Kaschmirkonflikt Briefträger in der Blackout-Zone

Kein Internet, kein Mobilnetz - seit dreieinhalb Monaten ist Kaschmir praktisch von der Außenwelt abgeschnitten. Ein junger Fotograf fährt über die Dörfer und bringt persönliche Nachrichten direkt an die Haustüren.
Vikar Ahmad Shah Syed: Mensch als Messenger

Vikar Ahmad Shah Syed: Mensch als Messenger

Foto: Vikar Syed / Privat

"Meine Finger tun weh vom häufigen Wählen eurer Nummern. Nachts stehe ich auf und schaue fieberhaft, ob es neue Nachrichten auf meinem Smartphone gibt. Dann schaue ich durch die Bilder, die ich bei meinem letzten Besuch bei euch aufgenommen habe. Wieder und wieder." So steht es in einer handgeschriebenen Botschaft einer jungen Frau, die an ihre Familie im Kaschmirtal schreibt.

Vikar Ahmad Shah Syed, 27, hat ein Foto des Briefs auf seinem Smartphone gespeichert. 17 solcher Nachrichten hat er gesammelt. Sie stammen von Menschen, die nicht mehr in Kaschmir leben und keinen Kontakt zu ihren Familien herstellen können.

Seit dreieinhalb Monaten ist das Kaschmirtal praktisch von der Außenwelt abgeschnitten . Kein Internet, keine Mobilfunkverbindung, eingeschränktes Festnetz. Die Begründung der indischen Regierung: Man wolle die Kommunikation von Terroristen unterbinden und Ruhe in der Region herstellen (Lesen Sie dazu das Interview mit Indiens Außenminister Jaishankar).

Neu-Delhi hatte Jammu und Kaschmir Anfang August den Autonomiestatus entzogen und den überwiegend muslimischen Bundesstaat zuletzt in zwei Unionsterritorien aufgeteilt. Hunderte Politiker wurden verhaftet, allein im vergangenen Jahr starben dort 400 Menschen durch staatliche Gewalt.

Die Nachrichten, die Syed gesammelt hat, zeugen von der Angst der Verfasser um das Leben ihrer Freunde, Eltern und Geschwister. Von der Hilflosigkeit, nichts unternehmen zu können. Vom Schmerz, den das Nichtwissen mit sich bringt. Syed hat dazu beigetragen, diese Unsicherheit für einige wenige zu verringern.

Eine der Nachrichten, die Syed gesammelt hat

Eine der Nachrichten, die Syed gesammelt hat

Foto: privat

Der 27-Jährige stammt aus Pulwama, einem Distrikt im Kaschmirtal. Er ist freier Fotograf und reist seit Beginn des Blackouts regelmäßig nach Neu-Delhi, um das Internet zu nutzen und Aufträge von Medienhäusern zu bekommen. Für sie macht er Fotos in der Konfliktregion. Es gibt keine Reisebeschränkungen für Bewohner Kaschmirs. Mitte August hielt sich Syed in der Hauptstadt auf, als ein Freund ihn anschrieb. Ob er nicht eine Nachricht zu seiner Familie nach Kaschmir bringen könne. Syed willigte ein.

Kurz darauf postete er einen Aufruf auf seinem Facebook-Profil: "Jeder aus Pulwama, der außerhalb Kaschmirs wohnt und eine Nachricht für Freunde und Familie hat, kann sie mir schicken." Er werde sein Bestes tun, alle Adressen zu erreichen. Er bekam WhatsApp-Nachrichten, abfotografierte Briefe, Audioaufnahmen. Sie stammten von Studierenden aus verschiedenen Orten in Indien, zwei aus Saudi-Arabien.

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Und Syed reiste nicht nur nach Pulwama und Srinagar, sondern auch nach Anantnag, Kulgam und Shopian, in den Süden des Kaschmirtals. Zwei Tage fuhr Syed dafür über die Dörfer. Ein freiwilliger Postbote, der digitale Nachrichten an der Haustür abliefert. Sein Handy - virtuelles Briefpapier.

Er habe Nachrichten von bestandenen Prüfungen, Hochzeiten und Krankheiten überbracht, sagt Syed. Er sitzt in einem Wohnzimmer einer befreundeten Familie in Neu-Delhi, als er die Geschichte per WhatsApp-Anruf erzählt. Zwei Tage ist er dort. Viele Familien seien sehr emotional gewesen.

Er habe einer Mutter die Nachricht überbracht, dass ihr Sohn Zweitbester bei einer Prüfung geworden war. "Sie nahm mich in den Arm und begann zu weinen. Dann sagte sie: 'Du bist für mich wie ein eigener Sohn.'" Er habe wenig Zeit gehabt, bei den Familien zu bleiben. Alle Nachrichten zu verteilen nahm zwei volle Tage in Anspruch. "Es tat weh, sich loszueisen. Viele Eltern weinten, als ich wieder ging." Mehr als einmal ließ er sich überreden, doch noch zum Essen zu bleiben. "Unsere Mahlzeiten dauern ziemlich lang", fügt er hinzu.

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Es sind Nachrichten wie diese, mit denen Syed den Familien ein wenig Hoffnung überbringt. "Mein liebster Vater, mir geht es gut", schreibt ein junger Mann, der an der Aligarh Muslim Universität nahe Neu-Delhi studiert. "Liebste Mutter, ich weiß, dass du dich um mich sorgst. Ich weiß noch, dass du sagtest, ich solle mich nicht lange an Dingen aufhängen, die zu sehr schmerzen. Ich versuche, deinem Rat zu folgen."

Syeds Reisen in den Süden Kaschmirs waren nicht ungefährlich. Dort gibt es besonders viele Kontrollen durch das indische Militär. Viele Bewohner gehen überhaupt nicht mehr vor die Tür. Die wenigen Menschen auf der Straße hätten Syed für einen Polizisten gehalten und wären sehr misstrauisch gewesen. Er selbst habe zum Glück keine großen Komplikationen erlebt.

"Allein das Gefühl, durch diese Gegenden zu fahren, ist bedrückend. Ich war wie ein Außerirdischer, der einen anderen Planeten besucht." Die Straßen sind ausgestorben, die Märkte geschlossen. "Auf den Feldern habe ich gesehen, wie die Äpfel verrottet sind", sagt Syed. In Kaschmir wird ein Großteil der Äpfel für den indischen Markt angebaut.

Syed kennt die Bilder der Not. Der 27-Jährige hat keine Zeit erlebt, in der Kaschmir zur Ruhe kam. Der Konflikt beschäftigt die Weltöffentlichkeit seit mehr als 70 Jahren. Pakistan, China und Indien beanspruchen jeweils Teile der Region für sich. Insbesondere in den Neunzigerjahren, als Syed die Grundschule besuchte, kam es zu zahlreichen Todesopfern und Menschenrechtsverletzungen. "Als Kind habe ich mir immer eine Kamera gewünscht, um das Leiden der Menschen festzuhalten und der Welt zu zeigen, was hier wirklich passiert."

Jetzt, so sagt er, erlebt er eine Hoffnungslosigkeit wie selten zuvor. "Die Menschen hier haben den Ärger ins Gesicht geschrieben." Er selbst habe jedes Mal Angst um seine Mutter, die Großmutter und seinen kleinen Bruder, wenn er Pulwama verlasse. Neben der Arbeit habe er nun aber einen weiteren Grund für die Reisen nach Neu-Delhi. "Ich werde weiter Nachrichten überbringen, bis der Blackout vorbei ist."

"Meine Mutter betet für ihn", sagt Fardin Khursheed Bhat, 20. Er studiert Geschichte in Kalkutta, einer Stadt in der Nähe der Grenze zwischen Indien und Bangladesch. Mit Syed ist er seit der Grundschule befreundet. Für Bhat ist er die lebende Verbindung nach Hause. Auch er schickte Syed nach dem Aufruf eine Nachricht über Facebook: "Mama, ich will dich daran erinnern, was du mir letztes Mal gesagt hast: 'Wir haben viele schwere, unruhige Zeiten erlebt. Auch sie werden vorbeigehen, inschallah.'"

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