Kasachstan Jäger des schwarzen Schatzes

Auf den ersten Blick scheint Kasachstan größtenteils unwirtliche Steppe zu sein. Im Boden des größten zentralasiatischen Staates schlummert allerdings ein gigantischer Schatz. Doch eine machthungrige Clique bereichert sich hemmungslos am Öl. Ein Land zwischen Schmierstoff und Schmiergeld.

Aus Almaty berichtet Lars Langenau


Pipeline am Tengis-Feld: Kasachstan will zu den größten Erdölexporteuren aufschließen
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Pipeline am Tengis-Feld: Kasachstan will zu den größten Erdölexporteuren aufschließen

Dave Madison ist begeistert. Der Amerikaner lehnt lässig an einer Tischkante in der Chefetage des glitzerndsten Gebäudes der kasachischen Boomcity Atyrau am Kaspischen Meer. Der Statthalter der US-Ölgesellschaft Chevron schwärmt von dem "wunderschönen Öl", das in der Nähe gefördert wird. Das Ölfeld Tengis sei einfach "ein Honigtopf".

3300 Menschen stehen in Tengis unter Madisons Kommando. Wie der Kraftstoff aus den Fördertürmen seiner Firma sprudeln Zahlen aus ihm heraus: Tengis sei mit einem Potenzial von bis zu neun Milliarden Barrel Öl eines der größten Felder der Welt. Auch Gas gebe es in dem Land en masse. Ja, man streiche sehr hohe Gewinne ein. Und nein, man engagiere sich auch ohne Druck der Staatsmacht in sozialen und kulturellen Dingen.

Zentralasien: Unser Redakteur Lars Langenau berichtet aus Kasachstan, Usbekistan und Tadschikistan.
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Zentralasien: Unser Redakteur Lars Langenau berichtet aus Kasachstan, Usbekistan und Tadschikistan.

ChevronTexaco besitzt 50 Prozent an dem Unternehmen Tengizchevroil, weitere 25 Prozent gehören der US-Firma ExxonMobil. Die Kasachen seien an dem 1993 geschlossenen Deal nur mit 20 Prozent beteiligt. Bei der Frage nach den Vertragsbedingungen verzieht Askar Aubakirow keine Miene. Der Vize-Direktor des Staatsunternehmens KazMunaiGas in Atyrau ist der kasachische Gegenspieler von Madison. Er residiert in einem schäbigen Gebäude aus der Sowjetzeit, in der Mitte des schlichten Besprechungszimmers stehen Plastikblumen.

Doch der erste Eindruck von Armseligkeit täuscht. Sein Arbeitgeber ist Herr über landesweit 37 Ölförderplätze. Und jenseits des persisch-arabischen Golfes verfügt niemand anderes über solche Erdölvorkommen wie die ehemaligen Nomaden vom Turkvolk der Kasachen. Erst vor vier Jahren wurde in Kaschgan das weltweit fünftgrößte Ölreservoire entdeckt. In den kommenden 15 Jahren will das Land zu den führenden Erdöl-Exporteuren der Welt aufschließen. Bereits in diesem Jahr stieg Kasachstan, noch vor Saudi-Arabien, zum fünftwichtigsten Öllieferanten Deutschlands auf. Aubakirow hat allen Grund gelassen zu bleiben.

Längst wird zwischen den USA, China und Russland eine unblutige Schlacht ums "Kaspi-Öl" geschlagen. Die Mächtigen buhlen mit viel Geld und politischem Druck um Einfluss in dem Land, das so groß wie Westeuropa ist, aber über weniger Einwohner als die Niederlande verfügt.

Beeindruckende Wachstumsraten

Präsident Nasarbajew: Vom KP-Chef mit starker Hand zum allmächtigen Präsidenten
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Präsident Nasarbajew: Vom KP-Chef mit starker Hand zum allmächtigen Präsidenten

In der jungen Hauptstadt Astana, die übersetzt auch einfach nur Hauptstadt heißt, findet Außenminister Kasymzhomart Tokajew stolze Worte für die rasante Wirtschaftsentwicklung seines Landes: Er spricht von dem schwierigen Transformationsprozess nach der unfreiwilligen Unabhängigkeit der zentralasiatischen Sowjetrepublik von Mütterchen Russland im Jahre 1991. Von einer Zeit in der es keine Steuern, keinen Zoll, keine Armee gab. Dann kommt er zu den vergangenen fünf Jahren, in denen das Bruttoinlandsprodukt jährlich um rund zehn Prozent wuchs und den Kasachen den höchsten Lebensstandard in Zentralasien garantiert.

Das Finanzsystem des jungen Staates wird weltweit von Experten gelobt: Es verfügt über eine stabile Währung, über eine moderate Inflation, über ein liberales Devisen- und Außenhandelsregime und konnte sogar vorzeitig seine Schulden an den Internationalen Währungsfond zurückzahlen.

Lediglich die geringe Einwohnerzahl von 15 Millionen, sagt der Außenminister, dämpfe den Aufstieg des Landes. Der Mangel an Menschen ist in Astana zu erleben, die Hauptstadt wirkt wie eine verlassene Raumstation. Und doch entsteht hier gerade einer der größten Regierungsbezirke der Welt. Seelenlose, gläserne Hochhäuser und überdimensionale Prunkbauten werden da in die Steppe gestampft. Die Baubranche ist von Steuern und damit von allen Zügeln befreit.

Astana: Überdimensioniertes Regierungsviertel im Aufbau
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Astana: Überdimensioniertes Regierungsviertel im Aufbau

Astana scheint mit aller Kraft und allem Glitzer zeigen zu wollen, wie es sich mit dem Verkauf von täglich mehr als 400.000 Barrel Öl pro Tag leben lässt. Eine kilometerlange Achse zieht sich von dem opulenten, im poststalinistischen Zuckerbäckerstil errichteten Hauptsitz der Ölgesellschaft KazMunaiGas zum Parlamentsgebäude, dessen Ausmaße diametral seinen Machtbefugnissen entgegensteht. In der Mitte ragt ein graziler Aussichtsturm in Form einer Ähre empor, der von den wuchtigen Mausoleen des Verteidigungs- und Außenministerium flankiert wird.

All die Bauten sind ein Vorgeschmack auf den großen Sprung nach vorn. Den hatte der allmächtige Präsident und langjährige KP-Chef Nursultan Nasarbajew unter dem Slogan "Kasachstan 2030" dem Land verordnet - eine Art Schrödersches Reformprojekt 2010 auf Kasachisch.

Kasachstans Staatsdiener loben die starke Hand des Präsidenten. Autoritäre Regime wie Malaysia, Singapur oder Pinochets Chile gelten ihnen als leuchtende Vorbilder für die Entwicklung des Landes. Erst komme, so der Tenor, die wirtschaftliche Entwicklung, dann lange erstmal nichts und vielleicht einmal eine demokratische Weiterentwicklung. Geld verdienen ist in Kasachstan zu einer selbstständigen Ideologie geworden - die den Kommunismus besiegt hat. Der Mammon feiert fröhliche Urstände.

Wo bleibt das Geld?

Zentrale von KazMunaiGas in Astana: Größenwahnsinniger Hauptsitz
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Zentrale von KazMunaiGas in Astana: Größenwahnsinniger Hauptsitz

"Der Aufschwung ist nur in den Statistiken angekommen - nicht aber beim Volk", kritisiert Raulischan Rakinarow, 38. Die Spitzenkandidatin der Partei Demokratische Wahl Kasachstan in Almaty empfängt Besucher in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung eines unauffälligen Mietshauses in der ehemaligen Hauptstadt, die ihr bis vorgestern als Wahlkampfzentrale diente. Sie verlangt Demokratie jetzt - und nicht irgendwann in ferner Zukunft. Leidenschaftlich schimpft sie über eine Demokratie, die diesen Namen nicht verdiene.

"Wo bleibt das Geld aus den Ölgeschäft?", fragt auch die oppositionelle Partei Ak Zhol ("Heller Pfad"). "Warum muss die Mehrheit der Bürger Kasachstans von der Hand in den Mund und ein Drittel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben?" Zu den wichtigsten Finanzpartner des Landes gehörten neben Russland jahrelang die Steuerparadiese der Bermudas oder die British Virgin Islands - in der Schmiergeld-Statistik von Transparency International besetzt Kasachstan weiterhin einen Spitzenplatz.

Alles beherrschende Korruption

Sergeij Duwanow, 51, könnte ein Lied davon singen. Der Journalist wurde kürzlich nach fast zwei Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Die Spuren der Haft kann er in seinem ausgemergelten Zustand nicht verbergen. Duwanow hatte von mindestens 78 Millionen Dollar auf Schweizer Nummernkonten berichtet, die nach Recherchen von Seymour Hersch vom "New Yorker" als Schmiergelder aus einer großen Öltransaktion Präsident Nasarbajew zugeflossen sein sollen. Um die Aufklärung der genauen Hintergründe von "Kasachgate" bemüht sich gerade die US-Staatsanwaltschaft, die gegen den amerikanischen Geschäftsmann James Giffin ermittelt, der als Mittelsmann gedient haben soll.

Doch in Kasachstan wurde, anstatt wegen Korruption gegen den Präsidenten, gegen Duwanow ein Prozess eröffnet - wegen der Vergewaltigung einer 14-Jährigen. In einem nach Einschätzung der OSZE höchst fragwürdigen Prozess wurde er zu dreieinhalb Jahren verurteilt. "Persönlich", sagt er leise, "könnte ich dem Präsidenten verzeihen, aber nicht, dass er dieses System der illegalen Bereicherung etabliert hat."

Monarchische Erbfolge?

Doch mit ihren Klagen dringen die Oppositionellen beim Volk kaum durch: Bei öffentlichen Auftritten wird ihnen der Strom unwiederbringlich abgestellt und die Massenmedien bleiben ihnen versperrt. Allerdings befinden die sich eh in den Händen der Familie Nasarbajew oder sind willfährige Diener des Staates. Offiziell gibt es keine Pressezensur, doch plötzlich tauchen komplett gefälschte Tageszeitungen auf, in denen die Opposition ihrem Kurs abschwört und dem Präsidenten huldigt. Oder unabhängige Medien werden durch konstruierte Gerichtsverfahren in den finanziellen Ruin getrieben.

Bei den von der OSZE kritisierten Parlamentswahlen am vergangenen Sonntag wurde die erst kürzlich gegründete Partei Asar ("Zusammen") drittstärkste Kraft. Sie ist die Machtbasis der Präsidententochter Dariga, die in einer Art Abendbrotdemokratie die Interessen des Vaters und seiner Regierungspartei Otan ("Vaterland") unterstützt. Ihr Programm? "Wir machen nicht, wie die anderen Parteien, unsere Gegner schlecht."

Dariga, sagen Beobachter, könnte in drei Jahren ihrem Vater im Präsidentenamt nachfolgen. Das Volk würde wohl nicht noch einmal gegen diese monarchische Erbfolge rebellieren. Die Mehrheit ist der Meinung, dass die herrschende Elite ruhig an der Macht bleiben kann. Schließlich habe sie sich die Taschen schon voll gesteckt. Warum, fragen die Menschen, sollte wir also die wählen, die das wieder tun würden?



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