Aufstand in Kaschmir "Wenn wir rausgehen, werden die Soldaten auf uns schießen"

Ein Jugendlicher spielt Schach mit seinem Vater, wenig später wird er bei Protesten erschossen. Tausende fordern seit Wochen in Kaschmir die Unabhängigkeit von Indien, die Antwort der Sicherheitskräfte ist brutal.

Von Fahad Shah, Kaschmir


Abdul Salaam Sheikh in seinem Haus in Kaschmir. Sein 15-jähriger Sohn wurde bei Aufständen gegen die indische Regierung in Jammu und Kaschmir getötet.
Camillo Pasquarelli

Abdul Salaam Sheikh in seinem Haus in Kaschmir. Sein 15-jähriger Sohn wurde bei Aufständen gegen die indische Regierung in Jammu und Kaschmir getötet.

Als Indien am 15. August den Jahrestag seiner Unabhängigkeit von den Briten feiert, spielt der 15-jährige Yasir Salaam Sheikh mit seinen Freunden in den Straßen seines Viertels. Sheikh lebt in Kaschmir, einer umkämpften Region zwischen Indien und Pakistan, und an diesem Sommerabend hat die Regierung wieder eine Ausgangssperre über sein Viertel verhängt.

Dennoch läuft der Junge die 300 Meter zu den anderen jungen Männern, die in der Hauptstadt Srinagar für die Unabhängigkeit Kaschmirs protestieren. Sie sind Teil eines Aufstands, der seit Wochen tobt. Auf den Straßen von Kaschmir sieht es längst nach Krieg aus. Geschäfte, Schulen, Behörden und Büros sind geschlossen, der Verkehr wird mit Stacheldraht aufgehalten. Internetverbindungen wurden gekappt, das Telefonnetz ist eingeschränkt.

Wegen der vielen Verletzten in dem Konflikt mussten die Krankenhäuser den Notstand ausrufen: Tausende wurden verletzt, mehr als 70 Menschen getötet. Einer von ihnen ist der 15 Jahre alte Yasir Salaam Skeikh.

Die Sicherheitskräfte, die den Aufstand der Kaschmirer zerschlagen sollen, schießen mit Tränengas und sogenannten pellet guns auf die Demonstranten. Wie Schrotflinten feuern sie Hunderte von kleinen Geschossen ab und können schwere Verletzungen verursachen.

Sheikh wird am Abend des 15. August direkt am Herzen getroffen. Er stirbt noch auf dem Weg ins Krankenhaus. Eine Gruppe Menschen bringt den Leichnam später zu seinem Vater.

Sein Sohn stehe für die Freiheit Kaschmirs, sagt Abdul Salaam Sheikh, 52. Am Telefon erzählt er Verwandten, dass der Junge zu einem Märtyrer geworden ist, dass er sein Leben für die Unabhängigkeit geopfert hat. Aber er war eben auch sein Sohn, mit dem er Schach gespielt hat, nur wenige Stunden bevor er getötet wurde.

"Er hat immer gesagt, dass er unbewaffnet ist, aber sie haben trotzdem auf ihn geschossen", sagt der Vater. "Er hat nicht verstanden, warum wir so behandelt werden. Sagt den Indern niemand, dass es überall auf der Welt Proteste gibt, aber dass niemand mit pellets auf die Menschen schießt?"

Fatal ist die Munition auch deshalb, weil sich die Sicherheitskräfte oft nicht daran halten, nur unterhalb der Knie damit zu zielen - sondern auch den Oberkörper und Kopf treffen. Mehr als 500 Menschen sind schon von den Geschossen am Auge getroffen worden, einige sind dadurch erblindet (den Bericht eines Arztes in Kaschmir lesen Sie hier).

Verwundeter Kaschmirer in Srinagar
AFP

Verwundeter Kaschmirer in Srinagar

Die junge Generation der Kaschmirer habe keine Angst vor den Kugeln der Regierung, sagte Sheikh einmal zu seinem Vater. "Wir müssen kämpfen, bis wir frei sind", habe er verkündet. "Wenn wir rausgehen und protestieren, werden die Soldaten auf uns schießen - und wir erwarten nicht, dass sie mit Blumen auf uns feuern."

Auch der Vater gibt sich entschlossen. Der Schreiner hat seit dem Beginn der Aufstände nur sechs Tage arbeiten können. "Ich bereue nicht, dass mein Sohn getötet wurde oder dass ich so viele Tage Arbeit verloren habe. Das sind alles Opfer, die wir für ein größeres politisches Ziel erbringen: Freiheit."

Sicherheitskräfte stehen nun überall, um die Ausgangssperre zu überwachen. Und das in einer ohnehin hoch militarisierten Region. Rund eine halbe Million Soldaten halten sich in Kaschmir auf. Seit Jahrzehnten steht die Region im Mittelpunkt des Konflikts zwischen Indien und Pakistan - beides Atommächte, die sich schon zwei Kriege um das Gebiet geliefert haben.

Kurz nach der Unabhängigkeit Indiens und Pakistans im Jahr 1947 schloss sich der ehemalige Fürstenstaat der Indischen Union an. Pakistan akzeptierte den Beitritt nicht, bis heute reklamieren sowohl Indien und Pakistan als auch die Volksrepublik China das Gebiet ganz oder teilweise für sich.

Obwohl der Uno-Sicherheitsrat 1948 eine Resolution erlassen hat, wonach die Kaschmirer selbst abstimmen sollten, zu welchem Land sie gehören wollen, ist es nie dazu gekommen. Kaschmir wurde geteilt; im Süden ist der indische Bundesstaat Jammu und Kaschmir entstanden, der Norden steht unter pakistanischer Verwaltung. Bis heute schwelt der Konflikt um die Unabhängigkeit der Bewohner von Jammu und Kaschmir.

Der neue Aufruhr begann am 8. Juli 2016, als der junge Rebellenführer Burhan Muzaffar Wani von indischen Spezialeinheiten erschossen worden war. Er hat über soziale Medien viele junge Menschen mobilisieren können. Noch Wochen nach seinem Tod flammt die Gewalt immer wieder auf.

Die Regierung in Pakistan nutzt die angespannte Lage, um Indien vorzuführen. Premier Nawaz Sharif nannte den ermordeten Rebellenführer einen Märtyrer und ließ im ganzen Land für ihn beten. Pakistan thematisierte den Konflikt auch bei den Vereinten Nationen, aber Indien verbittet sich diese "Einmischung". Der Hohe Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte legte beiden Staaten nahe, Untersuchungskommissionen in dem Gebiet zuzulassen.

Die indische Regierung unter Premierminister Narendra Modi verweigert den Dialog mit lokalen Unabhängigkeitsgruppen, die sie für die Aufstände verantwortlich macht. Doch ohne Gespräche wird der Zorn der Protestierenden nur noch größer.

Vielleicht hat auch die Untätigkeit der internationalen Gemeinschaft diese jungen Männer noch wütender gemacht.

Von Pellets getroffener Mann
Camillo Pasquarelli

Von Pellets getroffener Mann

Jeden Tag müssen Dutzende neue Patienten medizinisch behandelt werden. Allein am 4. September waren es 600 Verletzte innerhalb von 24 Stunden. Viele junge Männer in einem Krankenhaus in Srinagar tragen Augenbinden, weil Pellets aus ihren Augen heraus operiert werden mussten. So wie beim 18-jährigen Zubair Dar. Als die Munition in seinen Körper drang, wurde er ohnmächtig. "Ich erinnere mich an gar nichts mehr, außer, dass ich irgendwann in diesem Krankenbett wieder aufgewacht bin."

Es dauert Stunden, eines der pellets aus einem Auge zu entfernen, und es braucht weitere Operationen, um das Augenlicht zu retten. Obwohl Menschenrechtsorganisationen gegen den Einsatz scharf protestieren, hält Indien daran fest.

Doch auch das harte Durchgreifen der Regierung ändert nichts an der Wut der Aufständischen. Viele der Jungen in dem Krankenhaus warten auf ihre Entlassung, um wieder protestieren zu können. In den Städten und Dörfern in Kaschmir ist das Wort Azaadi überall zu hören - Freiheit. Tausende schließen sich den Demonstrationen an. Auch wenn das heißt, dass sie dafür sterben, so wie Sheikh.



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recepcik 09.09.2016
1. Der nächste Dschihadkrieg droht
Kaschmir wird der Schauplatz des nächsten Dschihadkriegs werden. Die Islamisten werden auch hier zum Dschihad rufen und wieder die Terroristen aus allen Ecken der Welt mobilisieren. Die sunnitischen Moslems dürfen sich gegenseitig abschlachten ist kein Problem aber sobald der Gegner nicht von ihrer Religion oder Konfession ist einigen die sich und rufen zum Dschihad auf.
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