Karzais Ausfälle gegen den Westen Der Freund feuert zurück

Was ist in Hamid Karzai gefahren? Der afghanische Präsident vergrätzt den Westen, der ihm seine Macht garantiert. Er fühlt sich beleidigt und provoziert, jetzt sucht er neue Allianzen, um einen Nato-Abzug politisch zu überstehen - die Beziehung zu den USA ist wohl nicht mehr zu kitten.
Hamid Karzai: Was beabsichtigt der einst so enge Freund?

Hamid Karzai: Was beabsichtigt der einst so enge Freund?

Foto: SHAH MARAI/ AFP

Ist Hamid Karzai verrückt geworden, wie es langjährige Weggefährten des afghanischen Präsidenten in diesen Tagen fürchten?

Zweimal in nur drei Tagen verstörte der afghanische Präsident seine westlichen Verbündeten mit provozierenden Kommentaren. Erst behauptete er, "Ausländer" steckten hinter dem massiven Wahlbetrug bei den Präsidentschafts- und Provinzratswahlen im September. Dann kündigte er an, zu den Taliban überzulaufen, wenn er weiter international politisch unter Druck gesetzt werde.

Was ist passiert mit dem charmanten Staatschef, dem ehemaligen Liebling des Westens im schicken Seidenmantel und mit dem eleganten Englisch?

Hamid Karzai ist zuallererst ein typischer Paschtune: stolz, machtbewusst, aber auch empfindlich. Die Amerikaner haben ihn beleidigt, immer wieder, und das ist für ihn unverzeihlich. "Wir sind arm, aber wir sind eine stolze Nation. Ich bin kein Knecht eines Kolonialregimes, kein Marionetten-Präsident, lieber sterbe ich." So redet Karzai, wenn er mit Freunden sitzt. So sieht er die Welt.

Verhalten sich so Freunde?

Zuletzt fühlte sich der 52-Jährige von US-Präsident Barack Obama durch dessen Blitzbesuch vor zwei Wochen in Kabul öffentlich desavouiert. Nach Obamas Abreise stand in der von Karzai wenig geschätzten "New York Times", der US-Präsident sei nur gekommen, um dem afghanischen Regierungschef Vorhaltungen wegen seiner schlechten Regierungsführung zu machen. Im Weißen Haus denke man schon darüber nach, den lange geplanten Staatsbesuch des Afghanen im Mai in Washington abzusagen.

Verhalten sich so Freunde? Die Beziehung zwischen den USA und dem Paschtunen ist zerrüttet - und wohl nicht mehr zu kitten.

Es kriselt schon seit dem Ende der Amtszeit von George W. Bush. Da drohte die damalige Außenministerin Condoleezza Rice Karzai telefonisch, man werde den Afghanen nicht mehr unterstützen, wenn er weiter die USA wegen getöteter Zivilisten kritisiere, die im Kampf gegen die Taliban zwischen Fronten geraten waren.

Karzai kritisierte weiter.

Es gab die Wahlkrise, und anstatt als Wahlfälscher Abbitte zu leisten, glaubt sich der zornige Karzai bis heute um den klaren Sieg betrogen. Die ständige und nie aufgelöste Affäre um seinen Bruder Ahmad Wali, der des Drogenhandels verdächtigt wird, betrachtet er als persönlichen Angriff auf die eigene Familie und die anhaltenden Anschuldigungen gegen seine korrupte Regierung als Attacke auf seine Integrität.

Auf den Tisch geworfene Servietten und laute Töne

Schon mehrfach endeten Dinner und Lunch-Meetings im Kabuler Palast mit höchsten Vertretern der neuen US-Regierung abrupt - mit auf den Tisch geworfenen Servietten und lauten Tönen. Nur zu Außenministerin Hillary Clinton pflegt Karzai noch ein einigermaßen herzliches Verhältnis.

Vertraute meinen, Karzai sei von Rachegelüsten gegen die USA getrieben und inzwischen womöglich sogar bereit, für seine Genugtuung das Land ins Chaos zu stürzen. Er selbst beabsichtigt aber sicher etwas anderes.

Seit immerhin mehr als acht Jahren regiert er und hat viele politische Feinde und Fehden überlebt. Und auch jetzt organisiert er sein politisches Überleben für die Zeiten des Übergangs.

Der Staatschef weiß: Die westlichen Verbündeten wollen ihre Truppen möglichst bald aus seinem Land abziehen. Die fremden Soldaten jedoch garantieren seine Macht. Deshalb muss sich der afghanische Präsident rechtzeitig neue Verbündete suchen - und zwar diejenigen, die auch dann noch da sind, wenn der Westen mit seinen Schutztruppen fort ist.

Er will nicht in Bedeutungslosigkeit enden oder tragisch wie der einst von der Sowjetunion gestützte und dann grausam von den Taliban massakrierte Präsident Nadschibullah.

Andere Optionen sind nicht in Sicht

Die Taliban werden weiter da sein und auch die schwierigen Nachbarn Afghanistans - Iran, Pakistan, China. Mit ihnen baut Karzai derzeit neue Verbindungen auf - ausdrücklich an den USA vorbei.

Wie hätte Karzai seine politische Unabhängigkeit besser demonstrieren können als mit der Vergabe der Abbaurechte für die größte Kupfermine der Region an die Chinesen - gegen den massiven Widerstand der USA? Oder mit der ehrenvollen Verabschiedung seines Staatsgasts aus Iran, Präsident Mahmud Ahmadinedschad, während Obama gerade in Kabul einflog?

Sie mögen sich nicht mehr, der ehemals so umgarnte Paschtune und die USA. Aber die kommenden paar Jahre sind sie noch angewiesen aufeinander, auf Gedeih und Verderb. Karzai wird weiter durch seinen Flirt mit den Taliban provozieren, und die USA werden ihm mit dem Ende ihrer Unterstützung drohen.

Das Bündnis bleibt bestehen, bis sich für den einen oder anderen eine neue politische Option auftut. Aber die ist nicht in Sicht. Noch lange nicht.

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