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Patrick Chappatte: "Ein Akt der vorbeugenden Selbstzensur"

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Karikaturist Patrick Chappatte im Interview "Ein Akt der vorbeugenden Selbstzensur"

Patrick Chappatte gehört zu den wichtigsten politischen Karikaturisten. Warum er sich intensiv mit US-Präsident Donald Trump auseinandersetzt, aber in der "New York Times" nicht mehr veröffentlichen darf, erklärt er im Interview.

Unter den zeitgenössischen Karikaturisten ist Patrick Chappatte, 52, einer der bedeutendsten und sicherlich der internationalste. Geboren in Karachi als Sohn einer Libanesin und eines Schweizers, wuchs er in Singapur und Genf auf, wo er nach Stationen in Los Angeles und New York heute lebt.

Seine politischen Cartoons erscheinen regelmäßig im SPIEGEL sowie in den Schweizer Blättern "NZZ am Sonntag" und "Le Temps". Viele Jahre zeichnete Chappatte auch für die internationale Ausgabe der "New York Times", doch seit Juni erscheinen dort nach einer Debatte über antisemitische Symbole keine politischen Karikaturen mehr - eine Entscheidung, die er scharf kritisiert.

Patrick Chappatte - Karikaturist aus Leidenschaft

Patrick Chappatte - Karikaturist aus Leidenschaft

Foto: Laurent Gillieron/ KEYSTONE/ DPA

Chappattes neues Buch ist eine Werkschau seiner zuletzt in der "New York Times" erschienenen Zeichnungen. "This is the End", lautet der mehrdeutige Titel. Das Cover zeigt US-Präsident Donald Trump mit zwei Knöpfen auf seinem Schreibtisch, einen für Twitter und einen für die Atombombe.


SPIEGEL: Im Vorwort Ihres Buchs erzählt Joseph Stiglitz, Gewinner des Wirtschafts-Nobelpreises, dass Ihre Karikaturen während der Trump-Jahre für ihn und andere Amerikaner "der einzige Balsam für unseren Schmerz" gewesen seien: "Jemand muss zeigen, dass der Kaiser keine Kleider anhat." War dies Ihr Ziel?

Chappatte: Durch das Vorwort fühle ich mich sehr geehrt. Unter den Instrumenten, die wir haben, um die erstaunlichen Ereignisse dieser Präsidentschaft zu begreifen, ist Satire bestimmt nicht das Schlechteste.

SPIEGEL: Ist Trump, der sich fortwährend selbst inszeniert, der Lügen verbreitet und Gegner beleidigt, ein besonders gut geeignetes Objekt für einen Karikaturisten?

Chappatte: Das glauben viele, aber so einfach ist es nicht. Ein Populist wie er stellt ein höchst bewegliches Ziel dar, schwierig auszumachen. Es gehört zu seiner Strategie, dass nahezu alles ins Lächerliche gezogen werden kann, sogar die Gesetze. Dabei geht er sehr sprunghaft vor, und das erschwert es, ihn in einem Bildmotiv und mit wenigen Worten auf etwas festzulegen.

SPIEGEL: Trumps Botschaften sind häufig widersprüchlich.

Chappatte: Manchmal ist das jedoch nicht sofort sichtbar. Bei meiner Arbeit kommt es ganz wesentlich darauf an, Widersprüche zu erkennen und offenzulegen, und ich hoffe, das gelingt mir.

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Patrick Chappatte: "Ein Akt der vorbeugenden Selbstzensur"

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SPIEGEL: Kein anderer Politiker bekommt so viel Aufmerksamkeit wie Trump. Wäre es nicht manchmal besser, ihn zu ignorieren?

Chappatte: Ja, vielleicht. Ob man für oder gegen ihn ist, scheint egal zu sein, er nutzt alles zu seinen Gunsten. Wenn er im Mittelpunkt einer Karikatur steht, ist das unvermeidlich eine weitere Erscheinungsform des narzisstischen Phänomens Donald Trump. Deshalb sollte man immer auch herausarbeiten, wofür der Präsident letztlich steht. Er ist so etwas wie die 3D-Manifestation unserer narzisstischen Welt. Und es gibt vieles andere, was wir im Blick behalten sollten: Ich beziehe mich in meinen Arbeiten immer auch auf die tieferen Strömungen unserer Zeit, Migration, wirtschaftliche Ungleichheit, Rassismus.

SPIEGEL: Vor einigen Monaten hat die "New York Times" die Zusammenarbeit mit Ihnen beendet...

Chappatte: ...das schmerzt mich sehr. Ausgerechnet während der Trump-Ära, in einer Zeit, in der wir Satire wahrscheinlich mehr denn je benötigen, verzichtet diese großartige Zeitung auf politische Karikaturen. Ich halte das für einen Akt der vorbeugenden Selbstzensur, als hätten die zuständigen Leute gesagt: Damit wir in Zukunft keine schwierigen Debatten mehr wegen einer Karikatur haben, lass uns auf Karikaturen gleich ganz verzichten.

SPIEGEL: Auslöser der Entscheidung war die heftige öffentliche Kritik an einer Karikatur, die zuerst in der portugiesischen Wochenzeitung "Expresso" erschienen ist. Darin ist der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu als Trumps Blindenhund dargestellt, am Hundehalsband hängt ein Davidstern, Trump trägt eine Kippa.

Chappatte: Es hieß, die Karikatur von António sei antisemitisch, die Aufregung war groß. Besonders gelungen finde ich die Zeichnung tatsächlich nicht. Sehr überrascht war ich allerdings von der Art, wie die "New York Times" auf die Empörung reagiert hat. Die Verantwortlichen haben den Angreifern die Führung der Diskussion überlassen, was man niemals tun sollte. Zuerst erklärte die Zeitung, keine Karikaturen aus anderen Blättern mehr zu übernehmen. Und einen Monat später bekam ich Post, dass man überhaupt keine politischen Cartoons mehr drucken wird und die Zusammenarbeit mit mir beendet.

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05.12.2022 15.44 Uhr

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SPIEGEL: Die Arbeit für die "New York Times" war für Sie ein Lebenstraum.

Chappatte: Ja, denn die "graue alte Dame" hatte jahrzehntelang keine politischen Karikaturen mehr gedruckt, und seit den Neunzigerjahren war es mein Ziel, das zu verändern. Es ist mir dann gelungen, regelmäßig für die "International Herald Tribune" zu arbeiten, die seit 2013 die internationale Ausgabe der "New York Times" ist. Meine Cartoons sind dann für die Webseiten der Zeitung auch ins Spanische und Chinesische übersetzt worden, ein großartiges Experiment zur Ausweitung der globalen Meinungsfreiheit. Bedenken Sie, in ganz China gibt es keinen einzigen politischen Karikaturisten, es ist unmöglich in diesem System.

SPIEGEL: Hatten Sie selbst einmal Probleme wegen eines Motivs?

Chappatte: Im Februar 2015 gab es viele empörte Reaktionen in den sozialen Medien auf eine Netanyahu-Karikatur von mir. Auf Einladung seiner republikanischen Freunde war der Ministerpräsident bei einem US-Besuch direkt in den Kongress gegangen, ohne Präsident Barack Obama zu besuchen. Mein Karikatur zeigte ein riesiges Plakat auf dem Rasen des Weißen Hauses mit der Aufschrift: "Demnächst hier: die Bibi-Siedlungen". Eine klare politische Aussage. In den sozialen Medien begann eine Welle von Kommentaren, die etwas Antisemitisches darin sehen wollten. Auf Twitter wurde die "New York Times" mit dem Propaganda-Apparat von Joseph Goebbels verglichen. Den anschwellenden Sturm verfolgte ich übers Wochenende mit einer gewissen Nervosität. Am Montag sagte mir mein damaliger Redakteur bei der "New York Times": "Warum zeichnest du nicht einfach einen anderen Cartoon zum selben Thema?" Wie ich diese ruhige und souveräne Haltung geliebt habe...

SPIEGEL: Ist Netanyahu ein besonders heikles Objekt für einen Karikaturisten?

Chappatte: Schwer zu sagen. Kritik an der israelischen Regierung berührt die Schnittstelle zwischen der ideologischen Auseinandersetzung und Fragen der politischen Korrektheit. Die Empfindlichkeit gegen möglicherweise antisemitische Äußerungen ist groß.

SPIEGEL: Nicht ohne Grund.

Chappatte: Antisemitismus gedeiht im Verborgenen. Wenn es dann zu einer Kontroverse kommt wie dem Streit um eine Karikatur, dann ist es wichtig, die Sache maximal auszuleuchten: Wer hat die Zeichnung angefertigt, worum geht es darin, was wird als anstößig empfunden? Das muss man gründlich diskutieren! Karikaturen können eine Debatte auslösen, das ist es, worin sie gut sind.

SPIEGEL: In Deutschland berufen sich viele auf einen Ausspruch des Schriftstellers Kurt Tucholsky: "Was darf die Satire? Alles." Sehen Sie das auch so?

Chappatte: Nein. Satire funktioniert nur als Austausch zwischen dem Autor und seinem Publikum. Humor ist stark kulturell geprägt und findet in einem gewissen Umfeld statt. Für den SPIEGEL zu arbeiten ist etwas anderes, als für ein satirisches Magazin zu zeichnen, die "New York Times" bietet ein anderes Umfeld als eine Lokalzeitung.

SPIEGEL: Der Karikaturist muss also auf sein Publikum Rücksicht nehmen?

Chappatte: Nicht in dem Sinne, dass er es schonen sollte. Aber der Satiriker muss wissen, wen er anspricht, so ist es bei jeder Kommunikation. In unserer Welt der globalisierten Kommunikation kann man dennoch leicht in Schwierigkeiten kommen. Denken Sie an die Tragödie des Attentats auf "Charlie Hebdo": Menschen sehen Werke, die nicht für sie gemacht sind und deren Botschaft sie nicht begreifen können. Und im schlimmsten Fall antworten sie mit brutaler Gewalt.

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