Massendemo für Unabhängigkeit "Die Katalanen fühlten sich erniedrigt"

Ihr Vorbild sind die Schotten: Hunderttausende wollen am Donnerstag in Barcelona für die Abspaltung Kataloniens von Spanien demonstrieren. Im Interview spricht der Soziologe Salvador Cardús über die Stärke der Unabhängigkeitsbewegung.
Demo für die Unabhängigkeit (Archivbild): "Katalonien ist nicht Spanien"

Demo für die Unabhängigkeit (Archivbild): "Katalonien ist nicht Spanien"

Foto: ALBERT GEA/ REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Warum möchte eine große Mehrheit der Katalanen jetzt in einem Referendum über einen eigenen Staat entscheiden?

Cardús: Ich habe diese Entwicklung auch nicht kommen sehen. In den Achtzigerjahren begannen die Katalanen ganz langsam, sich mit ihren eigenen regionalen Institutionen, die es vorher nicht gegeben hatte, zu identifizieren. Wenn Meinungsforscher damals wissen wollten, ob sich die Bürger mehr als Katalanen denn als Spanier fühlten, so sagten nur etwa 27 Prozent, sie seien in erster Linie Katalanen. 2013 aber sahen sich plötzlich 60 Prozent als reine oder vor allem als Katalanen.

Zur Person
Foto: Björn Göttlicher/DER SPIEGEL

Salvador Cardús, 60, ist spanischer Soziologe. Er lehrt an der Autonomen Universität Barcelona und gehört zu einem von der katalanischen Regierung gegründeten Beraterstab, der den Weg Kataloniens in die Unabhängigkeit begleiten soll.

SPIEGEL ONLINE: Der Diktator Francisco Franco verbot die katalanische Sprache. Nach seinem Tod erhielt Katalonien jedoch 1979 eine eigene Landesverfassung und bekam Kompetenzen von der Zentrale Madrid übertragen. Reichte das nicht?

Cardús: Spanien hätte nach Francos Tod 1975 wirklich die Chance gehabt, ein plurinationaler Staat zu werden. Doch stattdessen gab es die sogenannten Autonomien, da wurden 17 Regionen über denselben Kamm geschoren wie alte Kulturnationen im Baskenland und in Katalonien. Und dennoch haben die Katalanen in den vergangenen 35 Jahren eine starke politische Identität aufgebaut, die sie vom Rest Spaniens unterscheidet: Sie haben zum Beispiel eine eigene Polizei, ein eigenes Gesundheitssystem, in der Schule lernen die Kinder hauptsächlich auf Catalán, ohne das Spanische auszuschließen, die eigene Kultur wird gepflegt. Doch schon Ende der Neunzigerjahre hatte sich das Autonomiemodell erschöpft, denn die Dezentralisierung blieb unvollendet. Ganz im Gegenteil machte sich die seit 1996 in Madrid regierende Volkspartei daran, die Autonomierechte wieder einzuschränken.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Wahlsieg der Sozialisten 2004 ermöglichte Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero eine Reform der katalanischen Landesverfassung. Warum scheiterte der Versuch, die regionalen Rechte zu erweitern?

Cardús: Zapatero war, glaube ich, ernsthaft für eine Entwicklung in Richtung Föderalismus, aber seine Partei wollte nicht mitziehen. Die Verhandlungen der katalanischen Politiker mit dem Madrider Parlament verliefen desaströs. Sie konnten sich nicht durchsetzen. Die Katalanen merkten, dass ihre Vertreter machtlos waren. Dadurch erodierte aber auch die Glaubwürdigkeit der Zentralregierung gewaltig.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch stimmte die Mehrheit der Katalanen selbst der verwässerten Landesverfassung zu. Warum gaben sich Ihre Landsleute nicht zufrieden?

Cardús: Eine gewisse spanisch-zentralistische Elite nutzte das Scheitern der katalanischen Wünsche aus, um die politische Klasse Kataloniens zu erniedrigen. Die konservative Volkspartei erfand antikatalanische Kampagnen und reichte Klage beim Verfassungsgericht ein. Das erklärte schließlich 2010 die wichtigsten Passagen der Reform für verfassungswidrig. Aber auch Sozialisten, wie der frühere Vizeparteichef, beleidigten unsere Würde. "Wir haben die Reform gehobelt, nichts ist übrig geblieben", tönte er. Und der Bürgermeister von La Coruña behauptete, in Katalonien würden spanische Schulkinder wie Juden behandelt.

SPIEGEL ONLINE: Und dieses despektierliche Geschwätz nahm man in Katalonien ernst?

Cardús: Es gibt sehr spannende Untersuchungen darüber, was kollektive Erniedrigung mit Völkern anrichtet, wie sie Feinde schafft. Die Katalanen fühlten sich ähnlich schlimm erniedrigt wie die Deutschen nach dem Ersten Weltkrieg durch die Versailler Verträge. Plötzlich wollten sich die Menschen hier nicht mehr abfällig behandeln lassen.

SPIEGEL ONLINE: Die wirtschaftskonservative, gemäßigt nationalistische CiU-Regierung betonte lange schon die Opferrolle. Die Katalanen müssten zu viel Steuer an Madrid abgeben und sie erhielten zu wenig Investitionen. Trug das Dauergejammer nicht zu den Minderwertigkeitskomplexen bei?

Cardús: Die Opferhaltung diente der Regierung in Barcelona lange als Rechtfertigung für ihre Ohnmacht gegenüber Madrid. Aber ab 2006 etwa wollten die Katalanen nicht länger Opfer sein. Statt in Depression zu versinken, handelte die Zivilgesellschaft, indem sie sich von der traditionellen Politik distanzierte.

SPIEGEL ONLINE: Wäre diese Entfremdung nicht aufzuhalten gewesen?

Cardús: Wenn es in Spanien Verständnis für die Situation gegeben hätte, schon. Aber damals setzte besonders in den Dörfern auf dem Land eine Bewegung für die Unabhängigkeit ein. Das waren nicht mehr junge Männer in Kapuzenshirts. Der Diskurs war freundlich. Indem der Akzent auf soziale Gerechtigkeit und Wohlstand gelegt wurde, beteiligten sich auch Frauen und ältere Bürger. Diese Initiativen sind der CiU längst aus dem Ruder gelaufen. Zwischen September 2009 und April 2010 wurden in 550 Dörfern nicht bindende Probeabstimmungen über die Unabhängigkeit durchgeführt. Dadurch haben sich die Menschen vernetzt. Zwei kultivierte Frauen führen das Unabhängigkeitslager an und organisieren Massendemonstrationen wie die am 11. September, zum Nationalfeiertag Kataloniens, der Diada.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn die Volksbefragung nicht stattfinden kann oder wenn die Mehrheit sich gegen die Loslösung vom Königreich ausspricht? Wird die Unabhängigkeitsbewegung in Gewalt umschlagen?

Cardús: Bislang verliefen selbst die Demonstrationen, wie die 480 Kilometer lange Menschenkette letztes Jahr, absolut friedlich. Die meisten Katalanen würden Gewalt nicht unterstützen. Wir wissen ja, dass das Referendum ohnehin nicht bindend wäre. Klar wäre die Frustration groß. Aber keiner bezweifelt, dass eine vorgezogene Regionalwahl, die legal wäre, als Plebiszit dienen könnte.