise, ja gar Hinweise auf Unregelmäßigkeiten fehlen, verbreitete sich die Nachricht in dem muslimischen Land rasend schnell. Am Samstag brannten dann nahe einer Koranschule die ersten deutschen Flaggen. Ähnlich hatten auch die Proteste gegen die Karikaturen begonnen.

Am Montag nun haben pakistanische Anwälte eine Protestnote an die Vereinten Nationen geschickt. Eine Delegation pakistanischer Anwälte übergab den Brief nach eigenen Angaben an UN- Vertreter. Diese wollten die Protestnote an UN-Generalsekretär Kofi Annan in New York weiterleiten. Einer der Anwälte, Sardar Shaukat Hayat, rief die Regierung in Islamabad auf, den Fall zu untersuchen. Schon am Freitag hatte das Parlament eine Untersuchung gefordert.

In Pakistan könnte die Causa Cheema für weiteren Wirbel sorgen. Ganz gleich, was bei den deutschen Ermittlungen heraus kommt, zählen Gerüchte dort oft mehr als die harten Fakten. Schon jetzt vermelden die Zeitungen den Ort, wo Cheemas Leiche aufgebahrt werden soll. Dort, so Sicherheitsexperten, könnten radikale Islamisten versuchen. Kapital aus der Sache zu schlagen. Schon am Samstag wunderten sich Beobachter, wo man so schnell eine deutsche Fahne her hatte.

Gerüchte über Gerüchte

In Deutschland weist die Justiz alle bisher erhobenen Vorwürfe zurück. Cheema habe nicht als suizidgefährdet gegolten, so eine Sprecherin. Auch sei er nicht gefoltert oder in den Tod getrieben worden. Am Montag dementierte der Bundesnachrichtendienst (BND) auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE energisch eventuelle Kontakte zu Cheema in der Haft. Eine Schweizer Zeitung hatte berichtet, der Pakistaner sei mehrmals in der Haft von BND-Vertretern besucht worden. Auch die Justiz wies die Verdächtigungen zurück. Unabhängig davon werden diese in Pakistan zu weiteren Zweifeln an einem Suizid führen.

In Nordrhein-Westfalen, wo Cheema Textilwirtschaft studierte, war der gläubige Muslim den Behörden bisher nicht als radikaler Islamist aufgefallen. Vom Verfassungsschutz erfuhr SPIEGEL ONLINE, dass er weder als "Gefährder" in den einschlägigen Listen geführt war, noch einer der beobachteten Islamisten-Gruppen angehörte. Nach der Tat jedoch sind die Fahnder aufmerksam geworden. "So einer hätte es locker schaffen können", sagte ein Verfassungsschützer, "gerade wenn er allein gehandelt hat, ist das besorgniserregend".

An der Universität in Mönchengladbach war Cheema ebenfalls nicht weiter aufgefallen, dort studieren Menschen aus vielen verschiedenen Ländern. Begonnen hatte er sein Studium im Jahr 2004, wollte einen Master-Abschluss erreichen. Im Seit dem Winter 2005 allerdings kam er immer seltener zu Kursen, verschwand am Ende ganz von der Bildfläche. Im Februar 2006 schließlich wurde er exmatrikuliert.



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