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03. Dezember 2011, 18:20 Uhr

Karzai im SPIEGEL-Interview

"Die Bundeswehr könnte für immer hier bleiben"

Die westlichen Truppen werden aus Afghanistan abziehen, doch das Land braucht auch danach noch Hilfe, sagt Präsident Karzai im Gespräch mit dem SPIEGEL. Besonders willkommen sind ihm die Deutschen - und das sogar militärisch: Die Bundeswehr dürfe gern länger bleiben.

Hamburg - In einem ist sich Präsident Hamid Karzai sicher: Afghanistan benötigt nach dem geplanten Truppenabzug der Nato im Jahr 2014 noch mindestens zehn Jahre lang finanzielle Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft.

Vor allem Hilfe beim weiteren Aufbau der Armee, der Polizei und der staatlichen Institutionen sei vonnöten, sagte Karzai im Gespräch mit dem SPIEGEL. Noch immer gebe es massive Probleme bei der Sicherheitslage im Land. "Wir sind leider daran gescheitert, Sicherheit und Stabilität für alle Afghanen zu schaffen", gestand der Präsident, "das ist unser größtes Versagen." Er stelle den Truppenabzug gleichwohl nicht in Frage.

Die Bundeswehr sei bei den Afghanen von allen Isaf-Einsatzkräften am beliebtesten und "herzlich willkommen, uns auch nach 2014 zu helfen". "Aus unserer Sicht könnte die Bundeswehr für immer hier bleiben - aber das ist eine deutsche Entscheidung", so Karzai.

Sein Land stehe derzeit "mehr denn je an der Frontlinie" im Kampf gegen den Terrorismus, "Wenn wir diesen Kampf verlieren, droht uns allen ein Rückfall in eine Situation wie vor dem 11. September 2001", so die Mahnung des Präsidenten. Der britische "Guardian" hatte berichtet, die afghanischen Sicherheitskräfte sähen einer Finanzierungslücke von vier Milliarden Dollar entgegen. Eine Übereinkunft darüber, wie die Finanzierungslücke geschlossen werden soll, wird frühestens für den Nato-Gipfel im nächsten Sommer in Chicago erwartet.

"Pakistan verweigert jede Hilfe"

Scharfe Kritik übte Karzai an der Haltung Pakistans. "Bisher haben sie leider jede Hilfe beim Zustandekommen von Verhandlungen mit der Taliban-Führung verweigert", sagte Karzai. Bestimmte Kreise dort wollten sich durch die Taliban auch künftig Einfluss in Afghanistan sichern. "Solange sich das nicht ändert, wird es wohl keine Gespräche geben."

Die "Bild"-Zeitung berichtete am Samstag unter Bezugnahme auf einen französischen Geheimdienstbericht vom Februar, der pakistanische Militärgeheimdienst ISI arbeite direkt mit Aufständischen in Afghanistan zusammen. Es gebe außerdem Hinweise darauf, dass Pakistan und der Iran ein gemeinsames Zentrum planten, um Geld und Training für die Aufständischen zur Verfügung zu stellen.

Die Haltung Pakistans belastet auch die internationale Afghanistan-Konferenz in Bonn. Pakistan hatte seine Teilnahme an der am Montag beginnenden Veranstaltung abgesagt. Grund des Boykotts ist ein Nato-Luftangriff im Grenzgebiet zu Afghanistan, bei dem am 25. November mindestens 24 pakistanische Soldaten getötet wurden.

Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, warnte angesichts der Absage vor einem Scheitern des Treffens: "Afghanistan und Pakistan - das ist ein Thema. Insofern macht es kaum Sinn, eine Konferenz durchzuführen, bei der das wichtigste Land, das außerdem noch die Atomwaffe hat, nicht dabei ist", sagte Kirsch der Online-Ausgabe der "Mitteldeutschen Zeitung".

Karzai, der die Konferenz am Montag leiten wird, war bereits am Freitagabend in Bonn zu ersten Gesprächen mit Außenminister Guido Westerwelle (FDP) zusammengetroffen.

Kein Vertrauen in die Regierung Karzai

Der frühere Verteidigungsminister Peter Struck sieht die Entwicklung Afghanistans mit Sorge. "Mein Vertrauen in die Regierung Karzai ist verschwunden", sagte der SPD-Politiker in Bonn. Der afghanischen Zivilgesellschaft und couragierten Bürgern komme deshalb eine bedeutende Rolle zu. Die Menschen in Afghanistan könnten sich bei ihrem Engagement auf die politischen Stiftungen in Deutschland verlassen, versicherte der Vorsitzende der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. "Wir lassen Sie nicht allein."

Insgesamt wurden 34 Vertreter der afghanischen Zivilgesellschaft nach Bonn entsandt, die in einem zweitägigen Diskussionsforum ihre Ideen zur Zukunft Afghanistans vorstellen. Bei den Delegierten handelt es sich um 18 Männer und 16 Frauen verschiedener Altersgruppen und Herkunft, Vertreter von Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften, Wirtschaftsverbänden und Medien.

Nach Schätzungen der afghanischen Behörden und internationaler Hilfsorganisationen leiden 2,6 Millionen Afghanen nach einer der schlimmsten Dürren des Jahrzehnts Hunger. 14 der 34 Provinzen des Landes sind betroffen, alle liegen im Norden.

ala/dapd/dpa

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