Kaschmir-Konflikt "Die roten Linien wurden verschoben"

Droht im Kaschmirkonflikt zwischen Indien und Pakistan neue Gewalt? Hier erklärt Asienexperte Christian Wagner, warum der jüngste Angriff Neu-Delhis das angespannte Verhältnis besonders belastet.

Indischer Soldat im indischen Teil Kaschmirs
FAROOQ KHAN/EPA-EFE/REX

Indischer Soldat im indischen Teil Kaschmirs

Ein Interview von


Der Konflikt im von Pakistan und Indien beanspruchten Kaschmir hat sich dramatisch verschärft: Nach einem schweren Selbstmordanschlag im von Indien kontrollierten Teil der Himalaya-Region Mitte Februar flog die indische Luftwaffe einen Angriff auf pakistanisches Gebiet. Er galt einer Islamistengruppe, die das Attentat für sich reklamiert hatte. Am Mittwoch schoss Pakistan nach eigenen Angaben die Maschine des indischen Piloten ab, der nun freigelassen wurde.

Zur Person
    Christian Wagner forscht bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin als Senior Fellow zu Konflikten in Asien.

Der Asienexperte Christian Wagner spricht mit dem SPIEGEL über historische Wurzeln des Konflikts, die aktuelle Kriegsgefahr und die Aussichten für eine friedliche Lösung:

SPIEGEL: Warum bricht der Konflikt ausgerechnet jetzt aus?

Christian Wagner: Es gibt immer wieder Anschläge in Jammu und Kaschmir, dem indischen Teil Indiens. Aber dieser war nun der schwerste seit 30 Jahren. Mindestens 40 Angehörige der paramilitärischen Polizei CRPF wurden getötet. Der Selbstmordattentäter der Terrorgruppe Jaish-e-Mohammed war ein lokaler Kaschmiri aus dem indischen Teil, er lenkte einen mit Sprengstoff beladenes Auto in einen indischen Truppenkonvoi.

SPIEGEL: Was weiß man über die Täter, die den Anschlag verübt haben?

Wagner: Die Jaish-e-Mohammed ist eine islamistische Terrorgruppe. Sie will das mehrheitlich muslimische Kaschmir von der indischen Besatzung befreien und den Anschluss an Pakistan erzwingen. Die Gruppe ist seit 2002 in Pakistan verboten. Ihr Hauptquartier soll sich dennoch im pakistanischen Punjab befinden, in Bahawalpur. Jaish-e-Mohammed gilt als verlängerter Arm des pakistanischen Geheimdienstes. Auf ihr Konto gehen auch andere tödliche Angriffe, etwa 2001 auf das indische Parlament und 2016 auf den indischen Luftwaffenstützpunkt Pathankot.

SPIEGEL: Was will die Gruppe erreichen?

Wagner: Sie treibt die Radikalisierung der lokalen Bevölkerung voran und provoziert bewusst eine Gegenreaktion Indiens. Es geht darum, die internationale Aufmerksamkeit auf den schwelenden Konflikt zu lenken.

SPIEGEL: Und was treibt den offenbar hinter dem Anschlag stehenden pakistanischen Geheimdienst?

Wagner: Pakistan fordert seit langem ein Referendum über die Zugehörigkeit Kaschmirs. So steht es auch in den Resolutionen der Vereinten Nationen. Pakistan kritisiert zudem die indischen Menschenrechtsverletzungen in Kaschmir und pocht auf das Selbstbestimmungsrecht der Kaschmiris.

Es gibt parallel auch einen Konflikt zwischen der Landesregierung in Srinagar und der Regierung in Neu-Delhi. Die Kaschmiris wollen ihren Sonderstatus in Indien erhalten und fordern eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage. Deshalb gab es zuletzt viele Proteste. Diese Unzufriedenheit der lokalen Bevölkerung haben militante Gruppen aus Pakistan ausgenutzt und befeuern diese noch mit ihren Anschlägen.

SPIEGEL: Auf welcher historischen Grundlage erheben Pakistan und Indien überhaupt Ansprüche auf die Region Kaschmir?

Wagner: Als Pakistan und Indien in die Unabhängigkeit entlassen wurden, im August 1947, gab es in Indien mehr als 500 unabhängige Fürstenstaaten. Die Herrscher konnten damals selbst entscheiden, ob sie der Indischen Union oder Pakistan beitreten oder unabhängig bleiben wollten. Dann gab es im September 1947 unter Führung pakistanischer Offiziere eine Invasion von Stammeskriegern. Sie wollten Kaschmir erobern.

Der damalige König von Kaschmir in Srinagar, ein Hindu, Maharadschah Hari Singh, wandte sich um Hilfe an Neu-Delhi. Indien machte im Gegenzug allerdings den Beitritt zur Indischen Union zur Bedingung. Daraufhin trat Kaschmir am 26. Oktober 1947 der Indischen Union bei, Indien entsandte seine Truppen, die Stammeskrieger wurden gestoppt. So begann der erste indisch-pakistanische Krieg.

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Indien gegen Pakistan: Konfrontation um Kaschmir

SPIEGEL: Um den Krieg zu beenden, trug der erste indische Premierminister Jawaharlal Nehru den Konflikt damals selbst in die Vereinten Nationen, er regte zur Lösung des Konflikts das Referendum an. Warum wird es nicht abgehalten?

Wagner: Ganz so einfach ist es leider nicht. Der Krieg endete zwar 1949, in den Uno-Resolutionen werden jedoch eine Reihe von Bedingungen formuliert, unter denen das Referendum stattfinden soll. Sinngemäß ist vorgesehen, dass sich zunächst alle pakistanischen Truppen aus Kaschmir zurückziehen müssen. In einem zweiten Schritt müsste wiederum Indien seine Truppen auf ein Minimum reduzieren und eine Interimsverwaltung einrichten. Diese würde dann das Referendum vorbereiten und in ganz Kaschmir durchführen. Pakistan fordert zwar immer wieder das Referendum, das Land wäre aber kaum bereit, den ersten Schritt zu tun und seine Truppen aus der Region zurückzuziehen.

Videoanalyse: "Die Kriegsgefahr ist groß"

DPA/SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL: Wie kommt es zu den widersprüchlichen Interpretationen der Uno-Resolution zwischen Pakistan und Indien?

Wagner: Pakistan ist als "Heimstatt der Muslime" ein auf der Religion gegründeter Staat. Den Pakistanern erscheint es deshalb selbstverständlich, dass das mehrheitlich muslimische Kaschmir pakistanisch werden muss. Sie argumentieren, die Resolution der Vereinten Nationen betrachte ganz Kaschmir schließlich als umstrittenes Gebiet, über dessen endgültige Zugehörigkeit erst entschieden werden müsse.

Die Inder dagegen sagen, Kaschmir sei Teil der Indischen Union und folge der indischen Staatsidee, in der alle Religionen Platz finden, auch Muslime. Danach ist eine muslimische Mehrheitsprovinz gerade Ausweis des säkularen Charakters der Indischen Nation.

SPIEGEL: Was wollen eigentlich die Kaschmiris? Würden sie lieber zu Pakistan oder zu Indien gehören?

Wagner: Ein indischer Think Tank untersuchte diese Frage vor vielen Jahren. Das Ergebnis war überraschenderweise, dass die Kaschmiris weder zu Pakistan, noch zu Indien gehören wollen. Sie möchten eigentlich unabhängig sein. Diese Variante sieht das Referendum aber gar nicht vor. Dem würden auch weder Indien noch Pakistan zustimmen.

DER SPIEGEL

SPIEGEL: Wie ließe sich der Konflikt denn befrieden?

Wagner: 2007 war man einer Lösung sehr nahe. Indien und Pakistan verständigten sich unter Präsident Pervez Musharraf und Premierminister Manmohan Singh darauf, den Status Quo festzuschreiben. Die sogenannte Line of Control, die aktuelle Trennungslinie, sollte in eine sogenannte Soft-Border umgewandelt werden und so Handel und Tourismus fördern. Eine Buslinie wurde eingerichtet, und es gab eine erste Regelung für den kleinen Grenzverkehr. Dieser vielversprechende Weg endete jedoch abrupt mit dem Anschlag von Mumbai im November 2008. Extremistische Kräfte aus Pakistan von der Terrorgruppe Lashkar-e-Taiba sabotierten mit dem Anschlag gezielt einen möglichen Friedensschluss.

SPIEGEL: Es gibt wirklich keine Lösung ?

Wagner: Im Moment scheint zumindest die Gefahr für einen Krieg gebannt. Die Pakistaner haben den indischen Piloten freigelassen. Das heißt, dass Indien jetzt voraussichtlich nicht weiter eskalieren wird.

Das ist aber keinesfalls Anlass zur Beruhigung. Diesmal wurden die sogenannten roten Linien verschoben, die bisher immer galten. Denn Indien hat Pakistan erstmals auf dessen Staatsgebiet bombardiert, in Balakot, in der pakistanischen Provinz Khyber Pakhtunkhwa. Das bedeutet, falls es im indischen Teil Kaschmirs wieder zu einem Anschlag kommt, könnte die Regierung in Neu-Delhi sagen, jetzt müssen wir zu noch härten Strafaktionen greifen. Das würde eine neue Spirale der Eskalation in Gang setzen.

insgesamt 5 Beiträge
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nofreemen 02.03.2019
1. Uno Mandat
Die Softgrenze könnte man beibehalten trotz Anschlägen. Man muss die Bevölkerung mit einbeziehen und nicht alleine der überfordeten Politik und dem Militär überlassen. Das Volk ist pragmatisch und nicht populistisch. Das Militär kann das Geschehen trotzdem beobachten und Notfalls eingreifen.
Atheist_Crusader 02.03.2019
2.
Die Hauptschuld - nicht nur an den aktuellen Geschehnissen - liegt eindeutig bei Pakistan. Indien verhält sich zwar nicht gerade vorbildlich, aber die haben nicht die letzten Jahrzehnte damit verbracht Milizen und Terrorgruppen religiöser Fanatiker zu unterstützen oder gar ihre eigenen Truppen als solche zu tarnen (siehe Kargil-Krieg, wo Pakistan exakt dies getan hat). Eine unreife, fehlerhafte Demokratie (aber immerhin mit Chancen auf Besserung) steht hier gegen ein komplettes Irrenhaus dessen Ende schon nahezu sicher ist - wir wissen nur noch nicht ob diese Ende in Form eines indischen Gegenschlages kommt oder sie sich vorher noch selbst zerlegen. In letztem Fall dürfen wir uns schon auf die Möglichkeit freuen, dass pakistanische Atomwaffen in fremden Händen landen.
macgyver44 02.03.2019
3. Pakistan und Atomwaffen?
Potemkinsche Dörfer. Obwohl immer wieder kolportiert, ist die tatsächliche Existenz pakistanischer Atomwaffen keineswegs bewiesen. Bis heute gab es keinen bestätigten Atomwaffentest Pakistans, nur Behauptungen. Bleibt die Ungewissheit inwiefern Pakistan seit Jahrzehnten blufft oder nicht. Ich behaupte die Bluffen.
rrv.vogt 02.03.2019
4. chinesischer Teil von Kaschmir
Was für Leute leben dort und seit wann ist dieser Teil Gesamt-Kaschmirs von Han-Chinesen besetzt? Was wäre, wenn China anbieten würde, seinen Teil Kaschmirs in ein vereintes unabhängiges Kaschmir einzubringen, in dem weder fanatische Hindus noch fanatische Moslems regieren?
adgb 02.03.2019
5. @mcgyver44
Es wäre schön, wenn das Potemkinsche Dörfer wären, aber Pakistan hat seit 1986 die Bombe und 1998 fünf Tests durchgeführt, die von unabhängigen Instituten bestätigt worden sind. Dazu gibt es auch reichlich Literatur, auf deutsch u.a. Egmont Koch, Atomwaffen für Al Qaida.
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