Katalonien-Konflikt Zehntausende Spanier demonstrieren für Dialog

"Redet oder tretet zurück!" - so lautet die Botschaft mehrerer Großkundgebungen in Spanien. Die Demonstranten fordern die Regierungen in Madrid und Barcelona auf, eine Lösung im Katalonien-Konflikt zu finden.

Demonstration in Madrid
Lizon/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Demonstration in Madrid


Das Referendum für die Unabhängigkeit Kataloniens ist knapp eine Woche her, die Bilder von gewaltsamen Auseinandersetzungen gingen um die Welt. An diesem Wochenende soll es anders sein: Zehntausende Spanier demonstrieren in den größten Städten des Landes für einen Dialog. Sie folgten dem Aufruf der Bürgerinitiative "Parlem? Hablemos?" ("Sprechen wir?" auf Katalanisch und Kastilisch).

Die Fronten zwischen der Landesregierung in Madrid und der Regionalregierung in Barcelona sind seit dem Unabhängigkeitsreferendum am 1. Oktober verhärtet. Die Zentralregierung hatte mit einem großen Polizeiaufgebot versucht, die vom Verfassungsgericht für rechtswidrig erklärte Abstimmung zu verhindern. Polizisten schlossen Wahllokale, beschlagnahmten Papiere und hinderten Menschen mit Schlagstöcken und Gummigeschossen an der Stimmabgabe. Erst am Freitag entschuldigte sich ein Vertreter Madrids für die Polizeigewalt.

Video: Spanier demonstrieren für Dialog

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Bei dem Referendum hatte sich eine deutliche Mehrheit für die Abspaltung der Region ausgesprochen. Allerdings waren nur 43 Prozent der Wahlberechtigten zu den Urnen gegangen. Ministerpräsident Mariano Rajoy lehnt jeden Dialog mit Barcelona ab.

Eine Frau im spanischen Vitoria hält ein Schild mit der Aufschrift "Reden Wir" in katalanischer und spanischer Sprache hoch
DPA

Eine Frau im spanischen Vitoria hält ein Schild mit der Aufschrift "Reden Wir" in katalanischer und spanischer Sprache hoch

"Spanien ist besser als seine politischen Führer", heißt es in der auf der Website "Change.org" veröffentlichten Petition der Initiative "Parlem? Hablemos?", die bis Samstagfrüh 9000 Menschen unterschrieben hatten.

In Madrid demonstrierten auch Gegner der Unabhängigkeit

In Madrid und Barcelona versammelten sich viele weiß gekleidete Menschen vor den Rathäusern. Immer wieder brandeten Sprechchöre auf: "Wir wollen, dass geredet wird", hieß es bei den Versammlungen. Mit Blick auf Ministerpräsident Rajoy und den Chef der katalanischen Regionalregierung, Carles Puigdemont, riefen die Menschen: "Redet oder tretet zurück!"

In Madrid fand wenige Hundert Meter vom Rathaus entfernt eine zweite Demonstration statt. Tausende Menschen protestierten hier gegen die Trennungspläne der wirtschaftsstarken Region. Die zentrale Plaza Colón hatte sich in ein Meer aus spanischen Nationalflaggen verwandelt. "Ich bin Spanier!", skandierten die Leute. "Katalonien darf sich nicht abspalten, wir sind für die Einheit Spaniens", sagte die Madrilenin Olga.

Das katalanische Regionalparlament könnte am Dienstag die Unabhängigkeit von Spanien ausrufen. Eine für Montag geplante Parlamentssitzung hatte das spanische Verfassungsgericht verboten, um die Proklamation der Unabhängigkeit zu verhindern. Regionalpräsident Puigdemont verschob daraufhin seinen Auftritt vor dem katalanischen Parlament auf Dienstag.

Gegner der Unabhängigkeit demonstrieren in Madrid am 7. Oktober
DPA

Gegner der Unabhängigkeit demonstrieren in Madrid am 7. Oktober

Schriftstellerin Amat: Jetzt spricht die schweigende Mehrheit

Die katalanische Schriftstellerin Nuria Amat begrüßte die Demonstrationen gegen eine Unabhängigkeit Kataloniens. "Jetzt spricht die schweigende Mehrheit", sagte Amat. Zugleich beklagte sie, dass Gegner der Abspaltung in Katalonien gemobbt würden. Alle Umfragen der vergangenen Jahre hätten aber ergeben, dass die Separatisten keine Mehrheit hätten.

Amat, die sowohl auf Spanisch als auch auf Katalanisch schreibt, sagte, dass sie vielfach angefeindet worden sei, weil sie sich gegen eine Abspaltung einsetze. "Man hat mich beleidigt, man hat mich angegriffen, und das seit Jahren", sagte sie. "Ich habe Freunde verloren. Alle Familien in Katalonien haben sich entzweit", sagte sie weiter.

yes/dpa/AFP

insgesamt 101 Beiträge
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wokri 07.10.2017
1. Klasse Aktion
Nur durch Kommunikation kann das Katalonien Problem gelöst werden.
VirusXX 07.10.2017
2. Frieden für die Demokratie
Keine macht den Seperatisten, frieden für die Demokratie, frieden für Spanien und Frieden für alle Länder der EU.Für ein Gemeinsames zusammen leben untereinander, nur so können wir den Frieden in Europa bewahren.
Thorsten_Barcelona 07.10.2017
3. Fotos sind irreführend
Die Fotos sind von der spanischen Demonstration für die Einheit. Es wäre schön gewesen wenigstens ein Foto von Leuten ohne Flaggen zu haben, nur in Weiss. So ist das komplett irreführend.
atmin 07.10.2017
4. Wäre schon besser
Ich schließe mich hiermit der Demonstration virtuell an. Zersplitterung bringt uns allen nichts.
Dion 07.10.2017
5. Verfassung Spaniens
Die Verfassung Spaniens von 1978, auf die sich die Regierung in Madrid beruft, ist 3 Jahre nach Francos Tod verabschiedet worden, d.h. seine Anhänger waren noch aktiv und haben den Text zumindest beeinflusst. Was ich sagen will: Verfassung kann man ändern. Katalanen wären schon zufrieden, wenn sie eine Autonomie bekämen, wie sie die Basken haben oder Südtirol in Italien hat. In diesen beiden Fällen musste lange gekämpft werden, auch mit terroristischen Mitteln, erst dann haben die Basken und Südtiroler bekommen, was sie wollten. Hat man daraus nichts gelernt? Will man erst nachgeben, wenn es – wie damals – genug Tote gibt?
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