Pro-Spanien-Demo in Barcelona Gegner der Unabhängigkeit verspüren Aufwind

Hunderttausende haben in Barcelona demonstriert - für den Verbleib Kataloniens in Spanien. Die Gegner der Unabhängigkeit sind so geeint wie nie: Gleich zwei taktische Kniffe haben sie sich von den Separatisten abgeguckt.

Aus Barcelona berichtet


"Votarem! Votarem", hallt es durch die Straßen Barcelonas. Wieder einmal, denn bis zum 1. Oktober war das noch der Slogan der Befürworter der Unabhängigkeit: "Wir werden abstimmen." Jetzt sind es Menschen mit spanischen, katalanischen und europäischen Flaggen, die das Wort rufen, und es sind viele.

Zu Hunderttausenden sind sie an diesem Sonntag gekommen, auf die Plaça de Catalunya und die Nebenstraßen, um für den Verbleib in Spanien zu demonstrieren. "So schnell kann es gehen", sagt Lorena Soler. "Bald schon werden wir die Separatisten an den Urnen besiegen." Die 24-Jährige ist den Konflikt gewöhnt, ihre Familie besteht zu großen Teilen aus Independentistas. Vor einigen Tagen sei sie beim Abendbrot als "Faschistin" beschimpft worden. "Ich habe es satt", sagt sie - und brüllt: "Puigdemont, ins Gefängnis."

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Großdemo in Barcelona: Geeint für die Einheit

"Wir unterbrechen für einen Moment", ruft eine Frau von der Bühne aus dazwischen. "Wir wissen jetzt, wie viele wir sind: mehr als 1.300.000 Menschen!" Jubel bricht aus. Ganz so viele Menschen sind es in Wirklichkeit wohl nicht, die örtliche Polizei spricht jedenfalls von 300.000. Die Zahlen sind dennoch wichtig ab jetzt in Katalonien, denn am 21. Dezember stehen Neuwahlen an, die über das Schicksal der Region entscheiden werden. Die riesige Demonstration ist so etwas wie der inoffizielle Wahlkampfauftakt in Katalonien - und die Gegner der Unabhängigkeit sind so geeint und so laut wie nie.

Eine spanische, eine katalanische, eine europäische Flagge

In der ersten Reihe stehen an diesem Sonntag Liberale, Konservative und Sozialisten, auf der Bühne heizt ein ehemaliger Kommunist ein. Das ist neu, in den vergangenen Wochen waren die großen prospanischen Demos in Barcelona eine Sache des rechten Lagers. Die Separatisten beschuldigten die Demonstranten, von spanischen Faschistengruppen unterwandert zu sein. Wie zum Beweis prügelten sich beim letzten Mal ultrarechte Hooligangruppen und verwüsteten die Terrasse eines Cafés. Am Tag der Unabhängigkeitserklärung zogen ebenfalls kleine aggressive Gruppen von Menschen mit spanischen Flaggen durch die Straßen und attackierten einen öffentlichen katalanischen Radiosender und eine Schule.

Auch heute kommt es wieder zu vereinzelten Gewaltausbrüchen. Wie die Zeitung "La Vanguardia" berichtet, sangen rechtsextreme Gruppen faschistische Lieder, griffen einen Taxifahrer an und verletzten ihn mit einer Dose im Gesicht. Auf dem Platz vor dem katalanischen Regierungssitz gingen Männer mit spanischen Flaggen um den Schultern auf die katalanische Polizei los.

Auch eine Mitarbeiterin der katalanischen Bahn-Gesellschaft ist laut "La Vanguardia" verletzt worden.

Die allermeisten Demonstrationsteilnehmer bleiben allerdings friedlich. Sie tragen Aufkleber auf der Brust, die Herzen sind in drei Teile geteilt: Eine spanische, eine katalanische und eine europäische Flagge. Das Motto der Demo: "Wir alle sind Katalonien", gemeint ist vor allem: Ihr, die Separatisten, seid nicht die Mehrheit.

Passend zur Demo hat die spanische Zeitung "El Mundo" eine neue Umfrage veröffentlicht. Demnach verlören die Separatisten ihre absolute Mehrheit im Parlament. 43,4 Prozent der Wähler würden für Parteien stimmen, die gegen eine Abspaltung Kataloniens sind; 42,5 Prozent würden den Separatisten ihre Stimme geben. Dazu kommt eine Umfrage der Zeitung "El País", wonach 55 Prozent der Katalanen gegen die Unabhängigkeit sein sollen und nur 41 Prozent dafür. Am 1.10. hatten in einem nach spanischer Verfassung illegalen Referendum mehr als 90 Prozent der Wahlteilnehmer für die Unabhängigkeit gestimmt, allerdings nahmen nur rund 43 Prozent der Wahlberechtigten teil.

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Die Umfragen sind mit Vorsicht zu genießen, beide Zeitungen treten traditionell für die Einheit Spaniens ein. Trotzdem dürften sie den Abspaltungsgegnern Aufwind verschaffen. Während die Separatisten am Wochenende ihre Anhänger sogar dazu aufriefen, Kräfte zu sparen, haben die prospanischen Parteien bereits voll auf Wahlkampfmodus geschaltet.

Inés Arrimadas im Wahlkampfmodus

Sie werden getragen von einem Gefühl der Erleichterung. Das Eingreifen Madrids garantiert aller Voraussicht nach Neuwahlen am 21. Dezember. Ob die separatistischen Parteien überhaupt antreten werden, ist noch unklar. Dazu müssten sie erst mal anerkennen, dass der spanische Staat überhaupt noch die Kompetenz hat, in Katalonien Wahlen anzusetzen, und so eingestehen, dass die Unabhängigkeitserklärung bestenfalls symbolischen Wert hat. Die linksradikale CUP, bis jetzt noch Mehrheitsbeschaffer der Separatisten, hat bereits angekündigt, am 21. Dezember lieber Paellas zu kochen. Tritt die Partei wirklich nicht an, würde es richtig eng für die Separatisten.

Davon profitieren würde vor allem eine Frau: Inés Arrimadas, Vorsitzende der rechtsliberalen Bürgerpartei Ciudadanos in Katalonien. Sie steht an diesem Sonntag in der ersten Reihe. Die Kameras stürzen sich auf sie. Der Umfrage zufolge würde ihre Partei 19,6 Prozent der Stimmen erhalten und damit stärkste Kraft im Lager der Abspaltungsgegner werden.

Neben ihr steht Albert Rivera, Ciudadanos-Vorsitzender für ganz Spanien. Er sei sich sicher, dass Arrimadas die nächste katalanische Präsidentin sei, sagt er. Arrimadas selbst ist ohnehin im Wahlkampfmodus, für sie hat die heiße Phase spätestens am Freitag begonnen. Im Parlament bat sie kurz vor der Unabhängigkeitsabstimmung um zusätzliche Redezeit - und schwor ihre Anhänger auf Neuwahlen ein, die zu dem Zeitpunkt noch gar nicht verkündet waren. Die Demonstration sei nur ein Vorgeschmack auf das, was den Separatisten am 21. Dezember bevorstehe, sagt die 36-Jährige heute.

Taktische Kniffe bei den Independentistas abgeschaut

Bei Juan Martin Madin, 71, kommt das gut an. Er steht fünf Meter von Arrimadas entfernt hinter einer Absperrung und brüllt mit voller Kraft "Arrimadas, presidenta". Wenn es nach ihm ginge, würden die prospanischen Parteien in Katalonien gar mit einer gemeinsamen Liste antreten, natürlich mit Arrimadas an der Spitze.

Das haben zuletzt die Separatisten selbst so gemacht. "Junts pel Sí" hieß ihr Wahlbündnis, "Gemeinsam für das Ja". Nach den bestens organisierten Massendemos wäre es der nächste taktische Kniff, den die Gegner sich bei den Befürwortern der Unabhängigkeit abgucken würden.

Demonstranten mit spanischen und EU-Flaggen
REUTERS

Demonstranten mit spanischen und EU-Flaggen

Der Präsident der Societat Civil Catalana, der Gesellschaft, welche die Demo organisiert, spricht auf der Bühne bereits vom Ende des Unabhängigkeitsprozesses, bedankt sich sogar sarkastisch beim abgesetzten Präsidenten Carles Puigdemont.

Dass sich die Separatisten allerdings wirklich bereits geschlagen geben, ist nicht zu erwarten. Der erste Härtetest folgt am Montag. Dann müssen sich 141 abgesetzte katalanische Beamte entscheiden, ob sie versuchen, in ihre Büros zu kommen - oder wie von Madrid vorgesehen zu Hause bleiben.

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gre 29.10.2017
1. Independentisten - Unionisten - Demokraten?
Warum genau nochmal muss derjenige, der ein Unabhängigkeitsreferendum als gelebte Demokratie betrachtet, gegen Spanien sein bzw. für ein unabhängiges Katalonien? Warum fällt es einem Spanier schwer, Katalonien auch nur auf dem Papier den Status einer Nation zuzuschreiben? Warum macht die spanische Zentralregierung einen zum "Separatisten", nur weil man Demokrat ist, auch wenn man möglicherweise gar keine Unabhängigkeit unterstützt? Fragen über Fragen ...
kaiservondeutschland 29.10.2017
2. Die Neuwahlen werden es regeln
Die Katalanen haben bei den Neuwahlen am 21.12. die Chance, ein Zeichen zu setzen. Eine klare Mehrheit für die eine oder andere Richtung dürfte hilfreich sein.
Lankoron 29.10.2017
3. Das ganze Desaster
hätte man verhindern können, wenn die verantwortlichen Politiker mal miteinander statt übereinander geredet hätten. Aber so, egal wie es weitergeht, spaltet man, anstatt Probleme zu lösen.
Onkel Drops 29.10.2017
4. Wahlen mit internationalen Beobachtern bitte...
dann kann ganz Katalonien wählen lassen was sie wollen. Madrid hat bereits genug Mist gebaut indem sie die andere Wahl einfach per Guardia civil auflösen hat lassen. die EU hat sich da bitte rauszuhalten, manche Kommentare aus Brüssel waren ebenso total daneben. wen jemand gehen will, aus eigener Entscheidung ,dann kann er das tun. steht die EU für Zwang oder ist es ein freiheitlicher demokratischer Staatenbund ( wir leben nicht in der EUDSSR !!!) manchmal denkt man es gibt eine Abart des Wahnsinns der nur Politiker befällt im Moment. eine friedliche Welt - nicht mit denen !
ralf_schindler 29.10.2017
5. Arrimadas von den Cs nächste Präsidentin?
Als 2013 im katalanischen Parlament "ein Antrag zur Abstimmung stand, der die Verurteilung der franquistischen Diktatur vorsah, weigerten sich die Abgeordneten von Cs unter der Begründung, von politischen Gegnern keine Lektionen in Sachen Demokratie anzunehmen" (Wikipedia-Zitat). Nicht sehr verwunderlich, daß auf solchen Demos wie heute "Viva Franco!" gerufen wird. Alles in allem ein unappetitliches Gemisch und keine sehr schöne Inszenierung da heute. Jetzt warten wir doch mal ab, was die nächsten Tage so bringen.
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