Pakistans Premier verschärft Kaschmirkonflikt "Es ist an der Zeit, Indien eine Lektion zu erteilen"

Indien hat Kaschmir die Sonderrechte entzogen. Nun bringt Pakistans Premier Imran Khan Truppen in Stellung. Droht ein Krieg der Atommächte?
Feind im Blick: Indischer Soldat wacht an der Grenze zu Pakistan

Feind im Blick: Indischer Soldat wacht an der Grenze zu Pakistan

Foto: Channi Anand/ dpa

Vergangene Woche noch hat Imran Khan im Parlament in Islamabad gesagt, ein Krieg gegen Indien wäre "verrückt". Jetzt schließt der pakistanische Regierungschef eine militärische Reaktion nicht mehr aus. "Es ist an der Zeit, Indien eine Lektion zu erteilen", sagte er am Mittwoch im Regionalparlament von Muzaffarabad, der Hauptstadt des pakistanischen Teils von Kaschmir.

Indien hat dem indisch kontrollierten Teil Kaschmirs vor wenigen Tagen überraschend die Sonderrechte - unter anderem eine eigene Verfassung sowie eine eigene Staatsflagge - entzogen, Ausgangssperren verhängt, Politiker festgenommen, Telefon-, Internet-, Handy- und Fernsehleitungen gekappt und rund 40.000 weitere Soldaten in die Region geschickt; das alles, um angeblich Terrorismus einzudämmen.

Mehrere pakistanische Politiker von Regierung und Opposition, außerdem die Führung des Militärs, waren aus Solidarität mit den Menschen in Kaschmir in die Regionalhauptstadt gereist - an einem symbolträchtigen Tag: Der 14. August ist der Unabhängigkeitstag in Pakistan. "An diesem besonderen Tag stehe ich Seite an Seite mit meinen kaschmirischen Brüdern und Schwestern", sagte Khan.

"Die Armee ist bereit"

Kaschmir war, als der Subkontinent unter britischer Kolonialherrschaft stand, ein unabhängiger Prinzenstaat. Als die Briten die Region 1947 verließen und die beiden Staaten Indien und Pakistan entstanden, begann der Streit: Sowohl Pakistan als auch Indien beanspruchten Kaschmir vollständig für sich. Seither kam es zu mehreren Kriegen. Faktisch gehört derzeit ein Teil zu Pakistan, der größere zu Indien und ein weiterer zu China. Der indische Teil Kaschmirs ist die einzige Provinz Indiens mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit.

Anti-Modi-Proteste in Pakistan: Indiens Premier bringt Muslime gegen sich auf

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Foto: Arif Ali/ AFP

Pakistan befürchtet, dass Indien als nächsten Schritt einen Angriff auf den pakistanischen Teil plant. "Wir haben Informationen, dass Indien entsprechende Absichten hegt", sagte Khan weiter. "Jeder Ziegel", den Indien im pakistanischen Kaschmir verschiebe, werde "mit einem Stein" beantwortet, drohte er. "Die Armee ist bereit. Und nicht nur die Armee, sondern die gesamte Nation wird an der Seite unseres Militärs kämpfen. Aggressiver Krieg widerspricht dem Islam, aber wenn Muslime für die Freiheit gekämpft haben, haben sie noch die größten Armeen geschlagen."

Nach Angabe der pakistanischen Armee kamen am Donnerstag drei pakistanische Soldaten durch Gewehrschüsse und Artilleriebeschuss von Indien aus über die sogenannte Kontrolllinie hinweg ums Leben. Als pakistanische Soldaten das Feuer erwidert hätten, seien mindestens fünf indische Soldaten getötet worden. Die indische Armee wies laut einem Bericht der indischen Presseagentur ANI die Meldungen über getötete indische Soldaten zurück.

Khan warf dem indischen Premierminister Narendra Modi, Mitglied der hindunationalistischen Partei BJP, eine "Ideologie der hinduistischen Überlegenheit" vor. Dieser "schrecklichen Ideologie", die Khan mit dem Nationalsozialismus verglich, hänge Modi "schon seit seiner Kindheit" an. Hindunationalisten, behauptet Khan, wollten Indien "von Muslimen ethnisch säubern".

"Wir werden bis zum Letzten gehen"

Dass jetzt der Sonderstatus des indischen Teils Kaschmirs aufgehoben wurde, passe dazu. Tatsächlich dürfen hier künftig, anders als bisher, auch Nichtkaschmiris Grund und Boden erwerben. Kritiker der indischen Regierung sowohl in Pakistan als auch in Indien sehen darin einen Schritt, "Lebensraum" in Kaschmir für Hindus zu schaffen und Muslime zu verdrängen.

Khan machte aber auch deutlich, dass Pakistan Indien nicht angreifen werde. "Aber wir werden antworten, auf was auch immer ihr tut - und wir werden bis zum Letzten gehen." Mit diesen Worten steht, wieder einmal, ein nuklearer Schlagabtausch im Raum. Beide Länder sind Atommächte, beide haben es mit Atomtests im Jahr 1998 demonstriert.

Pakistan könnte Indien mit einem atomaren Schlag zwar schweren Schaden zufügen und nach Meinung von Militärstrategen eine Großstadt wie Neu-Delhi oder Mumbai auslöschen. Die Antwort Indiens wäre vermutlich die Vernichtung Pakistans. "Der Einsatz atomarer Waffen ist weder in Pakistans noch in Indiens Interesse", sagt ein ranghoher pakistanischer Offizier dem SPIEGEL. "Das ist die absurde Logik der nuklearen Abschreckung: Atomwaffen sind nur sinnvoll, sofern sie nicht eingesetzt werden."

Solange nicht die Radikalen auf beiden Seiten das Sagen haben, dürfte es, wenn überhaupt, zu einem konventionell geführten Krieg kommen. Die Leidtragenden sind, ob mit oder ohne Krieg, die Menschen in Kaschmir, die in Angst und Schrecken leben.

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