Karzai auf der Sicherheitskonferenz Change - bald auch am Hindukusch

Am letzten Tag der Sicherheitskonferenz dreht sich alles um Afghanistan - und um den Präsidenten Karzai. Vor internationaler Elite wehrt er sich gegen westliche Kritik. Doch hinter vorgehaltener Hand wird längst über seine Ablösung spekuliert.

Von Claus Christian Malzahn, München


München - Zu Beginn seiner Karriere trug Hamid Karzai bei internationalen Auftritten und "Photo-Opportunities" gern einen schillernden afghanischen Umhang. Der edle grüne Stoff verlieh dem Paschtunen eine geheimnisvolle Aura – und trug ihm nach seiner Wahl zum Präsidenten den Titel "bestangezogener Staatsmann der Welt" ein.

Afghanistans Präsident Karzai: Heute trägt er schwarz
REUTERS

Afghanistans Präsident Karzai: Heute trägt er schwarz

Jetzt steht Hamid Karzai auf dem grell ausgeleuchteten Podium der Sicherheitskonferenz in München vor Politikern aus aller Welt – und trägt schwarz. Sein Bart ist grau, die wenigen Haare, die ihm auf dem Charakterschädel noch geblieben sind, schneeweiß.

Hamid Karzai, der Präsident Afghanistans, hat den gefährlichsten und undankbarsten Job der Welt. Im Blitzlichtgewitter des "Bayerischen Hofs" wirkt er müde. Vielleicht liegt das am Jetlag. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass er die Rede, die er gleich halten wird, langsam selbst nicht mehr hören kann.

Denn in den Reden, die er seit seiner ersten Wahl im Sommer 2002 vor internationalem Publikum immer wieder hält, behauptet Karzai im Prinzip immer dasselbe: Immer mehr Kinder in Afghanistan gehen zur Schule. Die Frauen und Mädchen genießen mehr Freiheiten. Immer mehr Krankenhäuser werden errichtet. Immer mehr Straßen werden gebaut. Immer mehr Polizisten gehen in Dienst. Immer mehr Soldaten sorgen für Sicherheit.

Karzai schluckt manchmal, wenn er spricht, unter den prominenten Zuhörern herrscht Stille. Der Auftritt hier macht ihm sichtlich keinen Spaß. Im Auditorium sitzen EU-Chefdiplomaten, Nato-Funktionäre, Außenminister, Abgeordnete. Sie kommen aus aller Welt. Sie sorgen dafür, dass Karzais Regierung im Sattel bleibt, sie schicken Soldaten an den Hindukusch. Sie kennen Karzais Rede. Sie haben sie schon oft gehört.

Manche können sie nicht mehr hören.

Denn in Afghanistan gibt es immer mehr terroristische Angriffe auf westliche Truppen. Es wird immer mehr Mohn angebaut. Die Taliban beherrschen immer größere Landstriche. Und die Bevölkerung klagt über immer mehr Korruption.

Karzai weiß, dass seine Zuhörer ihm kaum noch glauben. Die bösen Worte vom "Bürgermeister von Kabul", vom "König ohne Land" begleiten ihn seit Jahren wie hämische Schatten. Aber war das vielleicht seine Idee, die internationale Hilfe in den ersten Jahren seiner Herrschaft auf Kabul zu konzentrieren und das Land links liegen zu lassen? Er hat gewarnt, keiner hat auf ihn gehört. "2001 sind Taliban und al-Qaida geflohen. Jetzt ist die Bedrohung zurück!"

Nein, manche Vorwürfe kann er wirklich nicht mehr hören. Müsste die Polizeiausbildung nicht besser sein, fragt ein Professor, Schwerpunkt International Affairs, aus dem Publikum. "Es ist doch nicht so, dass die Polizisten keine Opfer bringen!", erwidert Karzai. Erst am Samstag haben die Taliban wieder 21 seiner Ordnungshüter in die Luft gejagt. 21 Mann weniger. 21 Gründe weniger, Polizist in Afghanistan zu werden.

"Was bringt der Westen denn für Opfer?", hat einer von Karzais engsten Vertrauten einmal wütend in kleiner Runde im Kabuler Palast gesagt. So etwas hört man in München natürlich nicht. Karzai sagt lieber Sätze wie: "In der Vergangenheit haben wir alle Fehler gemacht. Das müssen wir analysieren, damit wir in Zukunft die Dinge besser regeln."

Die Hilflosigkeit steht ihm angesichts solcher Worthülsen ins Gesicht geschrieben. Karzai wirkt wie ein Wahlkämpfer auf verlorenem Posten, wie einer, der weiß, dass er nicht mehr gewinnen kann. Für Karzai geht es hier in München nicht mehr darum, was künftig in Afghanistan passieren wird – sondern wie man sich auf diplomatischem Parkett an ihn erinnert. Egal ist ihm der Eintrag im Geschichtsbuch nicht. Auch afghanische Präsidenten sind eitel. Und Präsidenten, die früher Modewettbewerbe gewonnen haben, sowieso.

Doch die internationale Elite, die Karzai vor mehr als acht Jahren, im Dezember 2001, auf der Petersberger Konferenz in Bonn aufs Schild gehoben hat, will im Februar 2009 in München eigentlich nichts mehr von ihm wissen. Manche Konferenzteilnehmer ahnen, dass seine Ablösung nur eine Frage der Zeit ist. Die Obama-Administration suche noch nach einem geeigneten Nachfolger. In der Kaffeepause, 3,50 Euro pro Tasse, werden schon Kandidatennamen geflüstert.

Karzai kennt diese Gerüchte natürlich, seine Zuhörer im Auditorium kennen sie auch, und all das Gemurmel vor und nach seinem Auftritt trägt nicht dazu bei, dass er ernster genommen wird. Immerhin hat er seinen Job überlebt. Die Taliban haben ein paar Mal versucht, ihn umzubringen, in Kandahar hätten sie es fast einmal geschafft. Dass er noch lebt, ist das eigentliche afghanische Wunder – Benazir Bhutto, die pakistanische Hoffnungsträgerin und in gewisser Weise Karzais politische Zwillingsschwester in der Region, wurde bereits im Wahlkampf ermordet. Wenn Karzai Besucher empfängt, bittet er sie manchmal beim Abschied, "für mich zu beten".

Natürlich hat Karzai Fehler gemacht, jede Menge sogar: Die Vorwürfe reichen von Vetternwirtschaft über Geldverschwendung bis hin zu nachlässiger Führung. Seine Armee funktioniert immer noch nicht richtig, ohne die Nato-Truppen wäre Karzai nur noch ein paar Wochen im Amt.

Münchner Sicherheitskonferenz
Geschichte
Seit 1962 diskutieren jeden Februar in München internationale Vertreter von Politik, Militär, Rüstung und Wissenschaft über Sicherheitsfragen. Es ist das weltgrößte Treffen dieser Art. Gegründet wurde es vom deutschen Verleger Ewald von Kleist als Wehrkundetagung, seit 2008 heißt sie Münchner Sicherheitskonferenz . Sie findet im Hotel Bayerischer Hof statt; wegen scharfer Proteste sind alljährlich Tausende Polizisten im Einsatz.
Leitung
Von 1999 bis 2008 leitete Horst Teltschik , CDU-Politiker und Vertrauter von Ex-Kanzler Helmut Kohl, die Konferenz. 2009 hat der ehemalige Diplomat Wolfgang Ischinger das Amt übernommen.
Ziele
Im Vordergrund steht das Gespräch. Die Konferenz ist vor allem berühmt für inoffizielle hochkarätig besetzte Treffen in Nebenzimmern und auf den Fluren. Ein offizielles Papier wird in München nicht verfasst: keine Beschlüsse, kein Abschlusskommuniqué.

"Wir sind sehr beunruhigt, die Dinge entwickeln sich nicht gut!", eröffnet der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski die letzte Podiumsdiskussion der Konferenz. Es geht noch immer um Afghanistan, das größte Nato-Projekt unserer Zeit, und wenn es schiefgeht, vielleicht auch das letzte Unternehmen dieser Art.

Und natürlich geht es um Karzai, auch wenn sein Name nicht fällt. Nach Karzais Rede wirkt die Runde fast wie ein Tribunal. Neben Sikorski sitzen zu Gericht sein pakistanischer Amtskollege Makhdoom Qureshi, der britische sowie der kanadische Verteidigungsminister John Hutton und Peter MacKay, US-General David H. Petreaus, der am Hindukusch jetzt den internationalen Oberbefehl führt, und Richard Holbrooke, Obamas Sondergesandter für Afghanistan aus Washington. Für die Afghanen spricht ein Sicherheitsberater. Karzai hat keine Chance.

Die vier Sterne auf den Schulterklappen von Petreaus funkeln angriffslustig im Scheinwerferlicht, als der General seine Rede vom Blatt abliest. Er wiederholt noch einmal das afghanische Sündenregister: Mohn, Terror, Taliban. Das Land sei noch nie freundlich zu ausländischen Kräften gewesen, deswegen nenne man den Hindukusch ja auch Friedhof der Großmächte. Das müsse sich jetzt ändern.

Und dann hält Petreaus seine erste Change-Rede zu Afghanistan, da klingt er ganz wie die Stimme seines Herrn. Alles soll jetzt besser werden: mehr Vertrauen zwischen Truppen und Bevölkerung, mehr Sicherheit, mehr Respekt – mehr Kampftruppen gegen die Taliban, aber auch mehr Hilfe beim zivilen Aufbau.

Diese Rede wird General Petreaus noch oft halten, wie weiland Präsident Karzai. Jetzt sind es noch ganz frische Töne. George W. Bush hatte im Herbst 2001 ausdrücklich untersagt, dass seine Soldaten irgend etwas mit "Nation-Building" zu tun haben sollten. Nun soll die US-Armee den "Respekt und die Unterstützung der Bevölkerung" in Afghanistan verdienen.

Hamid Karzai hat diese Achtung vor seinem Volk von den Alliierten immer gefordert, in fast jeder Rede, jedem Gespräch, jedem Interview, seit er im Amt ist. Nun stehen die Amerikaner vor einem Strategiewechsel in Afghanistan und Karzai vielleicht vor dem politischen Aus. Sein müdes Gesicht passt nicht zum neuen Kurs.

Vielleicht erinnert Karzai aber auch zu viele westliche Staatsmänner daran, was sie falsch gemacht haben in Afghanistan.

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Seite 1
Beutz 06.02.2009
1.
Zitat von sysopAußenminister Steinmeier eröffnet heute die Sicherheitskonferenz in München. Er fordert eine gesamteuropäische Sicherheitsarchitektur, die auch Russland mit einschliessen müsse, sowie neue Anstrengungen bei der Abrüstung. Was denken Sie - kann die Konferenz dazu beitragen, Konflikte zu mindern?
Richtig währe es die Konferenz auszusetzen bis man eine vernünftige Besetzung derselben zusammen hat. Betroffene zum Beispiel und nicht immer diese Komplettversager die von Konferen zur nächsten geschäftig eilen um die nächste Konferenz vorzubereiten. Also um auf die Frage einzugehen: Nein durch diese Konferenz werden keine Koflikte gelöst werden können. Dazu braucht es echte Denker! Obama lässt ein kleines bisschen hoffen. Liebe Grüße.
stonecold, 06.02.2009
2.
Zitat von sysopAußenminister Steinmeier eröffnet heute die Sicherheitskonferenz in München. Er fordert eine gesamteuropäische Sicherheitsarchitektur, die auch Russland mit einschliessen müsse, sowie neue Anstrengungen bei der Abrüstung. Was denken Sie - kann die Konferenz dazu beitragen, Konflikte zu mindern?
Wenn sich denn alle mal gegenseitig wirklich zuhören würden, anstatt einfach ihre vorher festgelegten Linien zu fahren, wäre das schon mal ein Anfang- die Wahrscheinlichkeit ist allerdings nicht allzu hoch.
Beutz 06.02.2009
3.
Zitat von BeutzRichtig währe es die Konferenz auszusetzen bis man eine vernünftige Besetzung derselben zusammen hat. Betroffene zum Beispiel und nicht immer diese Komplettversager die von Konferen zur nächsten geschäftig eilen um die nächste Konferenz vorzubereiten. Also um auf die Frage einzugehen: Nein durch diese Konferenz werden keine Koflikte gelöst werden können. Dazu braucht es echte Denker! Obama lässt ein kleines bisschen hoffen. Liebe Grüße.
Jetzt ist es soweit: ich antworte mir selber;-) Man sollte unsere Kinder fragen! Liebe Grüße.
Ghanima22 06.02.2009
4.
Zitat von sysopAußenminister Steinmeier eröffnet heute die Sicherheitskonferenz in München. Er fordert eine gesamteuropäische Sicherheitsarchitektur, die auch Russland mit einschliessen müsse, sowie neue Anstrengungen bei der Abrüstung. Was denken Sie - kann die Konferenz dazu beitragen, Konflikte zu mindern?
Das ist gar nicht der Punkt, sie koennte es wenn alle daran ein Interesse haetten was ja wohl nicht der Fall ist. Im wesentlichen werden die Teilnehmer ihre Positionen darlegen, wobei es interessant ist zu sehen das sich die deutsche Bundeskanzlerin bemueht Deutschland in der aussenpolitischen Bedeutungslosigkeit zu halten waehrend sich der Vizekanzler um das Gegenteil bemueht.
Hypotheker, 06.02.2009
5.
Steinmeier (schlechter Schröder Imitator)wird ab Oktober nicht mehr Außenminister sein. Daher kann er fordern und fördern was er möchte. Er ist, war und wird immer ein Lame Duck bleiben.
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