Kaschmir-Konflikt Volk unter Arrest

Festnahmen, Hausarrest, Telefon- und Internetleitungen gekappt - mit demonstrativer Härte geht Indien gegen die Bevölkerung in Kaschmir vor. Doch der Konflikt findet weltweit kaum Beachtung. Warum?

Mukesh Gupta/ REUTERS

Eine Analyse von


Der Schritt kam überraschend: Am 5. August ließ der indische Premierminister Narendra Modi den Sonderstatus der umstrittenen Provinz Kaschmir aufheben. Anstatt das Parlament darüber abstimmen zu lassen, ließ er seine Entscheidung, zwei entsprechende Artikel in der indischen Verfassung zu streichen, von Präsident Ram Nath Kovind per Verordnung durchsetzen. Beide Politiker sind Mitglieder der hindunationalistischen Partei BJP, die im Frühjahr gestärkt aus den Parlamentswahlen hervorging.

Kaschmir hatte bislang das Recht auf eine eigene Verfassung, eine eigene Staatsflagge und Autonomie bei der Verwaltung. Außerdem durften nur Kaschmiris Grund und Boden in Kaschmir erwerben. Handstreichartig wurden diese Sonderregelungen beseitigt, begleitet von weiteren Aktionen: Modi schickte mehr als 40.000 weitere Soldaten nach Kaschmir, das schon vorher als die am höchsten militarisierte Region der Welt galt.

Ranghohe Politiker in Kaschmir wurden unter Hausarrest gestellt, Schulen und Geschäfte geschlossen, eine Ausgangssperre für die gesamte Bevölkerung verhängt. Außerdem wurden sämtliche Leitungen gekappt - Telefon, Handynetz, Internet, Fernsehen und Radio funktionieren nicht mehr.

DER SPIEGEL

In Kaschmir patrouillieren jetzt Tausende Soldaten auf den Straßen, noch mehr als bisher. Hier und da kommt es zu Protesten und gewalttätigen Ausschreitungen. Demonstranten werfen Steine, Soldaten schießen mit scharfer Munition in die Menge.

Die Lage müsste die Welt in Sorge versetzen, denn das indische Vorgehen gegen die eigene Bevölkerung in Kaschmir ist auch eine Provokation gegenüber dem Nachbarland Pakistan. Indien und Pakistan sind Atommächte, ein Krieg hätte Folgen weit über Südasien hinaus. Um Kaschmir streiten sich die beiden Länder seit 1947, als die Briten ihre Kolonie Britisch-Indien im Chaos zurückließen und die beiden Staaten entstanden. Sowohl Indien als auch Pakistan beanspruchen Kaschmir seither gänzlich für sich und haben mehrere Kriege um die Provinz geführt. Faktisch gehört ein Teil zu Pakistan, der größere zu Indien und ein weiterer zu China.

Doch der Konflikt scheint die Welt ungerührt zu lassen, weltweit wird kaum darüber berichtet. Zunächst einmal liegt das daran, dass Indien, nach eigener Definition "weltgrößte Demokratie", die Region von der Außenwelt komplett abschneidet. Informationen sind kaum zu bekommen, Journalisten sind in Kaschmir unerwünscht, sie dürfen dort nicht einreisen. Bisher dort tätige Reporter wurden aufgefordert, Kaschmir zu verlassen.

Der Konflikt hat bereits mehr als 70.000 Tote gefordert

Möglicherweise spielt auch eine gewisse Ermüdung eine Rolle: Immerhin beschäftigt der Konflikt die Weltöffentlichkeit seit mehr als 70 Jahren, und eine Lösung scheint nach wie vor außer Sicht. Eine vor Jahrzehnten von der Uno geforderte Volksabstimmung in Kaschmir hat es nie gegeben, Indien weiß das zu verhindern, weil man befürchtet, die Bevölkerung könnte sich für die Unabhängigkeit oder für einen Anschluss an Pakistan aussprechen. Kaschmir ist die einzige Provinz in Indien mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung. Auch dass der Konflikt bereits mehr als 70.000 Tote gefordert hat und es rund 9000 Massengräber in den Bergen der Himalaja-Region geben soll, von denen kein einziges bisher untersucht werden durfte, weil unabhängige Beobachter keinen Zugang bekommen, findet wenig Beachtung.

Eine weitere Rolle dürfte spielen, dass von Kaschmir tatsächlich Gewalt ausgeht. Ab 1947 ließ Pakistan Freiheitskämpfer in die Region einsickern, was Indien im Gegenzug zur Aufrüstung veranlasste. Seit Jahrzehnten unterstützt der pakistanische Geheimdienst islamistische Terroristen im eigenen Teil Kaschmirs, die Anschläge im indischen Part oder in anderen Teilen Indiens verüben.

Die Bevölkerung im indischen Teil, allen voran die Jugend, hat sich angesichts der Perspektivlosigkeit in den vergangenen Jahren dramatisch radikalisiert und wird in dieser Entwicklung von Pakistan unterstützt. Zuletzt sprengte sich im Februar ein junger Mann in die Luft und riss 40 indische Soldaten in den Tod. Der 22-jährige Täter war in den Jahren zuvor mehrfach von indischen Polizisten festgenommen, geschlagen und tagelang im Gefängnis festgehalten worden. Belegt ist aber auch, dass er Mitglied der in Pakistan ansässigen Terrororganisation Jaish-e-Mohammed war.

Die Uno wirft indischen Truppen unverhältnismäßige Gewalt vor

Kaschmiris aus dem indischen Teil berichten seit Jahrzehnten davon, indische Soldaten führten sich wie Besatzer auf. Immer wieder würden sie willkürlich Gewalt gegen Einheimische ausüben. Die Uno und mehrere Menschenrechtsorganisationen veröffentlichten in diesem Jahr Berichte, in denen sie indischen Truppen unverhältnismäßige Gewalt vorwarfen. Sie würden Menschen foltern, entführen, vergewaltigen und mit Schrotkugeln beschießen, was zur Erblindung von Hunderten von Menschen allein in diesem Jahr geführt habe. Jeder sechste Kaschmiri wurde in seinem Leben schon einmal gefoltert, "Ärzte ohne Grenzen" zufolge leiden 49 Prozent der Bevölkerung unter posttraumatischer Belastungsstörung.

Regierungschef Modi nennt sein jetziges harsches Vorgehen eine "historische Entscheidung unserer Nation", die Sonderrolle Kaschmirs habe dort "Separatismus, Terror, dynastische Politik und Korruption" hervorgerufen. Kaum ein Politiker aus dem Ausland widerspricht ihm - mit Indien, dem Land mit der zweitgrößten Bevölkerung der Welt und großem wirtschaftlichen Potenzial will es sich niemand verscherzen.

Modi gibt den starken Mann, und sein Kurs kommt bei vielen Indern gut an. In Zeiten, in denen Rechtspopulisten weltweit im Vormarsch sind, liegt Modi im Trend - schon seit Jahren: Im Jahr 2002 schaute er als Regierungschef des Bundesstaates Gujarat weg, als dort drei Monate lang Muslime von Hindus massakriert wurden. Schätzungsweise 2000 Menschen wurden getötet. Modis politischer Karriere tat das keinen Abbruch, von allen juristischen Vorwürfen wurde er später gerichtlich freigesprochen.

Dass einflussreiche Politiker wie US-Präsident Donald Trump lediglich "Vermittlung" anbieten, eine Verurteilung Indiens vermeiden und die Sache als "innere Angelegenheit Indiens" bezeichnen, hat auch damit zu tun, dass sich in dieser politisch heiklen Angelegenheit niemand an die Seite Pakistans stellen will, zumal die Regierung in Islamabad einen Krieg gegen Indien nicht wagen wird.

Selbst Pakistans Premierminister Imran Khan räumt ein, ein Krieg gegen Indien wäre "verrückt".



insgesamt 10 Beiträge
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biba_123 14.08.2019
1. Wie mir der ein oder andere Einwohner der Provinz Jammu in Pakistan einst sagte:
Wir haben kein Öl und sonst auch nichts, deswegen interessiert die Welt nicht, was hier ist. Ganz einfache Antwort auf Ihre Frage, lieber Autor.
Nordschwabe 14.08.2019
2. Weshalb?
Was ich mich frage ist, weshalb Indien so an Kaschmir festhält? Ein kurzer Blick in Wiki zeigt keine besonders verlockende Wirtschaft oder Bodenschätze, es scheint ein vollständiges Agrarland zu sein - gewissermassen fruchtbar. Aber wer führt schon heutzutage einen Krieg um ein Agrarland - das geschieht vielleicht in naher Zukunft, mit der Klimaveränderung, aber so weit sind wir noch nicht. Ist es der Schutz der Nicht-Muslime? Im von Pakistan verwalteten Teil ist der Anteil der Muslime in der Bevölkerung 100%, keine Zahlen zu dem chinesischen Gebiet, aber das von Indien verwaltete Gebiet hat einen grossen Anteil an Buddhisten und Hindus, bis zur Hälfte der Bevölkerung. Nur im Kaschmir-Valley selbst ist der Anteil überwiegend muslimisch. Ist da die Angst, dass Pakistan die nicht-muslimische Bevölkerung nicht beschützen kann/will? Wie real ist diese Gefahr? Weshalb wurde bei der Trennung 1947 Kashmir-Valley dann überhaupt zu Indien zugefügt, damals wurde doch nach Glaubenszugehörigkeit getrennt? Das sind alles Fragen die einem Leser auftauchen und gerne in solch einem Artikel angeschnitten werden könnten. Das Gebiet ist halt weit weg und man kennt die Hintergründe nicht. Eines ist zumindest klar, auch hier können Populisten nur eines: Öl aufs Feuer giessen.
Knacker54 14.08.2019
3. Oh Mann, ist das traurig
Da leben Menschen. Menschen in Armut und Elend. Zwei Länder mit Atomwaffen und ebenfalls einer sehr armen Bevölkerung, teilweise Hunger leidend - diese beiden Länder streiten sich um den Flecken, dessen Menschen am liebsten selbstbestimmt leben würden. Schade, dass die UNO nicht in der Lage ist, ein freies Kaschmir auszurufen und die beiden Kontrahenten in die Schranken zu weisen. Es ist ein Elend...
Ishibashi 14.08.2019
4. Alternativen?
Was sind denn sie Alternativen? Es scheint mir logisch dass indien den zunehmenden Terrorismus, der sich ja auch oft bis in die Metropolen ausweiter nicht akzeptieren kann. Ohne die massive Unterstützung durch den Pakistanischen Geheimdienst wären solche groß angelegten Aktionen kaum möglich. Ob sich die unwegsame Grenze durch mehr Soldaten wirklich kontrollieren lässt bleibt aber fraglich.
thomas0815-1 14.08.2019
5. Diesen Satz:
"Kaum ein Politiker aus dem Ausland widerspricht ihm - mit Indien, dem Land mit der zweitgrößten Bevölkerung der Welt und großem wirtschaftlichen Potential will es sich niemand verscherzen." muss man sich mehrmals durchlesen. Gilt auch für China - Hongkong, Brasilien - indigene Bevölkerung usw.usf. Ein dreifaches Hoch auf Demokratie und Menschenrechte!
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