Kaschmir und Xinjiang Die Grenzen der islamischen Solidarität

Indien drangsaliert Muslime in Kaschmir, China interniert Uiguren in Xinjiang: Doch anstatt sich mit den unterdrückten Glaubensbrüdern zu solidarisieren, stützen die arabischen Staaten die Regierungen in Neu-Delhi und Peking. Warum?

Pakistans Außenminister mit Kollegen aus Saudi-Arabien und VAE: Geste der Solidarität
HANDOUT / PID / AFP

Pakistans Außenminister mit Kollegen aus Saudi-Arabien und VAE: Geste der Solidarität

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Einen Monat musste Pakistan auf eine Geste der Solidarität im Kaschmirkonflikt warten: Am Mittwoch landeten Abdullah bin Zayad Al Nahyan, Außenminister der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), und Adel al-Jubeir, Staatsminister im saudi-arabischen Außenministerium, in Islamabad.

Es war der erste Besuch ranghoher Diplomaten aus der arabischen Welt in Pakistan, seit Indien am 5. August den Autonomiestatus für die Provinz Jammu und Kaschmir aufgehoben hatte. Die Regierungen in Neu-Delhi und Islamabad streiten seit der Unabhängigkeit beider Staaten 1947 erbittert über die Kontrolle der mehrheitlich von Muslimen bewohnten Region im Himalaja.

Seit Anfang August gehen indische Sicherheitskräfte in der Provinz mit demonstrativer Härte gegen die Zivilbevölkerung vor. Premierminister Narendra Modi schickte Zehntausende Soldaten nach Kaschmir, stellte hochrangige Politiker unter Hausarrest, kappte Kommunikationsverbindungen und verhängte eine Ausgangssperre. Kurzum: Mehr als zehn Millionen Muslime leben in Kaschmir seit Wochen in einer Art Belagerungszustand.

Muslimin mit Kind in Kaschmir: Die arabische Welt gibt der Regierung in Neu-Delhi Rückendeckung
REUTERS/DANISH ISMAIL

Muslimin mit Kind in Kaschmir: Die arabische Welt gibt der Regierung in Neu-Delhi Rückendeckung

Die Golfstaaten betrachten den Kaschmir-Konflikt als innerindische Angelegenheit

Trotzdem regt sich in den Staaten der arabischen Welt kaum ein Wort der Kritik am Vorgehen der indischen Regierung. Im Gegenteil: Auf dem Höhepunkt der Kampagne verlieh das Herrscherhaus der VAE dem indischen Premier Modi Ende August den Zayed-Orden, die höchste zivile Auszeichnung des Landes. "Sie haben ihn sich verdient", sagte Kronprinz Mohammed bin Zayed Al Nahyan bei der Verleihung des Ordens, der nach seinem Vater benannt ist.

Die Emirate haben gute Gründe dafür, Modi so zu hofieren. Indien ist nach Saudi-Arabien der wichtigste Handelspartner für die VAE. Ähnliches gilt für das Königshaus in Riad: Während indische Sicherheitskräfte Proteste in Kaschmir niederschlugen, stieg das Staatsunternehmen Saudi Aramco mit 15 Milliarden US-Dollar beim größten indischen Mischkonzern Reliance Industries ein.

Regierungschefs Modi und Mohammed bin Zayed: Auszeichnung in Abu Dhabi
RASHED AL MANSOORI HANDOUT/EPA-EFE/REX

Regierungschefs Modi und Mohammed bin Zayed: Auszeichnung in Abu Dhabi

Diese wirtschaftlichen Interessen sind den Herrschern auf der arabischen Halbinsel wichtiger als Solidarität mit unterdrückten Muslimen. Daneben gibt es aber auch politische Gründe: Die Golfstaaten haben in offiziellen Stellungnahmen die Entwicklungen in Kaschmir als innerindische Angelegenheit bezeichnet.

Das Motiv dahinter: Autoritäre Regime wie Saudi-Arabien und Bahrain haben ihrerseits kein Interesse daran, dass sich ausländische Regierungen einmischen, wenn sie gegen die schiitischen Minderheiten in ihren Ländern vorgehen. Also schweigen sie auch, wenn ein wichtiger Partner wie Indien Minderheiten diskriminiert. Zudem verhindern sie Proteste von Gastarbeitern aus Kaschmir oder Pakistan. So ermittelt die Justiz in Bahrain gegen mehrere südasiatische Gastarbeiter, die nach dem Freitagsgebet in einer Moschee gegen Indiens Vorgehen in Kaschmir protestiert hatten.

Europa solidarisiert sich mit den Uiguren, die arabische Welt nicht

Noch brisanter ist die Reaktion der arabisch-muslimischen Welt auf die Unterdrückung der Uiguren in China. Das kommunistische Regime hält nach Angaben der Vereinten Nationen rund eine Million Angehörige der muslimischen Minderheit in Umerziehungslagern fest und hat in der Provinz ein totalitäres, nahezu lückenloses Überwachungssystem errichtet.

Internierungslager in Xinjiang: Mehr als eine Million Muslime sitzen in Haft
Thomas Peter/ REUTERS

Internierungslager in Xinjiang: Mehr als eine Million Muslime sitzen in Haft

Anfang Juli verurteilten 22 Staaten das Vorgehen der chinesischen Behörden und forderten Peking auf, die willkürlichen Verhaftungen von Muslimen zu beenden und Religionsfreiheit zu gewähren. Eine gemeinsame Erklärung wurde von 18 europäischen Regierungen - darunter Deutschland - sowie Australien, Japan, Kanada und Neuseeland unterzeichnet - aber von keinem einzigen mehrheitlich islamischen Land.

Stattdessen bekundeten wenige Tage später 37 Regierungen China ihre volle Unterstützung für seine Kampagne gegen die Uiguren - darunter waren unter anderem Ägypten, Algerien, Bahrain, Katar, Kuwait, Oman, Saudi-Arabien, Sudan, Syrien und die VAE. "Im Angesicht der großen Herausforderung durch Terrorismus und Extremismus hat China eine Reihe von Anti-Terror- und Deradikalisierungsmaßnahmen in Xinjiang eingeleitet - dazu gehört die Errichtung von Ausbildungszentren", heißt es in dem Schreiben, das Peking auch für seine Errungenschaften auf dem Feld der Menschenrechte lobt.

Die Lage in Kaschmir und Xinjiang sorgt im Nahen Osten kaum für Empörung

Auch hier sind die arabischen Staaten vor allem von wirtschaftlichen Motiven getrieben: Mit Ausnahme Syriens sind alle Unterzeichner Teil der Neuen Seidenstraße, einer Initiative mit der China seinen wirtschaftlichen und politischen Einfluss in Europa, dem Nahen Osten und Afrika ausbauen möchte. Aus Sicht der arabischen Herrscher ist das Regime von Xi Jinping schlicht zu mächtig und wichtig. Niemand will die guten Beziehungen zu Peking für Solidaritätsbekundungen mit den Uiguren aufs Spiel setzen.

Hinzu kommt, dass auch in den arabischen Gesellschaften sowohl der Kaschmirkonflikt als auch die Unterdrückung der Uiguren kaum für Empörung sorgen. Beide Regionen liegen an der Peripherie der islamischen Welt, die Konflikte lassen sich außerdem nicht als Teil eines vermeintlichen Kreuzzugs von Christen oder Juden gegen den Islam präsentieren. Mit einem Einsatz für die muslimische Minderheit könnten die Herrscher in der arabischen Welt deshalb auch innenpolitisch kaum punkten.

So gilt es schon als äußerstes Zeichen der Auflehnung, dass Katar seine Unterschrift unter den Unterstützungsbrief an Peking nach einer Woche zurückzog. "In Anbetracht unseres Strebens nach Kompromiss und Ausgleich glauben wir, dass die Co-Autorenschaft des Briefes unsere außenpolitischen Prioritäten gefährden könnte", teilte Katars Uno-Botschafter in Genf, Ali al-Mansouri mit.

Ein kritisches Wort gegenüber Peking hat sich aber auch das Herrscherhaus in Doha bis heute nicht abringen können.

insgesamt 22 Beiträge
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adrian.ruest 05.09.2019
1.
Solange ein Staat nicht ein gewisses Mass an demokratischen Standards - und die lassen sich messen - erfüllt. So lange sollte dieser bzw dessen Regierung als nichtexistent betrachtet werden. Kein Handel, keine diplomatischen Beziehungen, nichts. Zudem sollten demokratische Bewegungen innerhalb dieser Länder unterstützt werden, wo es nur geht. Wir mussten diesen Prozess auch über 200 Jahre lang teils sehr blutig gehen. Allenfalls kann man ihn mit den richtigen Mitteln verkürzen. Es wäre wünschenswert - und wie man an den Hunderttausenden von Flüchtlingen sieht, denken auch Menschen in anderen Weltregionen so - dass sich weltweit politische Systeme wie in Westeuropa entwickeln.
räbbi 05.09.2019
2.
Ja und was ist da jetzt neu? Ob ein arabischer Staat vor Geld stinkt oder bettelarm ist, entscheidet sich doch nur daran, ob der liebe Gott rein zufällig unser Öl drunter vergraben hat. Inschallah, so es ist halt. Solidarität? Interessen, darum geht's. Paar Moscheen können sie haben, ums Essen sollen sie sich selber kümmern.
TheBlackJack 05.09.2019
3.
Kein mehrheitlich islamischer Staat repräsentiert auch nur ansatzweise den Islam oder die Muslime.
nordlicht123321 05.09.2019
4. Religionen
wurden vom Menschen erfunden um Macht auszuüben und zu erhalten. Letztendlich sind es nichts als Ideologien. Und das Hemd ist immer näher als die Hose. Da spielt der sogenannte Glaube plötzlich nur noch eine untergeordnete Rolle.
frankfurtbeat 05.09.2019
5. sind ...
sind es nicht auch die arabischen Länder die eine Aufnahme von Flüchltingen nicht wirklich möchten. Dabei handelt es sich doch um Glaubensbrüder ... so viel zu Religionen.
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