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12. März 2019, 11:26 Uhr

Pulverfass Kaschmir

Hoffnungslos im Himalaya

Von und Fahad Shah, Bangalore und Srinagar

Der Kaschmir-Konflikt hat die Atommächte Indien und Pakistan an den Rand eines Krieges gebracht. Die Folge: Das Leben der Bewohner aus dem indischen Teil ist noch gefährlicher geworden.

Der Fahrer sagte, sie sollten still sein und auf keinen Fall das Licht einschalten. Und so, im Dunkeln, schweigend und aneinandergedrückt, fuhren sie durch die Nacht. Im Wagen saßen Junaid und ein paar weitere Studenten. Am Morgen versteckten sie sich in einer Moschee, von dort aus ging es weiter mit dem Bus. Am Tag darauf erreichten sie schließlich ihr Ziel: Srinagar, eine Stadt im indisch kontrollierten Teil Kaschmirs.

Junaid ist 20 Jahre alt, er studiert im indischen Dehradun, aber er ist im Bundesstaat Jammu und Kaschmir geboren. Seinen Nachnamen will er aus Angst nicht nennen. Er ist einer von ein paar Tausenden, die in den letzten Wochen nach Kaschmir zurückkehrten, weil sie anderswo um ihr Leben fürchteten.

Denn als die Krise zwischen Indien und Pakistan unlängst zu eskalieren drohte, als Bomben fielen und Schüsse, als es kurz so aussah, als könnte es womöglich Krieg geben - da kam es in vielen Teilen Indiens zu hässlichen Szenen.

Vielerorts gingen wütende Mobs auf Kaschmirer los. Erst am Mittwoch tauchte ein Video auf, das zeigt, wie zwei radikale Hindus einen Händler mit einem Stock bedrohen und verprügeln.

"Hunde sind erlaubt, aber keine Kaschmirer"

Auch ein Foto eines Schildes, das ein Ladenbesitzer aufgehängt hatte, machte im Internet die Runde: "Hunde sind erlaubt, aber keine Kaschmirer", stand darauf. Universitäten schlossen kaschmirische Studenten zeitweise vom Unterricht aus.

Als auch vor Junaids Wohnung eine wütende Menge aufzog, verließ er - zum Teil unter Polizeischutz - mit 70 weiteren Personen die Stadt, erzählt er. Ein anderer Student namens Azhar Ahmad, der ebenfalls nach Srinagar gekommen ist, berichtet, wie ihm eine Gruppe Jugendlicher mit einer Stange auf den Kopf geschlagen habe. "Die Wunde musste mit sechs Stichen genäht werden."

Seit mehr als 70 Jahren streiten Indien und Pakistan um Kaschmir. Beide Länder haben die Kontrolle über einen Teil der Himalaya-Region. Die jüngsten Attacken drohen, ein Problem zu verstärken, das vor allem im indischen Teil schon lange brodelt: Viele Kaschmirer, die sowieso Unmut gegen die Regierung hegen, werten die Übergriffe als weiteren Beweis dafür, dass die Regierung ihre Heimat lediglich als ein Stück Land ansieht, aber ihr die Bewohner egal sind. Und andere, wie Junaid, beginnen zu glauben: Wenn die uns nicht wollen, dann wir sie auch nicht.

Mit der Wut wächst die Gefahr der Radikalisierung

Für Kaschmir und auch Indien sind solche Gedanken gefährlich. Wenn die Wut wächst, dann auch die Gefahr einer weiteren Radikalisierung. Denn etwas ist neu am Kaschmir-Konflikt. Schon seit Jahrzehnten kämpfen Separatisten hier für die Abspaltung. Aber früher waren es vor allem Ausländer, die sich den Extremisten anschlossen, besonders Männer aus Pakistan.

Heute sind es junge Leute aus der Region selbst. 191 Männer traten 2018 den Separatisten bei, mehr als im Jahr zuvor. Die meisten stammten aus dem indisch kontrollierten Teil Kaschmirs. Einer von ihnen war Adil Ahmad Dar, der Mann, dessen Tat vor zwei Wochen fast einen Krieg ausgelöst hat.

Dar war vermutlich 20 Jahre alt, einzelne Altersangaben weichen voneinander ab. Nach dem Schulabbruch arbeitete er in verschiedenen Gelegenheitsjobs. 2018 schloss er sich der Terroristengruppe Jaish-i-Mohammed (JiM) an, die von Pakistan aus operiert. Am 14. Februar fuhr er ein Auto in einen Konvoi und sprengte sich dabei selbst in die Luft.

Die Diskussion in Indien dreht sich nun stark um den Kampf gegen den Terrorismus - durchaus zu Recht. Das Land hat schon viele Anschläge erleben müssen, Separatisten begehen regelmäßig Gräueltaten. Dar allein riss mehr als 40 Sicherheitskräfte in den Tod. Und der Nachbar Pakistan hat in der Vergangenheit häufig Terroristen unterstützt.

Kaschmir wird von der indischen Regierung benachteiligt

Aber: Die Gewalt in Kaschmir sei auch ein hausgemachtes Problem, sagt Kabir Taneja von der Observer Research Foundation in Neu-Delhi. "Indien betont immer, dass Kaschmir ein integraler Teil Indiens sei. Aber es behandelt es nicht so wie den Rest des Landes." Kaschmir profitiere nicht vom indischen Wirtschaftsboom wie andere Regionen. Und das ist nur eines von vielen Problemen:

In den vergangenen Jahren gab es kaum eine Woche, in der in Kaschmir kein Mensch gestorben ist. Letztes Jahr kamen 451 Menschen in dem Konflikt ums Leben, 86 davon waren Zivilisten - mehr als doppelt so viele wie vor vier Jahren.

"Was wir sehen, illustriert die sich schon seit Langem verschlechternde Lage in Kaschmir", sagt Srinath Raghavan von der Ashoka-Universität in Delhi. Und Taneja fügt hinzu: "Es ist wie bei einem Druckkochtopf. Wenn die heiße Luft nirgendwo entweichen kann, dann wird er irgendwann explodieren."

Junaid etwa hat gern außerhalb Kaschmirs studiert. Er wusste, dass er dort eine Ausbildung bekommt, die er in seiner Heimat aufgrund der prekären Bedingungen nicht gefunden hätte. Aber er ist sich unsicher, ob er noch einmal dorthin zurückkehren will. Seine Eltern fürchten um seine Sicherheit. Und auch er glaubt, dass er dort nicht gewollt ist. Aber was Junaid in Kaschmir mit sich anfangen soll, das weiß er auch nicht.


Zusammengefasst: Indien und Pakistan streiten seit mehr als sieben Jahrzehnten um Kaschmir. Die jüngste Zuspitzung des Konflikts zwischen den beiden Atommächten sorgt mit dafür, dass die Situation im indischen Teil der Himalaya-Region angespannt bleibt - ebenso wie die nationalistische Politik der Regierung in Neu-Delhi. Mit der Wut der Menschen nimmt auch die Gefahr der Radikalisierung zu.

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